Genaues Hinhören lohnt sich

Alban Berg, Lulu,  Hamburgische Staatsoper

Alban Berg, Lulu
Hamburgische Staatsoper
15. Februar 2017

von Bianca Heitzer

Wer oder was ist eigentlich Lulu? Diese Frage hat sich der ein oder andere Zuschauer am Mittwochabend an der Hamburgischen Staatsoper gestellt. Als „männermordende femme fatale“, „Unerreichbarkeitsfigur“ und „Unheilstifterin“ wird die Lulu in Alban Bergs gleichnamiger Oper oft bezeichnet – in Christoph Marthalers Hamburger Neuinszenierung wird sie um einige Facetten reicher.

Dass Bergs 1937 postum uraufgeführte Oper „Lulu“ kein einfaches Unterfangen ist, weder für Musiker, noch für Regieteams, liegt zum einen am komplexen Kompositionsverfahren – Alban Berg war Komponist der Zweiten Wiener Schule und entwarf seine „Lulu“ im Stile der Zwölfton(reihen)technik. Zum anderen konnte er die Arbeiten an der Oper nie beenden, wodurch vom 3. Akt nur Fragmente einer unvollendeten Instrumentierung erhalten sind.

Von all diesen Tücken und Problemen ließen sich der Schweizer Regisseur Christoph Marthaler, die Kostüm- und Bühnenbildnerin Anna Viebrock sowie Generalmusikdirektor Kent Nagano nicht abschrecken und präsentierten eine völlig neue Lesart der „Lulu“. Weder Friedrich Cerhas nachträglich erstellte Orchestrierung, noch die häufig verwendete Lulu-Suite setzten den Schlusspunkt, sondern Alban Bergs Violinkonzert, das dieser der verstorbenen Tochter Alma Mahlers gewidmet hatte.

Die Lösung für das Dilemma „3. Akt“ schien an diesem Abend gefunden und der Violinistin Veronika Eberle gelang es, das Publikum mit ihrem Spiel in Staunen und Entzücken zu versetzen. Trotz später Stunde herrschte eine gespannte, neugierige Stille im Zuschauerraum, als sie die Bühne betrat, und man konnte gebannt verfolgen, wie die 1988 geborene Eberle ihrem Instrument dunkle, volle Töne entlockte und mit hoher Konzentration und Präzision in Dialog mit dem Orchester trat.

Unumstrittener Dreh- und Angelpunkt des Abends war jedoch Barbara Hannigan in der Rolle der „Lulu“. Die kanadische Sopranistin, die 2010 zudem als Dirigentin debütierte, machte von Anfang an klar, dass ihre Figur mehr ist, als bloße Projektionsfläche. Mit ihrer kristallklaren, brillanten Stimme, sowie einem deutlichen Gespür für die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts meisterte sie jede Schwierigkeit und bestritt mühelos jeden noch so großen Intervallsprung.

Hannigan sang nicht nur fantastisch, auch ihre tänzerische, gar akrobatische Leistung sorgte für Aufsehen. Mal anmutig gleitend, mal hüpfend, springend, schwingend, bewegte sich die Sopranistin über die Bühne, so dass sich manch Zuschauer fragte, wie man es schafft, im Handstand noch so sicher und souverän Berg zu singen. Dass sie sich intensiv mit ihrer Rolle befasst hat, zeigt auch folgende Beschreibung ihrer Figur:

“Lulu is a very strong character, she’s self confident, very true to herself, very instinctual and her relationship with the other characters is difficult for them – she’s a challenging person to be around.“

Trotz der herausfordernden Figur „Lulu“ überzeugten die Gräfin Geschwitz (Anne Sofie von Otter) sowie die Männerfiguren, deren Sein und Handeln sich innerhalb der Oper permanent um Lulu zu kreisen scheinen, mit großer Souveränität.

Der Barition Jochen Schmeckenbecher, der für seine Rolle des Don Quixote 2015 mit dem Österreichischen Musiktheaterpreis ausgezeichnet wurde, sang die Doppelrolle Dr. Schön/ Jack the Ripper kraftvoll und warm. Obwohl er sich in der Rolle des Dr. Schön bisweilen taumelnd, wahnsinnig und rasend vor Eifersucht über die Bühne bewegte, erklang seine Stimme stets voll und sicher und wirkte niemals gebrochen.

Auch die Tenöre Peter Lodahl, in der Rolle des Malers, und Matthias Klink als Alwa begeisterten an diesem Abend die Zuschauer und waren in der Lage, den schwierigen Spagat zwischen gesprochenen und gesungenen Passagen natürlich und ohne große Anstrengung zu bewältigen. Ihre hohe Textverständlichkeit sowie ihr klares Timbre in den verschiedenen Registern überzeugten.

Aber die Musik war nicht jedermanns Geschmack: Die Anzahl meiner Sitznachbarn verringerte sich mit jeder Pause deutlich. Neben Anerkennung, großem Lob und viel Beifall für Sänger und Orchester, hörte man durchaus die geflüsterten Worte „schrill“, „schrecklich“ und „anstrengend“ aus dem Zuschauerraum.

Dass Alban Bergs Oper „Lulu“ vielleicht weniger eingängig erklingt als eine Mozart-Oper sollte auf der Hand liegen. Dennoch hat diese Musik viel zu bieten, und das genaue Hinhören, Zuhören und Heraushören verschiedener Elemente kann eine große Bereicherung sein.

Bianca Heitzer für klassik-begeistert.de,
16. Februar 2017

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