Das ist so großartig, dass sich viele im Publikum fragen, ob sie jemals schöneren Gesang gehört haben

Die ELPH-Cellisten des NDR Elbphilharmonie Orchesters, J’Nai Bridges, Mezzosopran,  Elbphilharmonie

Die ELPH-Cellisten des NDR Elbphilharmonie Orchesters
J’Nai Bridges Mezzosopran
»A Cello Affair«
Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy, Richard Wagner, Heitor Villa-Lobos, George Gershwin, Astor Piazzolla u.a.
Elbphilharmonie, 22. Mai 2017

von Sebastian Koik

Es ist ein schöner Anblick, das wahrscheinlich erotischste aller Instrumente gleich elf Mal im Halbkreis auf der Bühne aufgestellt zu sehen. Wer befürchtet hat, dass ein Konzert nur von elf Cellisten etwas eintönig werden könnte, wird sehr schnell und nachhaltig eines Besseren belehrt. Zunächst einmal ist das Programm äußerst abwechslungsreich und stark zusammengestellt: Wagner, Mendelssohn Bartholdy, Saint-Saëns, Tango, Brasilianisches, Gershwin, Musical-Songs von Bernstein und Coleman und mehr. Zusätzlich sind die Songs so hervorragend und vielstimmig arrangiert, dass keinen einzigen Moment Langeweile aufkommt!

Es beginnt wunderschön majestätisch mit dem Pilgerchor aus Wagners Tannhäuser und man fragt sich, ob man diese Musik schon einmal so schön und vor allem so rührend gehört hat. Die Celli begeistern mit sonorem Klang und vermögen mit ihren warmen Schwingungen etwas in den Menschen zum Klingen zu bringen.

In den Bachianas Brasileiras No. 1 von Villa-Lobos erobern die Cellisten den Saal mit leidenschaftlichem Feuer und enormer Wildheit. Sie lassen die Musik lebhaft tänzeln und reiten souverän durch die virtuosesten Passagen.

Ganz anders die Stimmung beim Tango von Raúl Garello. Die Musiker bewegen mit vollendeter Melancholie, mit extrem gefühlvollem und zartem Spiel in wunderbarem weich-warmen Klang. So schön wurde dieser Tango vielleicht noch nie zuvor interpretiert. Ganz stark auch die Soli von Christopher Franzius, Andreas Grünkorn und Vytautas Sondeckis. Zärtlichst haucht der erste Cellist Christopher Franzius Klänge schönster Traurigkeit und Sehnsucht in den Raum. Das ist ungemein ergreifend und ganz große Klasse!

Technisch stark und makellos Danzón No. 2 vom Mexikaner Arturo Marquéz. Obwohl nur Celli spielen, vermisst man absolut nichts. Der große Tonhöhenumfang des Instruments entspricht in etwa dem kompletten singbaren Bereich der menschlichen Stimme, vom tiefsten Bass bis zum allerhöchsten Sopran. Das Instrument Cello bekommt eine sehr schöne Bühne, in der es mal so richtig eindrucksvoll zeigen kann, wozu es in der Lage ist.

Zwei Zugaben gibt es vor der Pause noch. Sie reißen mit und sind voller Leidenschaft und Sehnsucht. Die elf Cellisten tragen sie höchst musikalisch, intensiv und mit großer emotionaler Tiefe vor, entführen innerhalb eines Taktes in eine andere Welt. In der zweiten Zugabe beweisen sich die Musiker außerdem als vielseitig und spielen teilweise Perkussionsinstrumente. Das machen sie genauso knackig und präzise, wie sie ihre Celli streichen oder zupfen. Das Ensemble holt maximalen Ausdruck aus seinen Instrumenten, lässt Melancholie singen und heiße Feuer brennen. Intensiver und schöner kann man das nicht spielen. Es ist ein perfekter Vortrag, der mit Riesenapplaus, Jubel und Bravo-Rufen honoriert wird.

Zur zweiten Hälfte ergänzt die Mezzosopranistin J’Nai Bridges die Elph-Cellisten. Sie begeistert sofort mit kraftvoller, durchdringender Stimme, mit sehr langem Atem, vollem, warmen Timbre und großer Klarheit. Auch sie transportiert mit ihrer Musik sehr intensive Gefühle, singt voller Leidenschaft, Melancholie und Tiefe. Auch kann sie formvollendet dramatische Spitzen setzen. Das ist so großartig, dass sich viele im Publikum fragen, ob sie jemals schöneren Gesang gehört haben. Es dankt für das Geschenk des Liedes mit begeisterten Bravo-Rufen und Jubel.

Einzig in wenigen schnellen Passagen wie bei Leonard Bernsteins I feel pretty weicht der Gesang von J’Nai Bridges von der Perfektion ab. Hier klingt ihre Stimme dünner, weniger klangfarbenreich, strahlt weniger schön und zeigt weniger Substanz. Doch das sind Kleinigkeiten auf bemerkenswert hohen Niveau. Und von den Cellisten zeigt hier auch einer die einzige Unvollkommenheit des Abends. Allerdings nicht bei seinem Instrument, sondern mit leicht zu spätem Tambourin. Wunderbar das Glockenspiel eines Kollegen.

Angemerkt sei auch, dass Frau Bridges in ihrem himmlisch-glitzernden lachsorangenen Kleid absolut umwerfend aussieht, zauberhaft schön wie eine Meerjungfrau, die eben einem märchenhaften Wasser entstiegen ist.

In George Gershwins Summertime überzeugt die Solistin mit Klasse in einem sehr, sehr großen Tonhöhen-Spektrum, wunderbar warm in den Tiefen und kristallklar in den Höhen. Sie fasziniert mit Blues-Klängen und herrlichen Koloraturen. Es ist das Gesangs-Highlight in einer Kette von Höhepunkten des Abends.

Nach dem Programm beweist das Ensemble in einer Zugabe auch noch komödiantisches Talent, allen voran Sebastian Gaede, der als Reinigungskraft verkleidet musikalisch den Boden wischt und am Ende vor Überraschung fast umfällt, als er bemerkt, dass er nicht allein mit seinem Putzeimer im Saal ist, sondern noch 2100 Menschen auf den Plätzen rund um die Bühne sitzen.

Für die letzte Zugabe, ein James-Bond-Medley, kommt J’Nai Bridges noch einmal auf die Bühne, jetzt ganz Diva und in atemberaubendem silber-goldenem Kleid, dass mit der Sonne um die Wette funkeln könnte. Viele der Zuschauer, die das Glück hatten, diesem rundum wundervollen Abend beizuwohnen, werden in Zukunft bei jedem Erklingen einer James Bond-Melodie vermutlich mit Freude an diesen fantastischen Abend erinnert werden.

Das Publikum honoriert die musikalischen Höchstleistungen mit sehr, sehr langem und lauten Applaus, Jubel, Bravo-Rufen und Standing Ovations.

Sebastian Koik, 24. Mai 2017
klassik-begeistert.de

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