Kirill Petrenko und die Orchesterakademie des Bayerischen Staatsorchesters ließen das Publikum schmunzeln

Festspielkonzert, Kirill Petrenko, Caroline Wettergreen, Orchesterakademie des Bayerischen Staatsorchesters,  Prinzregententheater München

Festspielkonzert der Orchesterakademie des Bayerischen Staatsorchesters
Prinzregententheater, 16.07.2017
Musikalische Leitung: Kirill Petrenko
Sopran: Caroline Wettergreen
Orchesterakademie des Bayerischen Staatsorchesters

Erich Wolfgang Korngold, Aus „Eine Musik zu Shakespeares ‚Viel Lärm um nichts’“ für Kammerorchester: 1. Ouvertüre. Bewegt – sehr leicht und heiter; 7. Intermezzo (Gartenszene). Sehr ruhig (langsame Viertel); 14. Schlusstanz. Festlich bewegt
Claude Debussy, Prélude à l´après-midi d´un faune
Hans Abrahamsen, Zwei Inger-Christensen-Lieder für Sopran und Ensemble; Uraufführung – Auftragswerk der Freunde und Förderer der Musikalischen Akademie des Bayerischen Staatsorchesters e.V.; 1. „ Jeg ser de lette skyer“; 2. „Se den vantklare kilde“
Paul Hindemith, Kammermusik Nr. 1 mit Finale 1921 für 12 Soloinstrumente op. 24 Nr. 1
Les Groupe des Six, „Les Mariés de la Tour Eiffel“

eine Nachbetrachtung von Marlene Wagner

Zum 15-jährigen Bestehen der Orchesterakademie des Bayerischen Staatsorchesters gab es ein Programm, das sich ausschließlich der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts widmete – darunter auch die Uraufführung der „Zwei Inger-Christensen-Lieder“ für Sopran und Ensemble, ein Auftragswerk von Hans Abrahamsen, aufgetragen von den Freunden und Förderern der Musikalischen Akademie des Bayerischen Staatsorchesters.

Das Ensemble eröffnete den Abend mit Erich Wolfgang Korngolds „Eine Musik zu Shakespeares ‚Viel Lärm um nichts’“ für Kammerorchester. Gleich die Ouvertüre offenbarte Großes: Kirill Petrenko dirigierte mit einer Präzision, die sich den ganzen Abend aufrechterhalten sollte. Die jungen Musiker spielten schwelgerisch und klanglich voll – angesichts der kleinen Besetzung wirklich beachtlich. Für die wenigen Streicher war es immer wieder kein Leichtes, neben den klanglich dominierenden Bläsern zu bestehen.

Dass sich auch die Streicher sowohl technisch als auch klanglich auf höchstem Niveau bewegen, konnten sie im folgenden Intermezzo beweisen. Rabia Aydin am Cello begann zusammen mit dem Klavier (Nobuko Nishimura-Finkentey) mit einer elegischen Solomelodie. Dazu gesellte sich Lisa Klotz mit der Viola. Alle drei spielten voller Emotion, die Bläser hielten sich im Hintergrund, der Fokus lag auf den Streichern. Den Schlusstanz hingegen leiteten die Bläser ein, Petrenko ließ damit, zusammen mit dem jungen Ensemble, Korngolds Werk wunderbar festlich ausklingen .

Dann überließ Petrenko Sara Tenaglia an der Querflöte die Verantwortung, Claude Debussys Prélude à l`après-midi d´un faune mit dem Hauptthema einzuleiten. Sie hielt inne, nutzte den Moment der allgemeinen Spannung und verwandelte den Konzertsaal in eine grüne Aue, auf der sich der Faun in seinen Gedanken an Nymphen und seinen Träumen labte. Zweifacher, verdienter Applaus und anerkennende Blicke vom Meister persönlich ehrten das zauberhafte Spiel der Querflöte.

Der Höhepunkt des Abends: Die Uraufführung der Two Inger-Christensen-Songs von Hans Abrahamsen. „Im ersten Lied versuche ich, eine Stimme zu finden, die das Gefühl von der völligen Zeitlosigkeit hervorruft, die man erlebt, wenn man in die Wolken und die Sonne starrt und sich in diesem Moment eins fühlt mit der ganzen Natur“, sagt der dänische Komponist. Im ersten Lied vertonte er das Gedicht „Jeg ser de lette skyer“ (Ich sehe die leichten Wolken) aus dem Gedichtzyklus „Det“ (Es) von Christensen. Es beginnt mit seichten Röhrenglockenschlägen und dissonanten Akkordklängen der Streicher, zu denen sich nach einigen Momenten die Bläser gesellen, die in das Muster der Akkordfolgen einsteigen. Erst danach setzt die Stimme ein, sie liefert sich ein Duell mit der Violine und wird stellenweise eins mit dem Klang der Querflöte.

Caroline Wettergreen sang mit großer Stimmkraft, sie meisterte größte Intervallsprünge, die weit über eine Oktave hinausgehen, in höchster Brillanz. Aus kompositorischer Sicht bemerkenswert: Die Sopranistin hatte vor sich eine Zimbel aufgestellt und musizierte gemeinsam mit dem Percussionisten. Das erste Lied ist teilweise eher schrill und in etwas aggressiverer Stimmung gehalten, im Gegensatz zum zweiten Lied. Es widmet sich dem einzigen strophischen Gedicht mit dem Titel „se den vandklare kilde“ (Schau die wasserklare Quelle) aus dem Gedichtzyklus „alfabet“ (Alphabet). Wettergreen sang in sehr sanfter Artikulation eine volksliedhafte, elegische Melodie, begleitet von sanftem Glockenspiel und leisen Dissonanzen bei den Streichern.

Diese Uraufführung war ein wahrer Erfolg – minutenlanges Klatschen und Toben für den im Saal anwesenden Komponisten und für die norwegische Sopranistin.

Anschließend Hindemiths Kammermusik Nr.1 mit Finale 1921 op. 24 Nr.1. Im ersten, zweiten und vierten Satz brillierte der Percussionist Maxime Pidoux. Der ständige Wechsel zwischen Trommel, Marimbaphon und Xylophon verlief so reibungslos, dass man nur staunend zuschauen und genießen konnte. Im dritten Satz zeigten sich Querflöte, Klarinette und Fagott auf sehr hohem Niveau.

Das Konzert schloss mit der Ballettmusik zu „Les Mariés de la Tour Eiffel“, einem Werk aus zehn einzelnen Sätzen komponiert von „Le Groupe des Six“: Darius Milhaud, Francis Poulenc, Arthur Honegger, Georges Auric, Louis Durey und Germaine Tailleferre. Die Ballettmusik ist eine bunte Mischung aus Tanzsätzen – die Nr. 3 von Poulenc ist im Tempo einer Polka gehalten –, einem Depeschenwalzer von Germaine Tailleferre sowie Hochzeits- und Trauermärschen.

So endete der Abend mit emotionsgeladenen Takten und einem Generalmusikdirektor, der sich kaum vom Tanzen abhalten ließ. Füßestampfen und Bravorufe begleiteten den riesigen Applaus.

Fazit: Kirill Petrenko und die Orchesterakademie des Bayerischen Staatsorchesters haben auf extrem hohem Niveau, mit Humor und hervorragender Bühnenpräsenz überzeugt und dem Publikum den ganzen Abend lang erstaunte, amüsierte oder begeisterte Laute entlockt. Ein äußerst bereichernder Konzertabend im Rahmen des 15-Jährigen Bestehens der Orchesterakademie!

Marlene Wagner, 7. August 2017,
für klassik-begeistert.de

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