Wenig Gespür für feine Nuancen: Violinrezital Anush Nikogosyan auf Schloss Wackerbarth

Anush Nikogosyan, Vag Papian, Dresdner Musikfestspiele,  Schloss Wackerbarth

Foto: © Narek Harutyunyan

Schloss Wackerbarth (Radebeul), Abfüllhalle, 13. Mai 2018

Anush Nikogosyan, Violine
Vag Papian, Klavier

von Pauline Lehmann

Neben Konzerten an traditionellen Spielstätten laden die Dresdner Musikfestspiele zu musikalischen Erlebnissen an ungewöhnlichen Orten. Das Weingut Schloss Wackerbarth präsentiert sich auch in der diesjährigen Festspielsaison als Podium für junge Talente und kammermusikalische Höhepunkte. Der imposante Blick auf die Weinberge und der Konzertsaal inmitten der Manufaktur bieten einen eindrucksvollen Rahmen für unvergessliche Festspielmomente.

Die armenische Geigerin Anush Nikogosyan und ihr Klavierpartner Vag Papian spannen einen musikalischen Bogen von der Klassik bis hin zur Moderne. Mit Werken von Ludwig van Beethoven, Robert Schumann, Dmitri Schostakowitsch und dem zeitgenössischen armenischen Komponisten Arno Babadschanjan wagen sich die beiden Musiker an kontrastreiche musikalische Welten. Eine anspruchsvolle Programmauswahl, die ein höchst differenziertes Ausdrucksvermögen und ein Gespür für feine Nuancen erfordert, dem die Interpreten nicht immer gerecht werden konnten. Nur eine tiefe Dramatik liegt dem Konzertabend inne, die noch lange nachklingen wird.

Nikogosyan und Papian eröffnen den Konzertabend mit Ludwig van Beethovens Sonate für Klavier und Violine Nr. 5 F-Dur „Frühlingssonate“. Das lyrische Motiv erklingt durch die Violine sehnsuchtsvoll und beinahe romantisch. Die ausgelassene Freude und graziöse Anmut, die dem ersten Thema des Kopfsatzes innewohnen, fehlen. Das Zusammenspiel der beiden Interpreten wirkt unausgewogen. Der armenisch-israelische Pianist dominiert mit seinem kraftvollen Spiel und beeindruckt mit einer brillanten, präzisen Tongebung und perlenden Läufen. Nikogosyans Violinspiel verblasst und wirkt zurückhaltend und undeutlich. Das zweite Thema des Kopfsatzes erklingt energetisch und dramatisch. Hier gelingt es den beiden Interpreten, die Dynamik präzise herauszuarbeiten und spannungsvolle Passagen entstehen zu lassen.

Auf das muntere Allegro folgt ein nachdenkliches, verhaltenes Adagio molto espressivo. Nikogosyan und Papian übermitteln die Stimmungswelt des zweiten Satzes eindringlich. Die Violine berührt mit einem zarten, warmen Klang. Nur das langsame Tempo hindert den musikalischen Fluss und lässt die Musik an manchen Stellen stagnieren.

Dem freudig jauchzenden Scherzo Allegro molto fehlt der Schwung. Abgebrochene Staccato-Töne lassen den dritten Sonatensatz schwerfällig und kraftlos wirken. Der vierte Satz Rondo Allegro ma non troppo beginnt forsch und offensiv. An manchen Stellen entsteht ein klanglich beeindruckender musikalischer Fluss, der wiederum abrupt abbricht oder zu sehr hetzt.

Nikogosyan und Papian gestalten Robert Schumanns „Fantasiestücke“ op. 73 als klangliche Einheit, lassen aber die diffizilen Klangwelten der einzelnen Stücke außer Acht. Auch die Fantasiestücke wirken sehnsuchtsvoll und dramatisch. Das dritte Stück Rasch und mit Feuer bildet einen fulminanten Abschluss des ersten Konzertteils.

Nach der Pause führen Nikogosyan und Papian das Publikum in die russische und armenische Moderne. Sie musizieren vier aus den insgesamt 24 Préludes von Dmitri Schostakowitsch. Die beiden Musiker bringen die unterschiedlichen und schnell wechselnden Charaktäre der Stücke gut zum Ausdruck. Sie verweben lyrische, melancholische Melodien und energetisch pulsierende Rhythmen zu einem Klangbild.

Den Höhepunkt des Konzerts bildet Arno Babadschanjans Sonate für Violine und Klavier in b-Moll. Der erste Satz Grave – Allegro energico gelingt energievoll. Die dynamische Bandbreite wird von den beiden Musikern beherrscht: Ein sanftes Pianissimo entwickelt sich zu einem stürmischen Fortissimo. Nikogosyans Spiel gewinnt an Ausdruckskraft und Tiefe. Schnelle Passagen gelingen rhythmisch präzise und lyrische Stellen sind stilistisch durchdacht. Der Mittelteil mit den langen auf einer Tonhöhe verharrenden Passagen in der Violinstimme wirkt sphärisch.

Nikogosyan und Papian beschreiben den zweiten Satz Andante sostenuto als Zwiegespräch zwischen Violine und Klavier. Ihr Zusammenspiel ist ausgeglichener als im ersten Konzertteil. In dem dritten Satz Allegro risoluto überzeugen die beiden Interpreten durch die Vielseitigkeit ihres musikalischen Ausdrucks. Lyrische Melodien und verhaltene Akkorde treffen auf wuchtige, erschütternde Klänge. Als Zugabe erklingt eine armenische Volksweise. Die armenische Musik voller Melancholie und Sehnsucht bleibt lange in Erinnerung.

Pauline Lehmann, 17. Mai 2018, für
klassik-begeistert.de

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