Miniatur-Opern des "göttlichen Claudio" gehen unter die Haut

Concerto Italiano, Rinaldo Alessandrini, Claudio Monteverdi,  Laeiszhalle Hamburg

„Notte – Storie di amanti e guerrieri“
Concerto Italiano
Rinaldo Alessandrini Cembalo und Leitung
Claudio Monteverdi (1567-1643)
Laeiszhalle, 24. April 2017

  • „Hor che’l ciel e la terra“
  • „Il Combattimento di Tancredi e Clorinda“
  • „Vivrò fra i miei tormenti e le mie cure“
  • „Lamento della Ninfa“
  • „Al lume delle stelle“
  • „A Dio, Florida bella“
  • „Ecco mormorar l’onde“
    Aus den „Libri de’Madrigali“ II, III, VI, VII, VIII
    sowie „Quando l’alba in oriente“ aus den Scherzi Musicali und Instrumentalsätze aus dem Opernschaffen Monteverdis

von Ricarda Ott

„Il divino Claudio“, wie ihn seine Zeitgenossen nannten, war mehr als nur ein großer Musikschaffender seiner Zeit. Seine Experimentierfreudigkeit am musikalischen Affekt prägte einen neuen Stil, der nicht nur einen epochalen Umbruch einleitete, sondern die gesamte Musikgeschichte nachhaltig prägen sollte. Vor 450 Jahren erblickte „der göttliche Claudio“ im lombardischen Cremona das Licht der Welt.

Unter dem Titel „Notte – Storie di amanti e guerrieri“ stellte das 6. Abonnementkonzert in der Reihe „NDR Das Alte Werk“ verschiedene Werke aus der langen Schaffensphase des Meisters vor – Claudio Monteverdi wurde trotz Krieg und Pest 76 Jahre alt! Im Mittelpunkt des kurzweiligen Konzertes standen dabei seine Madrigale: kleine, prallgefüllte Mini-Opern – direkte Vorläufer der Oper.

Der lyrische Text und das einzelne, affekt-gebende Wort fungiert als Ausgangspunkt für eine neue Gefühlssprache in der Musik. Monteverdis „stile concitato“, also der „erregte Stil“, löst das bis dato vor allem in den geistlichen Motetten angewendete, von Logik und architektonischem Kontrapunkt dominierte Kompositionsverfahren ab und lässt die tonmalerische Umsetzung einzelner Begriffe und Gefühlsregungen zum Motor und leitenden Prinzip seiner Werke werden.

Monteverdi wollte jede emotionale Schattierung des menschlichen Ausdrucks und nichts weniger als die psychologische Wahrhaftigkeit in seinen Kompositionen ausgedrückt wissen.

Scharf rhythmisiert zerschneiden stürmische Streicherfiguren die zuvor noch friedliche Landschaft bei dem Wort „guerra“ – Krieg; klar erhebt sich der Sopran, begleitet von den zarten Klängen der Theorbe, an anderer Stelle zu dem Wort „l’aura“ wie die Morgensonne über den murmelnden Wellen und dem erzitternden Laub.

Mit großer Emphase berichten drei Hirten von den „gran sospir dal cor“ der verzweifelt liebenden Nymphe, ehe ihre verzweifelten Ausrufe „Amor, amor“ über einer abwärts steigenden Basslinie erklingen: schauerlich-schön geht Monteverdis „Lamento-Bass“ als musik-rhetorischer Kompositions-Kniff in die Geschichte ein.

In den Texten – viele stammen aus der Feder des großen Petrarcas (1304-1374) oder Tassos (1544-1595) – geht es um Liebe und Tod, um den Menschen in und als Teil der Natur. Doch es sind mehr als vertonte Gedichte: durch Monteverdis Musik werden sie zu Geschichten, erhalten tiefen Ausdruck und erfahrbare Affekte.

Nicht nur durch die kontrastierenden Färbungen ihrer Stimmen, sondern auch durch den Effekt des Dialoges, des Nach-, Gegen- und Miteinanders, werden die Sängerinnen und Sänger des Concerto Italiano von Berichtenden zu Handelnden der Geschichten. Sie können mit einer höchst diversen Palette stimmlicher Regungen musikalisch ausdrücken, was der Text durch die Worte vermag. Das Flehen und Leiden, das Freudige und Hoffnungsfrohe in allen Schattierungen dieser Stimmen geht unter die Haut.

Dass die Umsetzung an diesem Abend so gut gelingen würde, ist zunächst keine Selbstverständlichkeit, bei der angekündigten Besetzung allerdings nicht mehr zu bezweifeln. Mit dem Concerto Italiano unter der Leitung ihres Gründers Rinaldi Alessandrinis hatten die Konzertbesucher in der Laeiszhalle ein international anerkanntes Referenzensemble für die Aufführung dieser musikalischen Erzählungen vor sich.

Das insgesamt 14-köpfige Ensemble (fünf Streicher, zwei Theorben plus Cembalo, sowie sechs Vokalisten) zeigte sich ausgesprochen souverän, harmonierte wunderbar miteinander und beeindruckte mit starker Bühnenpräsenz: während einzelner Passagen oder ganz besonders reibender Dissonanzen – damals ein absolut unvorstellbares Wagnis Monteverdis – generierten die Musiker eine fast sichtbare Spannung mit ungeheurer Sogkraft.

Seit der Gründung im Jahr 1984 widmet sich das Ensemble um Alessandrini den Werken alter Meister und hat mit musikhistorisch informierten und höchst professionellen Interpretationen sowie vielfach ausgezeichneten Einspielungen längst Maßstäbe setzen können. Konzertreisen führen das Ensemble regelmäßig in ferne Länder und in international renommierte Konzert- und Opernhäuser.

Etwas kurz kam die Instrumentalmusik, die mit einzelnen Sinfonien aus Monteverdis Opern lediglich die Madrigale miteinander zu verbinden schien. Andererseits lässt sich die konzert-programmatische Entscheidung, mit den Madrigalen den Schwerpunkt des Abends zu setzen nur allzu gut nachvollziehen. Zu umfangreich ist das Oeuvre Monteverdis, um hier allem gerecht zu werden. Die Rechnung ging auf – das Publikum war hellauf begeistert.

Für Klassik-begeisterte, die das Konzert nicht live miterleben konnten, überträgt der NDR Kultur dieses ausgesprochen klangschöne Ereignis am 9. Juni 2017 um 20 Uhr. Einschalten lohnt sich!

Ricarda Ott, 25. April 2017 für
Klassik-begeistert.de

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