Borusan Quartet: Publikum zeigt schlechte Manieren im Musikverein

Borusan Quartet,  Musikverein Wien

Foto: Musikverein Wien / Müller (c)
Musikverein Wien
, Gläserner Saal, 21. April 2018
Borusan Quartet
Esen Kivrak, Violine
Olgu Kizilay, Violine
Efdal Altun, Viola
Çağ Erçağ, Violoncello

Wolfgang Amadeus Mozart: Streichquartett C-Dur, KV 465, „Dissonanzenquartett“
Franz Schubert: Quartettsatz c-Moll, D 703
Anton Webern: Langsamer Satz für Streichquartett
Fazil Say: Divorce, op. 29

von Thomas Genser

Würde der Goldene Saal des Wiener Musikvereins heute neu gebaut werden, so könnte er wie der Gläserne Saal im Keller desselben Gebäudes aussehen. An der Längsseite strahlen goldene Glaspanele, und die Stimmung im modernen Ambiente ist zu Beginn des Konzertabends sehr festlich. Veranstalter an diesem Abend ist der Verband österreichischer und türkischer Unternehmer und Industrieller ATIS. Zu diesem Anlass werden die vier Musiker des Borusan Quartets aus Istanbul eingeladen, die ein Programm spielen, das unter dem Verhalten des Publikums und schief klingenden Instrumenten sehr leidet.

Zur Einstimmung wird Mozarts Dissonanzenquartett dargeboten. Schon in der langsamen Einleitung mit übermäßigen Quinten und kleinen Sekunden kämpft Violinist Esen Kivrak hörbar mit verstimmten Saiten. Das folgende Hauptthema des Allegros kann sich daher nicht entfalten, auch wenn die Ausführung der Sechzehntelläufe lupenrein ist. Nach dem ersten Satz wird wie selbstverständlich applaudiert! Die Musiker lachen einander überrascht an, fahren aber gleich fort.

Im zweiten Satz wird das Thema mit moderner Harmonik kontrastiert, wobei sich die lyrische Kantilene trotz Nachstimmens der Instrumente nicht richtig einfügen will. Auch die tragische Steigerung und der Schluss kommen nicht zur Geltung. Das Menuett zeugt von rhythmisch präziser Ausführung, wie ein zusammenhängender Organismus arbeiten die vier Musiker. Im c-Moll-Trio gibt es leider wieder ein paar schiefe Noten zu hören.

Was aber weitaus mehr stört, ist das Verhalten des Publikums: Zusätzlich zum Klatschen zwischen jedem Satz gehen Leute ein und aus, schlagen Türen und unterhalten sich. Eine während des dritten Satzes eingetretene Dame kann es nicht lassen mit ihrem Handy Fotos von sich zu machen. Für die Industriellen ist der Abend wohl eher ein Vernetzungstreffen mit Hintergrundmusik! Das geniale Schluss-Allegro versinkt in einer Atmosphäre der Unruhe.

Schuberts Quartettsatz c-Moll ist wie andere seiner Kompositionen das Fragment eines unvollendeten Werkes. Nach der Pause stellt das Stück eine schlüssige Fortsetzung dar. Die wiederkehrenden Tremolowellen spielen die Streicher technisch sauber, auch die schiefen Töne werden weniger. Im zweiten Thema singen die Instrumente förmlich und wirken wie Gesangsstimmen. Die Themen durchdringen einander in der Durchführung, Çağ Erçağ entlockt seinem Cello kraft- und geschmackvolle Töne. In umgekehrter Reihenfolge lässt die Reprise die Themen zurückkommen. Wohin Schubert das unvollendete Werk hätte führen können, kann dabei nur erahnt werden.

Auch einsätzig – jedoch vollendet – ist Anton Weberns Langsamer Satz für Streichquartett. Dieser lässt ähnliche Töne anklingen wie Schubert, wenngleich zwischen beiden Werken über 80 Jahre liegen. Bevor das 1905 komponierte Werk erklingt, muss ausgiebig nachgestimmt werden. Mit starkem Vibrato und zahlreichen Pizzicato-Stellen erinnert das Stück eher an Brahms. Nur anhand der chromatischen Steigerungspassagen wird erkennbar, warum manche Kritiker dem Komponisten hier „wilde Konfusion” attestierten.

Die Istanbuler vollführen eine spieltechnische Meisterleistung. Geiger Olgu Kizilay kann nicht auf seinem Stuhl sitzen bleiben, so bewegt spielt er sein Instrument, auch Esen Kivrak kommt endlich in Fahrt. Dass so ergreifende Musik ein hohes Maß an Konzentration benötigt, will das Publikum nicht akzeptieren. Die Musiker müssen von Neuem ansetzen, die dialogartige Tremolo-Stelle zwischen den beiden Violinisten weiß zu überzeugen. Nach dem mitreißenden Stück wirkt der pianissimo-Schluss wie Balsam für Körper und Geist.

Als Finale steht ein Werk von Fazil Say auf dem Programm. Dieser steht als Atheist und Bürgerrechtler immer wieder im Konflikt mit der türkischen Elite und religiösen Führern. Vom Konflikt handelt auch sein Streichquartett, welches den Titel Divorce trägt und gescheiterte Beziehungen thematisiert. Im übertragenen Sinn schwingt hier sein schwieriges Verhältnis zur türkischen Regierung und der Situation der Menschenrechte mit.

Der charakteristische Unisono-Anfang wird mit beeindruckender Genauigkeit wiedergegeben. Man merkt, wie viel wohler sich die vier Musiker mit dem Stück ihres Landsmanns fühlen. Die Klänge sind mannigfaltig: Auf glissando-Tremoli folgen klappernde col-legno-Stellen und Flagoletts, bei denen Bratschist Efdal Altun brilliert. Das Werk ist sichtlich schwierig zu spielen und zu hören. Die Harmonik changiert zwischen Blues/Jazz und Atonalität, wobei ein vom Cello gespielter Walking Bass erstere Assoziation unterstützt .

Komposition und Interpretation eröffnen neuartige Klangwelten und lassen den Eindruck der Trennung spüren. Im zweiten Satz dominieren Flagoletts und scharfe Dissonanzen, während im vitalen Schlusssatz die beiden Stimmen von zwei Streitenden hörbar werden, welche einander nicht ausreden lassen und sich musikalische Beschimpfungen zuwerfen. Nach dem Ende gibt es kurze, halbherzige standing ovations – die Selfie-Dame kam übrigens schon nach der Pause nicht wieder.

Thomas Genser, 22. April 2018, für
klassik-begeistert.de

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