Die Schotten und die Hohe See im Wiener Musikverein

BBC Scottish Symphony Orchestra Glasgow, Thomas Dausgaard, Nikolaj Znaider,  Wiener Musikverein

Thomas Dausgaard und das BBC Scottish Symphony Orchestra gastieren im Goldenen Saal

Wiener Musikverein, Großer Saal, 5. November 2017
BBC Scottish Symphony Orchestra Glasgow
Thomas Dausgaard Dirigent
Nikolaj Znaider Violine
Benjamin Britten Vier Interludes aus der Oper „Peter Grimes”, op. 33a
Johannes Brahms Konzert für Violine und Orchester D-Dur, op. 77
Felix Mendelssohn Bartholdy Symphonie Nr. 3 a-Moll, op. 56, „Schottische“

von Charles E. Ritterband

Hat man im Wiener Musikverein die Nordsee in Benjamin Brittens „Four Sea Interludes“ je gewaltiger tosen gehört, hat man Johannes Brahms‘ D-Dur-Violinkonzert (Nikolaj Znaider, in Dänemark geborener Sohn polnisch-israelischer Eltern, einer der größten Violinenvirtuosen unserer Zeit) inniger und sinnlicher vernommen als am vergangenen Sonntag? Ich möchte es bezweifeln.

Im Goldenen Saal gastierte das BBC Scottish Symphony Orchestra, das sich auf einer kleinen Europa-Tournee befindet, unter dem temperamentvollen Chefdirigenten Thomas Dausgaard. Das ist ein Name, den man sich unbedingt merken muss – Dausgaard, der seine Laufbahn als Assistent des großen Seji Ozawa begonnen hatte, spielte inzwischen mehr als 70 CDs ein, von denen viele internationale Preise errungen haben, und die Liste seiner Auftritte mit den wichtigsten Orchestern der Welt ist lang und wächst ständig.

Wenn man ihn mit seinem fulminanten – bereits 1935 gegründeten – BBC Scottish Symphony Orchestra, dem nationalen Rundfunkorchester Schottlands, hört (und sieht!), versteht man auch warum: Er gestaltet Musik zu einem dreidimensionalen Erlebnis, Benjamin Brittens Meereswogen schwappten in den Goldenen Saal über, die karge, einsame Landschaft des schottischen Hochlands und die skurrile Inselwelt der Hebriden erstand plastisch vor unseren Augen in Mendelssohns Symphonie Nr. 3, der „Schottischen“.

Geradezu zu Tränen bewegend wurde dieses Konzert in der Zugabe, dem 9. Adagio-Satz („Nimrod“) aus Edgar Elgars „Enigma“-Variationen. Und als Dausgaard am Ende mit dem zu drei Vierteln aus schottischen Musikern zusammengesetzten Orchester noch einen rasanten „Cèilidh“, einen traditionellen schottischen Tanz anstimmen ließ, riss es selbst das eher konservative Musikverein-Publikum unwiderstehlich von den Sesseln .

Der Journalist Dr. Charles E. Ritterband schreibt exklusiv für klassik-begeistert.at. Er war für die renommierte Neue Zürcher Zeitung (NZZ) Korrespondent in Jerusalem, London, Washington D.C. und Buenos Aires. Der gebürtige Schweizer lebt seit 2001 in Wien und war dort 12 Jahre lang Korrespondent für Österreich und Ungarn. Ritterband geht mit seinem Pudel Nando für die TV-Sendung „Des Pudels Kern“ auf dem Kultursender ORF III den Wiener Eigenheiten auf den Grund.

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