Zum Weinen schön

Anna Netrebko, George Petean, Yusif Eyvazov, Luciana D’Intino, Jongmin Park, Marco Armiliato, Giuseppe Verdi, Il Trovatore,  Wiener Staatsoper

Giuseppe Verdi, Il Trovatore
Wiener Staatsoper, 7. September 2017
Leonora Anna Netrebko
Il Conte di Luna George Petean
Manrico Yusif Eyvazov
Azucena Luciana D’Intino
Ferrando Jongmin Park

Schätzen Sie sich glücklich, wenn Sie ein Ticket für kommenden Sonntag, 10. September 2017, 19 Uhr in der Wiener Staatsoper haben. „Falls nicht“, schrieb der „Kurier“ zur Premiere von Giuseppe Verdis „Il Trovatore“ trefflich: „Lassen Sie sich auf Wartelisten setzen, bestechen Sie Mitarbeiter von Kartenbüros mit ihrem charmantesten Lächeln, schenken Sie Menschen, die ein Ticket haben, Fernreisen für diese Zeit – allein eine einzige Arie würde den Besuch und den damit verbundenen Aufwand lohnen.“

Auf der Bühne wird – insofern sie nicht wieder erkrankt wie zur Eröffnung der Staatsopern-Saison am 4. September – die derzeit beste Sängerin der Welt stehen: Anna Jurjewna Netrebko, geboren in Krasnodar, bald 46 Jahre alt, Sopranistin. Die Russin mit österreichischem Pass singt die Leonora.

Anna Netrebko ist jene Sängerin, die ihr Publikum zu berühren vermag wie keine andere. Am Donnerstagabend sang der Weltstar mit einer Hingabe und Vollkommenheit, mit einer Intensität und Energie, die sprachlos machte. Das war Gänsehaut pur! Das war Annamagic! Ganz herzlichen Dank, verehrte Frau Netrebko, Sie machen die Menschen glücklich!

„Wie Anna Netrebko ‚D’amor sull’ali rosee’ singt, wie elegant, wie sensibel, wie ausdrucksstark, wie sie mit jeder Note spielt, diese als Ton in die Luft wirft, balanciert, moduliert, wie sie Pianissimi ins Auditorium zaubert, aber stets so, dass selbst der zarteste Hauch den ganzen Raum erfüllt – all das ist meisterhaft“, schreibt der Kurier.

„Dieser magische Moment im ersten Bild des vierten Aktes ist so intensiv, dass nicht wenige im Publikum Tränen in den Augen hatten. Zum Weinen schön. Er erinnerte an Netrebkos erste Donna-Anna-Arie bei den Salzburger Festspielen. Oder an das ‚E lucevan le stelle’ von Jonas Kaufmann an der Staatsoper. Oder an Neil Shicoffs ‚Rachel, quand du Seigneur’. Soll heißen: Das macht ihr/ihnen niemand nach, das geht zur Zeit nicht besser.

In Salzburg hatte Netrebko die Partie der Leonora in Giuseppe Verdis ‚Trovatore’ bereits gesungen, auch in Berlin und anderswo. Selbst wenn man denkt, man hätte das also bereits erlebt: Netrebko erstaunt immer wieder aufs Neue, indem sie sich nochmals steigert.“

Der Auftritt des Weltstars in der mittleren Oper aus Verdis „populärer Trilogie“ („Rigoletto“, „Der Troubadour“, „La traviata“, 1851 – 1853) geriet nach ihrer atemberaubenden Weltklasse-Aufführung als Aida bei den Salzburger Festspielen (https://www.youtube.com/watch?v=UeA5GZ-reIM) zu einem unvergesslichen musikalischen Ausrufezeichen an stimmlicher und darstellerischer Perfektion.

Anna Netrebkos Gesang entspannt. Ihre satte Tiefe und ihre strahlende Höhe sind vom Piano bis zum Forte gleichermaßen stark; ihr Timbre ist mittlerweile so abgedunkelt, dass es fast wie ein Mezzo klingt, ihre strahlenden Spitzentöne sind ungebrochen. Gleichzeitig überragt sie alle Darsteller mit ihrer Präsenz. Sie kommt auf die Bühne, und die gehört ihr fast allein. Es gleicht einer Explosion, wenn sie ihre Energie zum Glühen bringt.

Die Wienerin Monika Stumpf resümierte bereits nach der ersten „Trovatore“-Aufführung an der Wiener Staatsoper: „Mir geht ein Schauer über den Rücken, wenn Anna Netrebko singt. Diese Frau begeistert und beeindruckt. Sie rührt mich zu Tränen.“

Auch ihr Mann Alexander Juen war begeistert: „Phantastisch! Eine absolut geniale sängerische Leistung. Anna Netrebko wird von Jahr zu Jahr besser. Sie füllt den Raum mit Wohlklang und Wärme, auch wenn sie ganz leise singt.“

„Gesanglich ist das ein epochaler Auftritt“, bilanzierte die Wienerin Eva Wexberg.

„Das Tolle ist, wie sehr Anna Netrebko sich mit jeder Rolle identifizieren kann“, sagte die Wienerin Gabriele Hitzenberger. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand anders die Partie einfühlsamer singen kann.“

„Es ist für mich ein wahres Glück, einen solchen Abend an der Wiener Staatsoper erlebt zu haben“, sagte die Wienerin Nina Fuchs. „Die Netrebko ist eine begnadete Sängerin. Sie versteht es mit ihrer Stimme wie keine andere, das Publikum zu berühren und verführen. Wenn Anna Netrebkos Stimme traurig klingt, bin ich auch traurig. Wenn sie glücklich klingt, bin ich auch glücklich.“

„Je älter sie wird, desto schöner singt sie“, sagte Peter Förster nach Netrebkos Leonara-Auftritt an der Staatsoper Berlin. „Ihre Stimme ist reifer und voluminöser geworden. „Anna Netrebkos Gesang geht einfach unter die Haut.“

Auch seine Frau Annemarie Förster war hin und weg: „Ihr Gesang erweckt in mir die Gefühle einer Frau, einer Mutter und einer Tochter. Für uns ist Stimme das schönste Instrument. Was man aus diesem Geschenk Gottes machen kann, ist beeindruckend.“

Der Tagesspiegel war bei der Premiere voll des Lobes für die Sängerin. „Netrebko ist ja immer noch und immer wieder den Bohei wert, den man um sie macht. Die Batterie, die diesen Sopran befeuert, erscheint in manchen Momenten eher wie ein Kernreaktor.“ Ihre Stimme werde stets getragen „von einer purpurnen, rotglühenden, vulkanischen Unterströmung“.

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung jubelte: „Diese Sängerin ist den erhöhten Eintrittspreis dreifach wert. Jeder Ansatz, jedes Crescendo, jede Geste, jedes Pianissimo, jeder Triller: Es passt.“

Es war auch an diesem Abend überwältigend, wie Anna Netrebko Spitzentöne ansteuerte und dann ein Diminuendo bis fast zur Lautlosigkeit ausformte – das ist Stimmkunst in vollendeter Form. „Netrebkos Stimme ist makellos, zärtlich, die Koloraturen freizügig girrend, aufblühend“, schrieb die Berliner Morgenpost.

„Anna Netrebko singt ganz außergewöhnlich“, sagte der Germanistik- und Anglistik-Student Jakob Schepers aus Berlin. „Bei ihr kommen Klarheit und Gefühl gleichermaßen zum Ausdruck – sie hat etwas, das andere Sopranistinnen nicht drauf haben. Anna Netrebko kann stärker Emotionen herüberbringen als andere Sängerinnen.“

„Wir sind extra für Anna gekommen“, sagte Jan Lindberg aus Stockholm, „sie hat die außerordentliche Fähigkeit, vom Guten bis zum Teufel ganz unterschiedliche Charaktere zu interpretieren. Sie gibt sich auf der Bühne ganz und gar ihrer Rolle hin.“

Auch die Sängerin Christa Luckow aus Bardowick (Niedersachsen) war hin und weg: „Die Größe ihrer Stimme ist wunderbar, das Spektrum ihrer Klangfarben ist grandios: In die Tiefe ist sie ein warmer Mezzo, in der Höhe ist ihre Strahlkraft ungebrochen. Ihre Koloraturen sind hinreißend eingebettet in eine gesamtrunde Stimme. Anna Netrebko beherrscht die Bühne auch mit ihrer Persönlichkeit und ihrer Schauspielkunst.“

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Ja, und dann war da noch die wunderbare, lebendige Inszenierung von Daniele Abbado, die im Spanischen Bürgerkrieg spielt. Das feinfühlige Dirigat von Marco Armiliato ließ viele Feinheiten dieser kostbaren Musik ganz neu erstrahlen. Der gebürtige Genuese dirigierte ohne Noten – beeindruckend! Und dieser Mann ist richtig locker und entspannt: Er lacht während seiner Arbeit und verbreitet im Graben eine sehr positive Energie. Als Italiener lässt er es sich nicht nehmen, fast die ganze Oper leise mitzusingen.

In punkto Gesang und Spiel bezauberten der Chor und Extrachor der Wiener Staatsoper – und noch andere sehr gute Sänger auf der Bühne:

Der phantastische George Petean zeigte einen virilen, doch sanfte Seiten zeigenden Il Conte di Luna. Sehr viel Beifall für diesen noblen Bariton der Extraklasse und ein ganz großes Wohlfühlgefühl.

In punkto Gesangsleistung hätte sich Anna Netrebko für George Petean aus Cluj-Napoca, Rumänien, entscheiden müssen – und nicht, wie im Libretto von Salvadore Cammarano vorgesehen, für Manrico, gesungen von ihrem Ehemann Yusif Eyvazov, Sohn eines Universitätsprofessors aus Aserbaidschan, in Algerien geboren und aufgewachsen im aserbadschanischen Baku. Der Tenor schwächelte bei den ersten hohen Tönen hinter der Bühne – und blieb im ersten und zweiten Satz oft blass. Sein Timbre ist gewöhnungsbedürftig. Aber er lieferte immer wieder auch ausgesprochen schöne lyrische Passagen in allen Lagen. Die Strahlkraft Eyvazovs ist beeindruckend. Und ab dem dritten Satz war der Tenor mit der metallisch glanzvollen Stimme sehr gut. Er bekam zurecht viel Applaus und einen Blumenstrauß auf die Bühne geworfen.

Eine vorzügliche Leistung bot die Italienerin Luciana D’Intino als alte Zigeunerin Azucena. Ihr dramatischer Mezzosopran verkörperte mit famoser Tiefe in Reinkultur das Mystische, das Dunkle, ja Hexenhafte der Azucena – ohne unangenehm zu vibrieren. Sie ist ein Traum von Sängerin für Rollen aus einer Welt, wo sich das Böse versammelt. Wirklich eine Vollblutsängerin.

Wunderbar sinnlich-männlich der Bass Jongmin Park aus Seoul als Ferrando. Was für eine satte, profunde Stimme! Dieser Sänger ist mehr als ein „rising star“ – er zählt schon jetzt zu den führenden Bässen seiner Generation. Fast niemand in seiner Altersklasse kann ihm mit seinen 30 Jahren das Wasser reichen in Sachen Väterlichkeit und Virilität. Eine wahre Perle ist dieses Ensemblemitglied für die Wiener Staatsoper! Kein Wunder, dass die Hamburgische Staatsoper ihn 2013 nicht mehr halten konnte. Der Koreaner hat 2015 den Lied-Preis des BBC Cardiff Singer of the World-Wettbewerbs gewonnen und debütierte 2016 bei den Salzburger Festspielen.

Andreas Schmidt, 8. September 2017, für
klassik-begeistert.at

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