Vorweihnachtlicher Märchenzauber in der Volksoper Wien

Engelbert Humperdinck, Hänsel und Gretel,  Volksoper Wien

Foto: Barbara Pálffy (c)
Volksoper Wien
, 16. Dezember 2017
Engelbert Humperdinck, Hänsel und Gretel
Christof Prick Dirigent
Karl Dönch Regie
Toni Businger Ausstattung
Morten Frank Larsen Peter, Besenbinder
Elisabeth Flechl Gertrud, sein Weib
Manuela Leonhartsberger Hänsel
Anja-Nina Bahrmann Gretel
Ulrike Steinsky die Knusperhexe
Sofiya Almazova Sandmännchen
Johanna Arrouas Taumännchen
Jugendchor der Volksoper Wien Lebkuchenkinder

von Mirjana Plath

Vorweihnachtlicher Märchenglanz erfüllt die Volksoper Wien dieser Tage. Dorthin stapfen viele Kinderfüßchen (und auch einige große Füße), um Karl Dönchs Inszenierung von „Hänsel und Gretel“ zu erleben. Da fliegt die Knusperhexe auf ihrem Besen quer durch den Saal, da qualmt das Feuer aus dem Lebkuchenofen, da leuchten die roten Augen einer Eule zwischen den Baumwipfeln hervor.

Vor allem der dritte Akt ist ein fesselndes Bühnenspiel mit überraschenden Effekten. Toni Businger hat ein liebevolles und detailreiches Bühnenbild entworfen. Das Besenbinderhaus, in dem Hänsel und Gretel mit ihren Eltern wohnen, hat sein Vorbild in Wolfgang Amadeus Mozarts Geburtshaus. Die Küche in der Salzburger Wohnung findet sich auf der Wiener Volksopernbühne wieder. Das Lebkuchenhaus ist über und über mit Süßigkeiten übersät und erfüllt jede Fantasie aus Kindertagen. Die Kostüme sind klassisch gestaltet. Zwei lange blonde Zöpfe gehören zur braven Gretel, die mit ihrem aufmüpfigen Bruder Hänsel im Flickenmantel unbeschwert über die Bühne tanzt. Die Knusperhexe verzaubert das junge Publikum mit spinnenlangen Fingern und einer pechschwarzen Krähe auf der Schulter.

Die vielen Kinder im Zuschauerraum fiebern sichtlich mit der Musik und den Darstellern mit. Da fliegen kleine Ärmchen in die Höhe und dirigieren fantasievoll das Orchester im Graben mit. Einige sind vielleicht ein bisschen von der Oper überfordert („Singen die echt die ganze Zeit?“, fragt ein Junge seinen Vater während der Vorstellung). Spätestens die gruselige Hexe im dritten Akt zieht aber die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich. Ulrike Steinsky (Sopran) spielte so herrlich boshaft, dass alle Flüstereien verstummten. Sie lebte ihre Rolle genüsslich aus. Mit einer fiesen Kratzstimme lockte sie Hänsel und Gretel ins Pfefferkuchenhaus. Sehr überzeugend!

Für die erkrankte Mara Mastalir sang Anja-Nina Bahrmann (Sopran) die Rolle der Gretel. Eine schöne Stimme, aber vielleicht fehlte ihr ein bisschen die Übung – sie verpasste einen Einsatz und sang einige Sekunden gegen das Orchester an. Erst der Blick auf Dirigent Christof Prick konnte sie wieder in den Takt bringen. Bei ihm liefen alle Fäden der Vorstellung zusammen. Er spickte die Musik mit großen dynamischen Gegensätzen und interpretierte Humperdincks Werk im Sinne der Romantik sehr frei.

Manuela Leonhartsberger (Mezzosopran) als Hänsel brachte bubenhaften Charme auf die Bühne. Zeitweise schauspielerte sie etwas plakativ, dafür sang sie umso klarer und schöner. Wie schade, dass das Sandmännchen Sofiya Almazova nur einen kurzen Auftritt hatte. Ihr Stimmvolumen erfüllte den ganzen Saal, mit engelsgleicher Stimme sang sie Hänsel und Gretel in den Schlaf. Von ihr hätte man gerne mehr gehört. Die einzige tiefe Männerpartie übernahm der Bariton Morten Frank Larsen als Vater Peter. Er erschien etwas blass neben seinen Kindern. Nett gesungen, aber nicht herausragend. Die Sopranistin Elisabeth Flechl agierte als Mutter Gertrud auf ähnlichem Niveau wie ihr Bühnenehemann.

Der Jugendchor der Volksoper Wien machte die stellenweise Mittelmäßigkeit der anderen Sänger wieder wett. Er brachte die Oper zu einem fantastischen Abschluss. Wie glockenhell und beweglich klangen die Stimmen beim Schlusschor! Wunderschön klangvoll verabschiedeten sie die Zuschauer aus dieser zuckersüßen Inszenierung in den Abend.

Mirjana Plath, 17. Dezember 2017, für
klassik-begeistert.at

 

Ein Gedanke zu „Engelbert Humperdinck, Hänsel und Gretel,
Volksoper Wien“

  1. Anja Nina Bahrmann war an diesem Abend eine bezaubernde Gretel! Wenn man bedenkt, dass Frau Bahrmann diese Partie zuletzt vor mehr als vier Jahren gesungen hat und am selben Tag ungeübt vom Einspringen erfuhr, finde ich es eine sehr beeindruckende Leistung…
    Karl Gausterer

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