Adieu, tonale Struktur – adieu, tröstende Kadenz

Arnold Schönberg: Moses und Aron,
Ingo Metzmacher, NDR Elbphilharmonie Orchester,
Chorsolisten der Komischen Oper Berlin
mit Vocalconsort Berlin,
Franz Grundheber, Moses
John Daszak Aron,

von Ricarda Ott

Der letzte Abend des 17-tägigen Eröffnungsfestivals der Elbphilharmonie endet mit einer musikalischen Herausforderung besonderer Art. 63 Jahre nach der Uraufführung von Arnold Schönbergs unvollendeter Oper Moses und Aron in der Hamburger Musikhalle, kommt das Stück zurück in die Hansestadt. Ingo Metzmacher dirigiert das NDR Elbphilharmonie Orchester, 11 Solisten, darunter Franz Grundheber als Moses und John Daszak als Aron sowie die Chorsolisten der Komischen Oper Berlin und das Vokalconsort Berlin.

Ein besonderer und anstrengender Abend zugleich – nicht nur für die Aufführenden auf der Bühne und im ganzen Saal verteilt, sondern auch für alle Gäste auf den grauen, dick gepolsterten Stühlen. Schönbergs Musik, die im Wien nach der Jahrhundertwende radikal die musikalische Avantgarde einläutete, ist mit der sogenannten Zwölftontechnik komponiert: eine festgelegte Reihenfolge von den 12 Tönen der Tonleiter, die in strenger Folge immer gleich verwendet werden.

Das klingt dann erst einmal ganz schön schräg. Adieu, tonale Struktur. Adieu, tröstende Kadenz.

Dazu ein mehr als nur abstrakter und komplexer Inhalt eines von religiösen Fragen getriebenen – der Jude Schönberg konvertierte 1898 zum Protestantismus – und in der Zeit der Werksentstehung 1928 bis 1932 bereits von antisemitischen Ressentiments verfolgten Künstlers. Die zentrale Frage des biblischen Inhalts, des 2. Buches Mose, der Oper und des Bruderdisputs zwischen Moses und Aron: wie greifbar, wie vorstellbar ist Gott und wie kann der Gottesgedanke in ein kollektives Glaubensbild vereint werden.

Ohne großes Vorspiel, ohne „Ouvertüre“ geht es hinein ins Stück. Moses, dargeboten von Franz Grundheber, eröffnet mehr sprechend als singend: „Einziger, ewiger, allgegenwärtiger, unsichtbarer und unvorstellbarer Gott“.

Die Solisten, zwischen den Perkussionsinstrumenten im Orchester platziert, sind von Beginn an stark – allen voran die beiden Titelrollen Moses und Aron. Franz Grundheber deklamiert und artikuliert messerscharf. Er füllt den Resonanzraum seiner Sprechstimme mit beeindruckendem Volumen, das den Worten großen Ausdruck verleiht. Aron, gesungen vom britischen Tenor John Daszak, übernimmt dagegen die tragenden ariosen Rezitative. Arios, nun ja. Schönberg komponierte in diese lyrischen, oftmals von sanften Holzbläser-Soli begleiteten Passagen immer wieder große, fast widernatürlich anmutende Intervallsprünge. Die meistert Daszak wirklich gut und fast immer souverän: ab und an verrutschen die Höhen ein wenig und der Text wird unverständlich.

Textverständlichkeit ist aber auch wirklich problematisch, wenn mehrere, prägnant zu vernehmende Instrumentenstimmen mal kontrapunktisch, mal polyrhythmisch übereinander herfallen und dann der knapp 100 Stimmen starke Chor einsetzt – natürlich nicht homophon, sondern kanonisch und mit unterschiedlichem Text.

Die Chorsolisten der Komischen Oper und das Vokalconsort Berlin legen eine große Show ab. Sie flüstern, säuseln, schnattern wild durcheinander, singen mal anklagend hart, mal flehend weich und haben sogar längere Passagen, in denen die einzelnen Singstimmen unisono sprechen. Das funktioniert so präzise, als spräche man aus einem Munde. Das Werk ist den Chören aber auch nur allzu gut bekannt: 2015 waren die beiden Ensembles an der vielumjubelten Aufführung des Moses-Stoffs an der Komischen Oper in Berlin beteiligt (Inszenierung: Barrie Kosky, Dirigat: Vladimir Jurowski), die zum 70. Jahrestages der Befreiung Auschwitzs ein wichtiges musik-politisches Ereignis markierte.

Einzig störend am Auftritt des Chores ist die Unruhe bei den Positionswechseln. Während des Abends singt der Chor mal in einer Reihe stehend von links und rechts aus der 13. Ebene. Mal stehen vereinzelte Chorsolisten im ganzen Saal zwischen den Zuschauern verteilt, dann treten die 100 Menschen während des Stückes auf ihre Hauptposition im Sitzblock 13 G direkt hinter dem Orchester. Das sehen natürlich fast alle Zuschauer. Abgelenkt beobachtet man und bleibt verärgert, wenn in spannenden Momenten des Orchesters Fußgetrappel zu hören ist. Da verzichtet man lieber auf den Stereo-Effekt.

Auch Ingo Metzmacher mag sich gefragt haben, ob diese „erschwerten Arbeitsbedingungen“ von Nöten sind. Schließlich ist der Saal so groß, dass es extra deutlicher Gestik des Dirigenten bedarf, um alle Sänger weiterhin im Einklang leiten zu können. Doch ob nah oder fern, ob alle in Reih und Glied oder vereinzelt – später sind sogar Trommel und das Celesta im 15. Stock aufgebaut: Metzmacher gibt alles und verdient vielleicht das größte Bravo an diesem Abend. Sein Dirigat umfasst streckenweise seinen ganzen Körper: wippend, pendelnd verkörpert er Takt für Takt als Motor, als wegweisender Kompass die wilden Rhythmen und Metrenwechsel in Schönbergs Musik.

Das Orchester gibt eine gute Leistung ab. Technisch zeigen die Stimmführer der Instrumentengruppen ihr Können, und auch als Kollektiv tragen sie die Schönberg’schen Klangwelten beeindruckend vor. Einzig die Abschlüsse sind nicht ganz perfekt: mehrmals schließt Metzmacher eine Phrase, und das Orchester poltert erst Sekunden-Bruchstücke später ins Ziel. Da mangelt es dann das ein oder andere Mal an finaler Präzision. Eine Herausforderung nicht nur für die Musiker,…

…sondern auch für die Gäste an diesem Abend. Schönbergs Musik fordert Konzentration und vor allem unvoreingenommene Vorstellungskraft. Wer sich darauf einlässt – auf schräge Klänge, vermeintliches Chaos und vorwurfsvoll angenommene Beliebigkeit – wird herausfinden, dass (fast) unbekannte Klangwelten warten und dass der Musik eine tiefe, reine Ordnung zugrunde liegt.

Einige Gäste konnten und wollten sich dieser Herausforderung an diesem Abend nicht stellen und verließen ihre heißbegehrten Plätze in der Pause nach dem 1. Akt. Schade!

Alle anderen aber waren begeistert und bezeugten dies nach Ende der Vorstellung ausgiebig. Großer Applaus und vereinzelte Rufe für Grundheber, Daszak und die anderen Solisten. Langanhaltender Applaus auch für den Chordirektor der Komischen Oper Berlin, David Cavelius, und die Chorsängerinnen und -sänger. Bravo-Rufe dann für den großen Mann des Abends: Ingo Metzmacher, der selbst beim Applaus noch der Organisator blieb und die Solistenschar drei Mal auf und ab beorderte. Ingo Metzmacher zeigt sich als große Führungsfigur an diesem besonderen Abend, den man in Konzerthäusern viel zu selten erleben kann.

Ricarda Ott, 29. Januar 2018,
für klassik-begeistert.de

2 Gedanken zu „Arnold Schönberg, Moses und Aron, Ingo Metzmacher, NDR Elbphilharmonie Orchester, Chorsolisten der Komischen Oper Berlin, Vocalconsort Berlin,
Elbphilharmonie Hamburg“

  1. Zu Ihrem Text „Moses, gesungen von Franz Grundheber, eröffnet mehr sprechend als singend: ‚Einziger, ewiger, allgegenwärtiger, unsichtbarer und unvorstellbarer Gott’“.
    Sie wissen aber schon, dass der Moses NICHT gesungen werden darf, dass es sich hier um eine Sprechrolle handelt, die in einem ganz besonderen vorgegeben Rythmus und Tonhöhe dargebracht werden muss. Und ihre Aussage „wirklich singen muss er nicht“ klingt sehr abwertend (auch vom ersten Satz) und zeigt aber zugleich, dass Sie die Oper nicht wirklich verstanden haben. Sie vermitteln dass Franz Grundheber nicht mehr singen kann. Was soll das ? Das ist eigentlich sehr böse, denn beim Moses geht es überhaupt nicht ums singen. Ein Moses der singt, hat seine Rolle nicht verstanden. Herr Grundheber hat diese Rolle vor vielen Jahren in Wien mit einem Assistenten von Arnold Schönberg erarbeitet, der ihm weitergeben konnte, WIE genau sich der Komponist die Gestaltung des Moses im Gegensatz zu der Rolle des Aron vorgestellt hat.
    S. Resperger

  2. Liebe Frau Resperger, die Autorin hat das Werk natürlich verstanden. Ihr Satz zu Herrn Grundheber ist rein beschreibend – und das ist gut so, denn viele Leser von klassik-begeistert.de kennen „Moses und Aron“ nicht. Die Autorin schreibt zudem: „Franz Grundheber deklamiert und artikuliert messerscharf, wirklich singen muss er nicht. Aber er füllt den Resonanzraum seiner Sprechstimme mit beeindruckendem Volumen, das den Worten großen Ausdruck verleiht.“ Na, wenn das nicht ein Lob ist…
    Andreas Schmidt, Herausgeber, klassik-begeistert.de

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