"Gott hat mir meine Stimme gegeben hat, um etwas Schönes in die Welt zu tragen"

Als Kind betrat Nadezhda Karyazina zum ersten Mal das Opernhaus ihrer Heimatstadt Moskau und wollte fortan Opernsängerin werden. Mittlerweile singt die 30-Jährige preisgekrönte Mezzosopranistin seit zwei Jahren als festes Ensemblemitglied an der Hamburgischen Staatsoper und gilt mit ihrer vollen, ausdrucksstarken Stimme als glänzender Nachwuchsstar. Klassik-begeistert.de traf die junge Mutter und sprach mit ihr über ihre Zeit am Bolschoi-Theater und am Londoner Royal Opera House, über das Hamburger Publikum und über Momente, die sie zu Tränen rühren.

Interview: Ricarda Ott

klassik-begeistert.de: Frau Karyazina, seit zwei Spielzeiten sind Sie nun schon in Hamburg. Wie gefällt es Ihnen hier?

Nadezhda Karyazina: Ich liebe es hier. Hamburg ist eine wunderschöne Stadt, und das Theater hat eine fantastische Geschichte. Es ist wirklich toll, Teil der Oper in Hamburg zu sein und mit so vielen berühmten Künstlern zusammenzuarbeiten.

Es ist Ihr erstes Engagement in Deutschland – was ist anders im Gegensatz zu anderen Opernhäusern?

Nadezhda Karyazina: Eigentlich hat jedes Haus ein ganz eigenes System, da ist vieles sehr unterschiedlich. An manchen Häusern muss man in ganz kurzer Zeit große Rollen einstudieren und mit nur wenig Probenzeit absolute Perfektion anstreben. Das sind zum Teil sehr große Mechanismen, und immer läuft vieles parallel. Man probt vormittags eine Rolle und hat abends direkt eine andere Vorstellung – das ist sehr intensiv. An anderen Häusern gibt es zum Beispiel bloß acht neue Produktionen pro Spielzeit, also hat man ungefähr sechs Wochen, um sich einer Rolle zu widmen. Hier in Hamburg hat man manchmal nur zehn Tage, und schon geht’s auf die Bühne.

Ihr Sohn ist mittlerweile schon zwei Jahre alt. Wie schaffen Sie es, Mutter und Sängerin gleichzeitig zu sein?

Nadezhda Karyazina: Ja, das ist manchmal wirklich schwierig. Momentan ist mein Mann nicht in Hamburg – ich bin alleine und muss somit immer schauen, dass sich jemand um den Kleinen kümmert, wenn ich im Theater bin. Stehen dann größere Produktionen an, bei denen ich morgens und abends in Proben eingespannt bin, kommt meine Mutter für einige Wochen her. Oder natürlich mein Mann, aber der ist auch Opernsänger und deshalb oft unterwegs. Viele junge Opernsängerinnen haben Angst vor diesem Schritt und warten. Aber es ist nie die „richtige Zeit“ dafür, man muss es einfach machen.

Hat die Schwangerschaft einen Einfluss auf ihre Stimme gehabt?

Nadezhda Karyazina: Ich stand bis in den achten Monat auf der Bühne, weil ich zu dem Zeitpunkt ja noch am Royal Opera House in Covent Garden in London gesungen habe. Das war überraschenderweise eine wirklich tolle Zeit. Meine Stimme hat sich ein wenig verändert, denke ich. Sie ist dramatischer geworden, ich kann jetzt Größeres singen. Aber vor allem hatte die Schwangerschaft mental große Auswirkungen auf mich: Sie hat mich geerdet, mir ganz viel Energie und natürlich auch Selbstsicherheit gegeben. Niemand liebt dich so bedingungslos wie dein Kind, das ist sehr berührend.

Sie haben bereits viel erreicht in Ihrer Karriere: Nach dem Studium an der Russischen Akademie für Theaterkunst in Moskau haben Sie diverse Meisterklassen als Mitglied des Programms Junger Künstler am Bolschoi-Theater absolviert und am Jette Parker Young Artists Programme am Royal Opera House London teilgenommen. Welche wertvollen Erfahrungen haben Sie sammeln können?

Nadezhda Karyazina: Am Bolschoi habe ich mit den besten Stimmtrainern in ganz Russland arbeiten dürfen. Dort habe ich auch zum ersten Mal regelmäßig mit einem Orchester gesungen. Ich kam quasi frisch von der Straße und war noch ganz unerfahren. Schon nach zwei Wochen am Bolschoi hatte ich mein erstes Debüt – dieses Erlebnis werde ich nie vergessen. Diese riesige Bühne, so viele Augen, die dir folgen. Das ist etwas ganz Besonderes. Nach meiner Zeit am Bolschoi hatte ich dann einige Vorsingen und mir wurden auch einige Verträge auf dem europäischen Kontinent in Aussicht gestellt. Aber ich habe mich für London entschieden. Ich wollte einfach noch mehr studieren, mir noch mehr Zeit nehmen für die Ausbildung meiner Stimme, und da war das Jette Parker Young Artist Programme in der britischen Hauptstadt einfach richtig.

Haben sich diese Erwartungen in London erfüllt?

Nadezhda Karyazina: Zunächst einmal war es eine schwierige Zeit für mich. Ich habe anfangs noch kein Wort Englisch gesprochen und ich erinnere mich, dass ich mich erst einmal um so viele administrative Dinge kümmern musste. Krankenversicherung, Anmeldungen und zahllose Formulare. Das hat mich damals sehr belastet. Mein Gehirn war immer voll von all diesen Dingen. Außerdem war ich zum ersten Mal so weit entfernt von meinem Zuhause und von meiner Familie. Da musste ich mich zunächst an die andere Atmosphäre, die andere Kultur gewöhnen. Auch die Menschen waren anders. Das war alles ganz schön viel für mich. Aber es waren alles ganz wichtige Erfahrungen. Ich saß dort zum Beispiel in der Kantine und entdeckte Anna Netrebko und Jonas Kaufmann am Tisch gegenüber. Plötzlich ist man Teil einer Produktion mit Elina Garanca – das ist unglaublich. Das motiviert natürlich ungemein und animiert dich, dieses hohe Niveau auch erreichen zu wollen.

Funktioniert das Royal Opera House denn ähnlich wie das Bolschoi – Sie haben jetzt den direkten Vergleich?

Nadezhda Karyazina: Mir kam es immer so vor, als hätte man in London einen etwas anderen Musikgeschmack. In Russland liebt man zum Beispiel die Bruststimme, also bestimmte in der Brust sitzende Stimmregister. In England wollte man das überhaupt nicht. Das wäre also ein Unterschied bei den Geschmäckern hinsichtlich der Gesangstechnik. Es waren ganz viele Dinge anders. Alleine, dass die Menschen fragen „How are you?“, und dann hört man mir gar nicht zu, wenn ich erzähle, wie es mir geht. Oder in Besprechungen redete man 20 Minuten lang und erst ganz am Ende sagte man, was man wirklich wollte. In Russland sind wir da viel direkter – an all das musste ich mich natürlich erst einmal gewöhnen.

Und wo stehen da die Deutschen?

Nadezhda Karyazina: Die Deutschen stehen so in der Mitte (lacht). Ich schätze hier besonders den Freiraum. Ich habe das Gefühl, dass man hier an mich als Künstlerin glaubt und mir deshalb mehr Spielraum, mehr Freiraum für eigene Entscheidungen lässt. Natürlich arbeite ich immer eng mit den Dirigenten oder den Pianisten zusammen. Aber man lässt mir hier meinen Freiraum für eigene Interpretationen, für meine eigene Technik. Ich fühle mich insgesamt freier und auch selbstbewusster als Künstlerin und muss mich nicht mehr so sehr als Studentin wahrnehmen.

Das liegt ja nicht zuletzt daran, dass Sie mittlerweile wirklich keine Studentin mehr sind. Aber zurück: liegt das an der Hamburgischen Staatsoper, an den Personen hier oder ist das die Art und Weise, wie man das hier in Deutschland macht?

Nadezhda Karyazina: Ich denke, das ist ein nationaler Zug. Ich habe das Gefühl, dass ich hier in Deutschland offener wahrgenommen werde. Aber das ist ein sehr persönlicher Eindruck. Das Ensemble und auch Führungspositionen sind ja oft international besetzt, da ist es wirklich schwierig, zu verallgemeinern. Aber auch auf der Bühne geht es mir so. Sobald ich die Bühne betrete, selbst wenn ich noch keinen Ton gesungen habe, spüre ich diese Energie: das Publikum sieht sofort eine Künstlerin in mir, glaubt mir das. Damit möchte ich selbstverständlich das Londoner Publikum nicht diskreditieren, aber man war da viel zurückhaltender, viel skeptischer und reservierter. Da musste ich mich immer wieder erst beweisen.

Das heißt, sie fühlen sich sehr wohl vor dem Hamburger Publikum?

Nadezhda Karyazina: Das Publikum hier ist fantastisch. Ich fühle mich abends auf der Bühne immer so unterstützt und getragen. Ich liebe es, wie die Musik und unser Gesang das Publikum erreicht und uns gleichzeitig die Präsenz, die Aufmerksamkeit des Publikums folgt. Da ist so viel Energie, so viel Adrenalin im Spiel, das lieben wir Sänger. Ganz oft warten Menschen nach einer Vorstellung am Bühneneingang und suchen das persönliche Gespräch mit mir oder sie schreiben mir Emails – das finde ich auch toll. Es ist so bereichernd für mich, zu erfahren, was sie von den Vorstellungen halten, was sie von meiner Darstellung halten. Dieser direkte Dialog ist etwas ganz Besonderes und trägt auch dazu bei, dass ich mich hier als Künstlerin sehr wohl, sehr angekommen und frei fühle. Und alle sprechen so selbstverständlich Englisch mit mir, sodass mein Deutsch natürlich nicht besser wird (lacht).

Sie sprechen es an: als Sängerin stehen Sie immer unter Beobachtung und müssen sich auch oft kritischen Stimmen stellen. Wie gehen Sie damit um?

Nadezhda Karyazina: Manchmal ist das wirklich tough und auch verletzend. Man gibt an einem Abend alles, und trotzdem gibt es eigentlich immer etwas, das hätte besser sein können – das wird von deinen Kritikern dann natürlich gnadenlos hervorgehoben. Vor kurzem habe ich wieder eine ziemlich harsche Kritik über meine Darstellung gelesen. Man muss einfach lernen, damit umzugehen. Wichtig ist außerdem, dass man unterscheidet, wer sachlich und konstruktiv kritisiert und wer dies unhöflich und unprofessionell macht. Wer gute Kritik geben will, muss Ahnung haben, wovon er schreibt und muss immer professionell bleiben. Was soll ein Sänger mit einer Aussage „sie singt wie ein Schaf“ denn anfangen? Jeder Künstler muss einen eigenen Umgang mit Kritikern finden und im Zweifelsfall ein paar Besprechungen weniger lesen.

Und wie gehen Sie mit der Kritik von Kollegen um?

Nadezhda Karyazina: Konstruktive Kritik von Kollegen ist vermutlich der wichtigste Aspekt, um konstant weiter zu wachsen. Das inspiriert, regt an und ist sehr wichtig. Aber man darf auch nicht jedem Glauben schenken. Ich habe drei, vier Personen, denen ich zu 100 Prozent glaube. Und wenn die mir dann sagen, ich soll besser in diese oder jene Richtung weiterarbeiten, dann mache ich das. Aber man kann wirklich nicht jedem glauben und es auch eben nicht jedem Recht machen. Manchmal betritt man eine Bühne und hat noch keinen Ton gesungen und trotzdem merkt man schon, dass es nicht passt, dass eine Person Vorbehalte hat. Das kommt vor, und man lernt, damit umzugehen.

Erzählen Sie uns von ihrem Arbeitsalltag: wie sieht ein typischer Tag aus?

Nadezhda Karyazina: Die Proben beginnen normalerweise um 10 Uhr, das heißt, ich bin oft gegen 9.20 Uhr da, wärme meine Stimme auf und trinke Kaffee um wach zu werden (lacht). Die Probe geht bis 13 Uhr. Dann gehe ich meistens nachhause, erledige Dinge für die Familie und komme wieder gegen 16.30 Uhr ins Theater. Manchmal singe ich dann noch ein wenig für mich, gehe ein paar Stellen durch und dann ist nochmal Probe von 17 bis 20 Uhr. Meistens probe ich anschließend noch ein wenig, entweder im Theater oder zuhause. Gerade während der letzten beiden Spielzeiten in Hamburg habe ich viele neue Rollen gelernt – da habe ich öfters bis nachts um 2 Uhr daran gesessen.

Haben Sie ein bestimmtes System, wenn Sie sich mit einer neuen Rolle beschäftigen?

Nadezhda Karyazina: Das sind fast immer die gleichen Etappen. Erst höre ich mir natürlich das ganze Werk an, dann übersetze ich alles und transkribiere alles phonetisch, zum Beispiel, wenn es eine französische Oper ist. Abschließend lerne ich den Text und die Musik meiner Rolle.

Haben Sie bestimmte Rituale vor einer Vorstellung?

Nadezhda Karyazina: Eigentlich nicht. Wenn ich abends eine Vorstellung habe, versuche ich tagsüber immer, mich so viel wie möglich auszuruhen und gehe oft noch einmal Teile meiner Rolle durch. Dann versuche ich mich abzulenken, singe zum Beispiel etwas ganz Anderes. Ein paar Stunden vor Beginn bin ich dann in der Maske, ziehe mich um, und manchmal gibt es noch kleinere Proben oder Besprechungen. Dann geht es los.

Sind Sie da noch nervös?

Nadezhda Karyazina: Bei jeder Vorstellung. Das ist Teil unseres Berufs, das gehört dazu. Einmal habe ich ein Galakonzert gesungen mit Placido Domingo und Jose Carreras und beide waren so nervös, viel mehr als ich es war. Carreras sagte mir dann, dass es bei ihm schlimmer geworden sei und tatsächlich bei jeder Aufführung so sei. Vielleicht steigt die Nervosität mit wachsender Berühmtheit. Dann erhöht sich möglicherweise der Druck, die Erwartung und somit auch die Aufregung. Ja, Nervosität gehört auf jeden Fall dazu.

Wie erleben Sie das Schauspielern, das Darstellen einer Person auf der Bühne?

Nadezhda Karyazina: Wenn ich auf der Bühne bin, versuche ich Rosina (Anmerkung: in Gioachino Rossinis „Il barbiere di Siviglia“) oder die jeweilige Rolle zu sein und nicht Nadezhda Karyazina. Ich fühle mich komplett in die Rolle ein und merke, wie ich mich beruhige und mein Adrenalinpegel sinkt. Das gibt mir Sicherheit, und ich spiele diese Rolle dann bis zum Ende der Oper durch. Schwierig wird es, wenn ein Kollege ausfällt oder etwas mit der Technik klemmt. Dann muss man wach sein und blitzschnell improvisieren. Man kann natürlich mental nicht nur in der eigenen Rolle sein und jede Aufführung nach dem gleichen Muster fahren. Da muss man dann schnell agieren und eben gut schauspielern, frei nach dem Motto „The show must go on“.

Haben Sie musikalische Vorbilder?

Nadezhda Karyazina: Nicht wirklich. Manchmal höre ich eine Aufzeichnung zur Vorbereitung einer Rolle und denke „wow, das ist Perfektion!“ Zum Beispiel Brigitte Fassbänder in den Hänsel-und-Gretel-Aufzeichnungen von Engelbert Humperdinck, das beeindruckt mich. Ihre Aussprache ist fantastisch und dient mir für die Rolle des Hänsel als Vorbild. Gestern habe ich mir eine Aufzeichnung des Reqiuem von Giuseppe Verdi angehört, da hat Jessye Norman gesungen, absolut fantastisch. Tolle Künstlerinnen und Inspirationen suche ich mir also immer wieder aufs Neue.

Was berührt Sie am meisten an ihrem Beruf? Was macht ihn für Sie zum tollsten Beruf?

Nadezhda Karyazina: Ich glaube, dass mir Gott meine Stimme gegeben hat, um etwas Schönes in die Welt zu tragen. Als ich Charlotte im Werther von Jules Massenet gesungen habe, ist mir etwas sehr Berührendes passiert. Nach einer Aufführung kam eine Dame zu mir, sie war bestimmt schon 80 oder 90 Jahre alt, und erzählte mir, dass sie sich bei meinem Gesang daran erinnerte, wie sie sich vor vielen Jahrzehnten zum ersten Mal verliebte. Dann mussten wir beide weinen. Das hat mich sehr berührt. Ich bin der Dame bis heute dankbar, weil mir spätestens an diesem Abend klargeworden ist, wieso es mich so erfüllt, zu singen. Ich möchte Menschen berühren, ihnen Erinnerungen entlocken und unvergessliche Momente schenken. Wenn ich das mit meiner Stimme schaffe, ist das ein großes Geschenk für mich und jedes Mal ein unglaublich schönes Gefühl.

Die kommende Spielzeit bringt Ihr Wagner-Debüt: Zunächst sind Sie im September und Oktober 2017 bei der Parsifal-Premiere dabei und dann im Frühjahr 2018 auch beim Ring des Nibelungen. Wie erleben Sie die Arbeit an der Musik Richard Wagners?

Nadezhda Karyazina: Ich liebe seine Musik. Sie ist sehr schwierig und komplex. Ich habe das Gefühl, dass sich bei Wagner die Färbung meiner Stimme verändert. Das ist wirklich schwer zu beschreiben, aber da passiert sehr viel. Es ist eine anstrengende Auseinandersetzung, ja Herausforderung für mich, vor allem durch den deutschen Text. Damit schlage ich mich ganz schön herum, kann ich Ihnen sagen. Aber Gott sei Dank habe ich meinen Mann dafür, der ist ja Deutscher und ein sehr strenger Lehrer (lacht). Aber auch die Dramaturgie der Stücke, die Charaktere sind wirklich aufregend, und ich freue mich sehr auf mein Debüt.

Gibt es, abgesehen von Wagner, noch weitere Highlights für Sie in der kommenden Spielzeit?

Nadezhda Karyazina: Das Verdi-Requiem im März 2018! Darauf freue ich mich so sehr. Diese Musik ist einfach toll. Außerdem singe ich wieder Rosina in Rossinis Barbier von Sevilla und den Hänsel in Hänsel und Gretel. Das sind alles tolle Stücke und ich freue mich auf die Vorstellungen.

Wir freuen uns auch. Herzlichen Dank für das Gespräch, Frau Karyazina!

Ricarda Ott für klassik-begeistert.de

Nadezhda Karyazina war in der vergangenen Spielzeit 2016/17 unter anderem in „Otello“ (Giuseppe Verdi) , „Die Zauberflöte“ (Wolfgang Amadeus Mozart), „Pique Dame“ (Pjotr Tschaikowski) , „Rigoletto“ (Giuseppe Verdi), „Fürst Igor“ (Alexander Borodin) und „Madama Butterfly“ (Giacomo Puccini) zu sehen. In der kommenden Spielzeit wird sie als 3. Blumenmädchen im „Parsifal“ ihr Wagner-Debüt geben und außerdem in „La Traviata“ (Giuseppe Verdi), „Madama Butterfly“, „Hänsel und Gretel“ (Engelbert Humperdinck), „Die Walküre“ (Richard Wagner), „Il barbiere di Siviglia“ (Gioachino Rossini) und in Giuseppe Verdis Requiem zu hören sein.

"An der Staatsoper Hamburg ist ein Entwicklungsprozess im Gang"

Seit der Spielzeit 2015/2016 ist Constanze Könemann Operndirektorin an der Hamburgischen Staatsoper und Vertreterin des Intendanten Georges Delnon in künstlerischen Fragen. In langjähriger Tätigkeit an den Opernhäusern in Frankfurt, Dortmund, Leipzig und Bonn arbeitete sie unter anderem als Regisseurin, Chefdisponentin und künstlerische Betriebsdirektorin. Nur einmal verließ sie beruflich die Oper als sie die in London ansässige internationale Künstleragentur Haydn Rawstron Limited leitete. Klassik-begeistert.de traf Constanze Könemann und sprach mit ihr über das Haus an der Dammtorstraße, das Hamburger Publikum und ihren Einsatz für die Förderung von jungen Nachwuchstalenten. Und die Operndirektorin verriet, dass zwar Anna Netrebko in den nächsten Jahre nicht in der Oper Hamburg singen wird – Jonas Kaufmann aber für 2018 zugesagt hat.

Interview: Ricarda Ott

klassik-begeistert.de: Frau Könemann, was bedeutet Ihnen die Oper – sowohl das Haus als auch die Kunstgattung?

Constanze Könemann: Mit neun Jahren habe ich beschlossen, dass ich unbedingt zur Oper möchte. Ich komme aus einer musikalischen Familie, meine Mutter war Pianistin, mein Vater war lange Jahre Intendant an der Oper in Karlsruhe, und ich bin praktisch mit der Oper großgeworden. Mit neun habe ich dann meinen Eltern verkündet: Ich werde Opernsängerin (lacht). Es kam dann doch alles etwas anders, aber Oper bedeutet mir wirklich alles. Ich habe einen wunderschönen Beruf und ein riesengroßes Glück, das, was ich liebe, als Beruf ausüben zu können. „Großes Exklusiv-Interview mit Operndirektorin Constanze Könemann,
Staatsoper Hamburg“
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"Allein bist Du auf der Bühne nichts - ich bin ein Team-Player"

Der Bass Wilhelm Schwinghammer verlässt nach 11 Jahren das Ensemble der Hamburgischen Staatsoper. Der 40 Jahre alte Bayer hat viele tolle Angebote an großen Häusern und arbeitet künftig als freier Sänger. Im großen Interview mit klassik-begeistert.de erklärt er, wie sehr ihn die Regensburger Domspatzen und Kurt Moll geprägt haben. Und er freut sich, demnächst einmal den Ochs, Gurnemanz und Mephistopheles zu singen.

klassik-begeistert.de: Herr Schwinghammer, Sie verlassen nach 14 Jahren die Hamburgische Staatsoper, 11 Jahre gehörten Sie zum Ensemble. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?

Wilhelm Schwinghammer: Das waren mehrere Entscheidungen. Ich habe international und national viele schöne Angebote von tollen Opernhäusern und wollte jetzt einfach den nächsten Schritt gehen und mein Repertoire um neue Rollen wie den Baron Ochs in der Richard-Strauss-Oper „Der Rosenkavalier“ erweitern. Es wiederholt sich Vieles, wenn man 14 Jahre an einem Haus ist: das Repertoire, die Inszenierungen… Ich suche neue Reize und Herausforderungen – das war der größte Beweggrund. Als Mitglied in einem festen Ensemble kann man nicht alle Offerten wahrnehmen. Man wird eingeteilt, hat seine Verpflichtungen und kann nur darum herum seine Engagements international wahrnehmen. Jetzt kann ich mir die schönsten Angebote heraussuchen. „Großes Exklusiv-Interview mit dem Bass Wilhelm Schwinghammer,
Hamburg, Berlin, Wien“
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Hausmannskost made in Hamburg

Giacomo Puccini Madama Butterfly
Johannes Fritzsch Dirigent
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Madama Butterfly Lianna Haroutounian
Suzuki Nadezhda Karyazina
Pinkerton Brian Jagde
Sharpless Alexey Bogdanchikov
Staatsoper Hamburg, 22. Juni 2017

Die Hamburgische Staatsoper wird in dieser Saison nur eine Auslastung von etwa 73 Prozent erreichen. Diese Kennzahl ist für ein Haus, das von sich die Selbsteinschätzung hat, in der deutschen, ja gar europäischen Spitzenliga mitspielen zu können, kein Ruhmesblatt. Und diese Kennzahl sollten den Kultursenator und den Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg aufhorchen lassen, überweist die Stadt pro Jahr doch knapp 58 Millionen Euro an Zuschüssen an das Haus an der Dammtorstraße. Die Wiener Staatsoper hat eine Auslastung von knapp 100 Prozent (und bekommt Subventionen in Höhe von rund 60 Millionen Euro), die Bayerische Staatsoper in München von über 95 Prozent (und bekommt Subventionen in Höhe von rund 55 Millionen Euro). „Giacomo Puccini, Madama Butterfly, Johannes Fritzsch, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Liana Haroutounian, Nadezhda Karyazina, Brian Jagde, Alexey Bogdanchikov,
Staatsoper Hamburg“
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Kinder musizieren mit dem Philharmonischen Staatsorchester in der Staatsoper Hamburg

Tausendundeine Note
Ein interaktives Kinderkonzert mit dem Philharmonischen Staatsorchester

Nikolai Rimski-Korsakow
Scheherazade op. 35 (Auszüge)
Staatsoper Hamburg, 22. Juni 2017
Mitglieder des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg
Musikalische Leitung: Nathan Brock
Musikkindergarten Hamburg
Grundschule Lämmersieth
Konzept und Moderation: Eva Binkle

 von Bianca Heizer

 Ausgelassenes Stimmengewirr, aufgeregte Kinder auf der Suche nach den richtigen Plätzen, schmunzelnde Mitarbeiter – ein ungewöhnliches Bild bot sich am Donnerstagvormittag an der Hamburgischen Staatsoper, als Grundschul- und Kindergartenkinder, Eltern, Erzieher und Lehrer für das interaktive Stück Tausendundeine Note zusammenkamen. „Nikolai Rimski-Korsakow, Scheherazade, interaktives Kinderkonzert mit dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg,
Staatsoper Hamburg“
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Eine „Entführung“ mit Herzklopfen in Hamburg

Wolfgang Amadeus Mozart, Die Entführung aus dem Serail
Staatsoper Hamburg, 14. Juni 2017

von Leon Battran

 Turban, Pluderhosen, spitze Schuhe, sandsteinfarbene Palastmauern, die hoch in die Luft ragen, umgeben von riesigen hölzernen Palmen. Allem exotischen Sujet und orientalischen Anstrich der Szenerie zum Trotz erklingt Wolfgang Amadeus Mozarts Musik heimelig und mit der Klarheit und Tiefe, die man kennt – die einen trotzdem wieder aufs Neue überrascht. Die Entführung aus dem Serail ist ein deutsches Singspiel und ein türkisches Märchen. „Wolfgang Amadeus Mozart, Die Entführung aus dem Serail,
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Die Mezzosopranistin Nadezhda Karyazina glänzt in einer ansonsten miserablen Vorführung in der Staatsoper Hamburg

Alexander Borodin, Fürst Igor
Hamburgische Staatsoper
mit der bezaubernden Nadezhda Karyazina als Kontschakowna,

28. Mai 2017, 12. Vorstellung seit der Premiere am 15. September 2012

Der Wiener Musikprofessor Reinhard Rauner, 52, hat in seinem Leben schon mehrere tausend Opern und Konzerte erlebt. Die Aufführung des „Fürst Igor“ von Alexander Borodin an der Hamburgischen Staatsoper war der absolute Tiefpunkt. Rauner, der die Abende zuvor noch zwei konzertante „Weltklasseaufführungen“ der Richard-Wagner-Oper „Das Rheingold“ unter Marek Janowski in der Elbphilharmonie erlebt hatte, war bereits nach den ersten 90 Minuten im Haus an der Dammtorstraße entsetzt: „Das waren ein nichtssagendes Ausstattungstheater, eine schlechte statische Regie, unterm Strich inferiore gesangliche Leistungen und ein erbärmlicher Opernchor. So eine Aufführung wäre in Wien nicht denkbar.“ „Alexander Borodin, Fürst Igor, Nadezhda Karyazina als Kontschakowna,
Hamburgische Staatsoper“
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Händels Erstling in Hamburg: Bravissima Christina Gansch

Georg Friedrich Händel, Almira
Christiana Gansch
, Almira
Staatsoper Hamburg, 11. Mai 2017

von Leon Battran

 Almira ist umzingelt: Sie ist Königin wider Willen und muss das höfische Zeremoniell über sich ergehen lassen. Sie steht im Zentrum, ihrer Entscheidungsfreiheit beraubt, während die höfische Gesellschaft ihr buchstäblich die Kleider zuschnürt und die Luft zum Atmen nimmt. Händels Opern-Erstling ist ein Hamburger Original und musikalisch ein kleines Meisterwerk, bei dem sich ein genaues Hinhören lohnt.

Im Alter von 19 Jahren erhielt der junge Händel in Hamburg den Auftrag, eine Musik auf das Libretto von Friedrich Christian Feustking zu komponieren. Am 8. Januar 1705 wurde Almira im Opernhaus am Gänsemarkt uraufgeführt. Johann Mattheson gab damals den Fernando. Händels erste Oper war ein großer Erfolg. Neuinszenierungen in Hamburg folgten in den Jahren 1878, 1905 und 2014. Letztere Inszenierung ist aktuell wieder zu sehen.

Almira sieht sich bedrängt von gesellschaftlichen Zwängen. An ihrem zwanzigsten Geburtstag wird sie zur Königin gekrönt. Der Vater verfügt in seinem Testament, dass sie einen der Söhne ihres Vormunds Consalvo zu ehelichen hat. Die Söhne buhlen fortan um die Gunst der jungen Königin. Die Oper bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen Drama und Komik. „Alle benehmen sich unglaublich naiv und sehr pubertär, sind voller hormonaler Schwankungen“, sagt die Regisseurin Jetske Mijnssen.

Almira möchte jedoch am liebsten gar nicht Königin sein und wünscht sich nur, ihrem Herzen folgen zu dürfen. Sie liebt heimlich ihren Sekretär Fernando. Missverständnisse und Enttäuschungen sind programmiert. Schlussendlich entpuppt sich Fernando als Consalvos verlorener Sohn und wird so auch aus gesellschaftlicher Perspektive zum geeigneten Heiratskandidaten. Das eifersüchtige Ränkespiel um die Macht der Liebe und die Liebe zur Macht löst sich in barocker Manier im Einklang von gesellschaftlicher Konvention und der Freiheit des Herzens auf.

Die Oper ist großenteils auf Deutsch, die affektbetonten Arien sind auch in italienischer Sprache verfasst. Musikalisch prägen französische Tanzsätze die Partitur. Ohrenfällig ist vor allem ein scheinbar unscheinbares instrumentales Zwischenspiel, eine Sarabande. Händel sollte diese später für seine Londoner Oper Rinaldo zu der prominenten Arie Lascia ch’io pianga umarbeiten. Die aktuelle Inszenierung wertet die kleine Sarabande zum Leitmotiv für Almira auf und bringt sogar original die vom späteren Händel entlehnte Arie.

Dramaturgisch ist Lascia ch’io pianga kein Muss, fügt sich aber gut ein. „Diese wunderschöne und so unglaublich melancholische Musik zeigt die innere Gefühlswelt von Almira“, so Regisseurin Jetske Mijnssen. Die Arie betont den Konflikt zwischen Almiras Willen und den äußeren Erwartungen. Tatsächlich geht die Rechnung mit Händels Quotenhit auf. Das liegt auch daran, dass man Christina Gansch in der Rolle der Almira an diesem Abend alles abnimmt.

Musikalisch ist dieser Evergreen aus dem Hause Händel zweifellos ein Gewinn. Gansch interpretierte ihn frisch und unvoreingenommen und zeichnete so ein nuanciertes Charakterbild ihrer Figur. Der Mittelteil bebt so von emotionaler Intensität, dass es einen fesselt und nicht wieder loslässt. Überhaupt lieferte die 1990 in Österreich geborene Sopranistin eine durchweg bravouröse Titelpartie ab und glänzte mit spielerischer Hingabe und gesanglicher Finesse. Bravissima!

Christina Gansch beweist, dass es keine überdrehte Dramatik braucht, um zu begeistern. Ihre Figur ist dazu verdammt, zu ertragen, ohne Einfluss nehmen zu können. Sie leidet. Erst in ihrer Rachearie bricht Almira aus wie ein erwachter Vulkan, reißt sich die Kostümierung mitsamt Perücke vom Leib. Jetzt würde man ihr auch eine Arschbombe in den Orchestergraben zutrauen.

Das Philharmonische Staatsorchester kommt an diese Leistung leider nicht heran. Da hätte der Dirigent Sébastien Rouland noch viel mehr aus seinen Musikern herausholen müssen, um die Solistin zu unterstützen. Rouland dirigiert impulsiv, mit großen, fließenden Gesten, atmet dabei hörbar tief ein – sospirare tut nicht nur la libertà, sondern auch der Dirigent. Das Ergebnis ist aber eher ernüchternd: Der Sänger wird zum Zugpferd, der Orchesterapparat hinkt hinterdrein. Der Zusammenhalt geht stellenweise immer wieder flöten, weil das Orchester schleppt. Das stört.

Ein musikalisches Glanzlicht hingegen: Der hypnotisierende Zwiegesang zwischen Bellante und der Solovioline. Hier macht Dorottya Lángs melancholischer Mezzo träumen, und der Konzertmeister Konradin Seitzer formt Melodien von barockem Stolz und anrührender Eleganz. Dieses Zusammenspiel ging geradewegs unter die Haut.

Sehr gut machte seine Sache auch Michael Smallwood. Der australische Tenor sang Almiras Herzblatt Fernando aus dem Orchestergraben, während Viktor Rud auf der Bühne agierte. Smallwood zeigte viel Zartgefühl und tolles Einfühlungsvermögen. Sein Tenor bot reizvolle Dramatik und einen hohen Wiedererkennungswert auf, klang dabei in allen Registern lyrisch und klar.

Überzeugen konnten auch Edilia und Osman alias Klara Ek und Tuomas Katalaja. Die Sopranistin und der Tenor lieferten sich unterhaltsame musikalische Gefechte. Der Hallodri Osman lässt Edilia stehen, um statt ihrer die Königin zu hofieren. Edilia ist verständlicherweise aufgebracht und haut die Wut-Arien raus. Ek präsentierte einen dynamischen Koloratursopran, der hinter der Strahlkraft der Titelpartie jedoch ein wenig zurückstand, und Katalajas Osman war ein echter Volltöner.

Leon Battran, 13. Mai 2017 für
klassik-begeistert.de

Die Sopranistin Ha Young Lee lässt keine Wünsche offen

Francis Poulenc, DIALOGUES DES CARMÉLITES
Hamburgische Staatsoper, 2. Mai 2017

GASTBEITRAG von Dr. Harald Lacina

Neben „Les mamelles de Tirésias“ (1947) und „La voix humaine“ (1959) gehören die „Dialogues des Carmélites“ zu den einzigen Opern, die Francis Poulenc (1899-1963) komponiert hat. Die Oper war ein Auftragswerk der Mailänder Scala und wurde dort in italienischer Sprache unter dem Titel „Dialoghi delle Carmelitane“ am 26. Januar 1957 uraufgeführt. „Francis Poulenc, DIALOGUES DES CARMÉLITES,
Hamburgische Staatsoper“
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Mozart mit Smartphone und Astra-Werbung

Opera piccola
Erzittre, feiger Bösewicht!
Musiktheater für Jugendliche
Musikalische Fassung Johannes Harneit, Dialoge Johannes Blum
Staatsoper Hamburg, 20. April 2017

von Bianca Heitzer 

Ich mag Probebühnen. Die knarzenden schwarzen Holzböden, die ersten Anzeichen eines Bühnenbildes, das Gefühl mittendrin zu sein, im kreativen, turbulenten Entstehungsprozess eines Stücks – all diese wunderbaren Dinge, die man sonst nur hinter den Kulissen und während einer Probenphase erleben kann, kamen am Premierenabend auf der Probebühne I der Hamburgischen Staatsoper am Donnerstag zum Tragen. „Opera piccola, Erzittre, feiger Bösewicht! Kent Nagano, Johannes Harneit, Johannes Blum,
Staatsoper Hamburg“
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