Daniel Hope erobert Hamburg mit Geigenkunst und Charme

Daniel Hope, Zürcher Kammerorchester,  Elbphilharmonie

Elbphilharmonie, Hamburg, 10. Januar 2018
Daniel Hope
Violine
Zürcher Kammerorchester
Christoph Willibald Gluck
, Furientanz aus »Orfeo ed Euridice«
Joseph Haydn, Konzert für Violine und Orchester G-Dur Hob. VIIa/4
Wolfgang Amadeus Mozart,
Adagio für Violine und Orchester E-Dur KV 261
Divertimento F-Dur KV 138
Konzert für Violine und Orchester G-Dur KV 216

von Sebastian Koik

Daniel Hope erobert die Elbphilharmonie mit seiner Geigenkunst und seinem Charme! Die Zugabe aus Vivaldis Sommer lässt endgültig alle Dämme brechen. Es gibt Standing Ovations vom kompletten Saal. „Wow“, „unglaublich“, „genial“, „diese Spielfreude“: Es sind zahlreiche Superlative aus dem begeisterten Publikum zu hören.

Daniel Hopes Leben klingt wie ein Märchen, wie ein Film, den es auch tatsächlich gibt. Schon als Vierjähriger verliebte er sich in Vivaldis „Jahreszeiten“. Da hörte er sie erstmals beim Festival in Gstaad, wo sie der legendäre Yehudi Menuhin mit dem Zürcher Kammerorchester aufführte. Yehudi Menuhin wurde durch einen glücklichen Zufall Hopes Geigenlehrer und Mentor. Vierzig Jahre später tritt Hope mit demselben Orchester in der Elbphilharmonie auf.

Die Vivaldi-Zugabe ist der Höhepunkt eines wundervollen Konzertabends. Das Orchester unter und mit dem Dirigenten und Solisten Daniel Hope ist hier wahnsinnig stark! Die Musiker überwältigen mit Energie, Feuer, Leidenschaft bei gleichzeitig großer Präzision. Hier sind sie auf ihrem Höhepunkt und rühren mit ihrer Kunst und vollendeter musikalischer Schönheit.

Daniel Hope spielt geradezu himmlisch schön mit wundervoller Virtuosität und großer Tiefe! Das ist ganz, ganz groß. Er zaubert ein großes Lachen in die Herzen der Zuhörer, selbst anspruchsvollste und erfahrenste Zuhörer sind zu Tränen gerührt.

Alleine diese Minuten wundervoller Vivaldi sind Anlass genug für höchste Lobeshymnen. Doch was Daniel Hope über den ganzen Abend abliefert, ist schlichtweg sensationell. Normalerweise hört man Solisten an solchen Abenden nur in der Hälfte des Programms, Daniel Hope spielt den kompletten langen Abend durch! In Stücken ohne Solo-Rolle reiht er sich als Konzertmeister ins Streicher-Ensemble ein. Auch dirigiert er das Zürcher Kammerorchester den ganzen Abend und spornt die Musiker teilweise zu Höchstleistungen an.

Vor allem in den Zugaben bei Vivaldi und Richter glänzt das Orchester! Der Rest ist meist sehr solide. Zwei schwächere Phasen hat das Orchester dann allerdings doch. In den letzten beiden Sätzen des Mozartstücks als erster Zugabe fehlt dem Orchester anscheinend etwas geistige Frische. Hier können die Musiker nicht mehr mitreißen, klingen etwas müde. Erst der Vivaldi weckt sie nach vier Mozartstücken wieder auf.

Christoph Willibald Glucks Furientanz aus „Orfeo ed Euridice“ ganz zu Beginn des Konzerts ist der Schwachpunkt des Abends. Furien sind nicht wirklich zu hören. Das Tempo ist gut, doch es fehlt an Präzision und musikalischer Durchdringung. Das Stück gelingt nicht wirklich, das Klangbild ist grau, blass, fad. Daniel Hope erzählt, dass die Leute damals bei dem Stück reihenweise in Ohnmacht gefallen sind. Diese Gefahr besteht hier nicht und ist weit, weit weg.

Eine weitere schöne Besonderheit des Konzerts: Da es erst gar keine Programmhefte und in der Pause viel zu wenige davon gibt, sagt Daniel Hope den ganzen Abend lang die Stücke an und moderiert durch die Veranstaltung.

Einen besseren Moderator zum Thema „Klassische Musik“ als Daniel Hope kann man sich nicht basteln! Es ist unfassbar, mit welchem Charme und Humor dieser Mann durch den Abend führt, vollendet elegant und gleichzeitig mit einer fast übernatürlichen Leichtigkeit. Die Damen im Saal scheinen sich reihenweise in ihn zu verlieben. Er wirkt in seinem Auftreten wie ein edler Ritter, gleichzeitig aber nahbar und herrlich unprätentiös.

Schön auch, wie Daniel Hope Programme gestaltet. Hauptthema des Abends ist Mozart. Eingerahmt wird das durch passende Vorgänger wie eben Vivaldi, 50 Jahre vor Mozart oder Max Richter, 200 Jahre nach Mozart.

Max Richters „Vivaldi Recomposed“ ist die zweite Zugabe. Die große Liebe des Orchesters zur Musik ist auch hier stark spürbar und ansteckend. Bei Daniel Hope ist das ganz besonders extrem: In jedem Moment seines Spiels, in jedem seiner Worte über Musik. Dieser sympathische Mann mit seinen herausragenden Fähigkeiten ist der perfekte Botschafter für klassische Musik!

Ein großer Höhepunkt im regulären Programm ist das Konzert für Violine und Orchester G-Dur KV 216, Mozarts 3. Violinkonzert. Mozarts fünf Violinkonzerte gelten als ein Mount Everest für Geiger. Das Genie Mozart komponierte dieses Stück im Alter von 19 Jahren. Und der kongeniale Daniel Hope interpretiert das grandios. Komposition und Vortrag sind von einer enormen Tiefe bei gleichzeitiger großer Leichtigkeit. Das zu hören ist ein Hochgenuss. Daniel Hope spielt ungemein spritzig und frisch, mit Esprit und Witz, die virtuosen Klippen nimmt er scheinbar mühelos.

Was für eine reiche, vollendet schöne Musik! Es trifft zu, was Daniel Hope in seiner Anmoderation sagte: „Dieses Stück ist ein Wunder“.

Das Hamburger Publikum liegt Daniel Hope am Ende zu Füßen. Es ist ein fulminanter Erfolg. Nur eines könnte der wunderbare Geiger und Allrounder an diesem Abend bereuen: Dass er nicht schon beim zweiten oder dritten Mal dem Publikum deutlich gesagt hat, dass es zwischen den Sätzen möglichst nicht klatschen möge. Auch 365 Tage nach der Elbphilharmonie-Eröffnung hat ein Teil des Elphi-Publikums in dieser Hinsicht nichts gelernt und klatscht tatsächlich in großer Zahl in jeder Unterbrechung. Selbst in wundervolle Solo-Variationen der allerletzten Zugabe hinein.

Trotzdem werden Daniel Hope und sein Zürcher Kammerorchester sicher wieder gerne nach Hamburg kommen. Das nächste Mal am 27. Februar 2018.

Sebastian Koik, 11. Januar 2018,
für klassik-begeistert.de

Foto: Nicolas Zonvi

2 Gedanken zu „Daniel Hope, Zürcher Kammerorchester,
Elbphilharmonie“

  1. „Dass er nicht schon beim zweiten oder dritten Mal dem Publikum deutlich gesagt hat, dass es zwischen den Sätzen möglichst nicht klatschen möge.“

    Ich mag es auch nicht, wenn ständig geklatscht wird – von mir aus könnte auch der Schlussapplaus mit fünf Minuten Verzögerung einsetzen. Dennoch sprechen sich einige Künstler für den Applaus während der Sätze aus, sei es doch nahe am Original, da damals auch zwischen den Sätzen applaudiert wurde. Und es sei ein positives Zeichen, dass viele Neulinge zum Konzertbetrieb dazustoßen. Heikles Thema.

    Jürgen Pathy

    1. Beim ersten Mal sahen Daniel Hope und die Orchestermusiker noch leicht amüsiert aus, beim zweiten Mal durchaus sichtbar genervt. Irgendwann nahmen sie es wohl hin.

      Bei den ersten zwei, drei Malen hätte sensibleren Zuschauern an der Reaktion der Musiker durchaus auffallen können, dass diese das Zwischenklatschen nicht mögen.

      Gerade vor sehr innigen, zarten, leisen, langsamen Sätzen stört es die innere Sammlung der Musiker und aufmerksamen Zuhörer doch wohl sehr.

      Freundliche Grüße
      Sebastian Koik

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