Volksoper Wien: Die lustige Witwe an der Hochburg der Operette

Franz Lehár, Die lustige Witwe, Volksoper Wien, 20.10.2017

Foto: B. Pálffy (c)
Franz Lehár, Die lustige Witwe
Volksoper Wien, 20. 10.2017

Dirigent, Alfred Eschwé
Regie und Bühnenbild, Marco Arturo Marelli
Kostüme, Dagmar Niefind
Choreographie, Renato Zanella
Baron Mirko Zeta, pontevedrinischer Gesandter in Paris,
Kurt Schreibmayer
Valencienne, seine Frau, Rebecca Nelsen
Hanna Glawari, Ursula Pfitzner
Graf Danilo Danilowitsch, Gesandtschaftssekretär, Carsten Süss
Camille de Rosillon, Konstantin Lee
Vicomte Cascada, Alexandre Beuchat
Raoul de St. Brioche, Roman Martin
Bogdanowitsch, pontevedrinischer Konsul, Joachim Moser
Sylviane, seine Frau, Tatiana Sokolova
Kromow, Gesandtschaftsrat,  Georg Wacks
Olga, seine Frau, Susanne Litschauer
Pritschitsch, Militärattaché, Franz Suhrada
Praskowia, seine Frau, Sulie Girardi
Njegus, Kanzlist bei der pontevedrinischen Gesandtschaft,
Boris Eder

von Jürgen Pathy

Die Volksoper Wien ist für jeden Operetten-Liebhaber the place to be! Das Ziel von Direktor Robert Meyer, die Operette aufzuwerten und das Haus am Gürtel wieder zu dem Wiener Musiktheater zu küren, trägt Früchte. Davon konnten die Besucher sich am Freitagabend überzeugen: „Die lustige Witwe“ in der Inszenierung von Marco Arturo Marelli begeisterte das Publikum aus aller Welt und erhielt frenetischen Beifall.

Mit der „Lustigen Witwe“ gelang dem 35-jährigen Franz Lehár ein Welterfolg. Seit der Uraufführung am 30. Dezember 1905 im Theater an der Wien hat das frivole Bühnenwerk der silbernen Operettenära wenig von seiner Faszination eingebüßt. Darin hat der Komponist die politische Situation und die öffentliche Stimmung der Donaumonarchie Österreich-Ungarn und die sich verschärfende Krise auf dem Balkan aufgegriffen. Aufgrund der Zensur wurde aus Montenegro der Fantasie-Staat Pontevedro.

An der Volksoper Wien wurde „Die lustige Witwe“ am 1. Mai 1906 als Gastspiel des Theaters an der Wien uraufgeführt. Jedoch musste beinahe ein halbes Jahrhundert vergehen, ehe man die erste hauseigene Inszenierung, am 17. April 1953, auf die Bühne brachte. Seither durchliefen 6 weitere Neuinszenierungen das ehrenwerte Haus am Gürtel und jede Menge großer Namen schlüpften in die Rollen: Johannes Heesters, Harald Serafin und Bo Skohvus als Danilo; Lucia Popp und Ildiko Raimondi als Hanna, Dagmar Koller als Valencienne und Daniel Behle als Camille de Rosillion. Auch der verstorbene Bariton und Direktor der Volksoper (1987 – 1992) Eberhard Wächter, beglückte das Wiener Publikum als Danilo. Der amtierende Direktor und Kammerschauspieler Robert Meyer schlüpfte auch selbst in die Charakter-Rolle des Njegus. Am Freitagabend sah man den 64-Jährigen durch die Gänge des Hauses flanieren.

Das sind sehr große Fußstapfen, in die es zu treten und hohe Erwartungen, die es zu erfüllen gilt. Das Bühnenbild der aktuellen Inszenierung aus dem Jahr 2011 verdeutlicht sofort in welcher Stadt und in welcher Zeit sich das Geschehen abspielt: die Silhouette des Eiffelturms und Palais-Wände im Jugendstil zeichnen getreu dem Libretto das Bild der französischen Hauptstadt Paris um 1900. Als Vorlage diente den Librettisten Victor Leon und Leo Stein das Lustspiel L’attaché d’ambassade von Henri Meilhac.

2015_11_06_LUWI_BP_043Hanna Glawari, seit dem Tod ihres Gatten schwerreiche Witwe, wurde eindrucksvoll dargestellt von Ursula Pfitzner: gesanglich als auch schauspielerisch eine Spitzenleistung! Mit ihrer charmant-anrüchigen Art und Weise mimte die gebürtige Wienerin eine glaubhafte Witwe – diese Rolle ist ihr wie auf den Leib geschneidert. Trotz schwarzem Trauerkleid wirkte sie immer etwas lasziv und anrüchig. Das berühmte Liebes-Duett „Lippen schweigen, ’s flüstern Geigen, hab‘ mich lieb“ war Balsam für die Seele – die zarten Klänge ihrer wunderschönen Gesangsstimme schwebten wie auf Wolken gebettet durch den Saal und betörten die sichtlich berührten Herzen des Publikums. Absolute Ruhe im Zuschauerraum sorgte für beeindruckende Momente, die man so nicht oft erleben darf. Herzlichen Dank!
Weitere Gelegenheiten, die märchenhaft-schöne Darbietung der Vollblut-Darstellerin zu genießen sind: als Hanna Glawari in „Die lustige Witwe“ ab 23. Oktober 2017; als Rosalinde in „Die Fledermaus“ (Operette / Johann Strauss Sohn) ab 30. November 2017; als Margarete Pappenstiel in „Der Opernball“ (Operette / Richard Heuberger) am 17. Februar 2018.

Ihr Liebes-Duett-Partner Carsten Süss stand um nichts hinten nach und brillierte in der Rolle des Graf Danilo Danilowitsch, der von Vaterlandspflichten wenig hält und stattdessen einen hedonistischen Lebensstil zelebriert: Alkohol, Glücksspiel und leicht-bekleidete Frauen. Das Ensemblemitglied erfreute mit glasklarer Artikulation und eindrucksvoller Gesangsstimme – eine beeindruckende Kombination, die dem gebürtigen Mainzer zu regelmäßigen Engagements bei der Schubertiade in Hohenems und Schwarzenberg verholfen hat. Des Weiteren durfte der 45-Jährige bereits in einigen Richard Wagner Opern sein Können unter Beweis stellen: als Steuermann Dalands in „Der fliegende Holländer“; als Froh in „Das Rheingold“ und in der Titelpartie von „Rienzi“ – nicht nur dieser frühen Wagner Oper, sondern auch der „Lustigen Witwe“ wurde eine fragwürdige Ehre zuteil: Adolf Hitlers Verehrung.
Erleben Sie den grandiosen Bühnendarsteller und Sänger: als Danilo in „Die lustige Witwe“ ab 23. Oktober; als Gabriel von Eisenstein in „Die Fledermaus“ (Operette / Johann Strauss Sohn) ab 13. November 2017; als Georg Pappenstiel in „Der Opernball“ (Operette / Richard Heuberger) am 17. Februar 2018.

In den weiteren Hauptrollen:

Kammersänger Kurt Schreibmayer als Baron Mirko Zeta. Der 63-Jährige erfreute mit ausgezeichnetem Schauspiel und einwandfreiem Gesang. Seit 1978 bereichert der Klagenfurter das Ensemble der Wiener Volksoper und konnte in dieser Saison bereits als Gefängnisdirektor Frank in „Die Fledermaus“ zur Gänze überzeugen. Zukünftige Termine: als Baron Zeta in „Die lustige Witwe“ ab 23. Oktober 2017; als Cecil McScott in „Axel an der Himmelstür“ ab 26. Dezember 2017; als Frank in „Die Fledermaus“ am 31. Dezember 2017 und als Büttel Bamford in „Sweeney Todd“ am 12. Juni 2018.

Als Valencienne, die Frau von Baron Mirko Zeta, gab Rebecca Nelsen ihr Rollendebüt am Haus. Die Texanerin lieferte eine gute aber keine außergewöhnliche Vorstellung. Sie kann auf eine eindrucksvolle Vita zurückblicken: 2013 ihr Debüt bei den Salzburger Festspielen als Blonde in „Die Entführung aus dem Serail“ und in der gleichen Rolle beim Glyndebourne Festival 2015/2016; an der Permer Oper debütierte sie 2016 als Violetta in „La Traviata“ unter der Leitung des neuen Superstars der Klassikszene Teodor Currentzis.

Einen sehr guten Einstand lieferte Konstantin Lee als Camille de Rosillon: eine hinreißend-klare und kernige Tenorstimme hinterließ einen erstklassigen Eindruck. Schauspiel und Bühnenpräsenz sind noch ausbaufähig. Dennoch kann der junge Südkoreaner auf ein Debüt an der Volksoper zurückblicken, auf das er stolz sein kann. Mit freudiger Erwartung darf man auf weitere Engagements des Sängers hoffen.

Auch alle Nebenrollen waren sehr gut besetzt.

2015_09_25_best_of_lustige_witwe_BP_(60)Mit der Sprechrolle des etwas tollpatschigen Njegus, Kanzlist bei der pontevedrinischen Gesandtschaft, bewies die Volksoper ein weiteres Mal ein ausgesprochen feines Händchen bei der Besetzung von tragenden Charakter-Rollen: mit seiner Mimik, seinem Schauspiel, seinen komödiantischen Fähigkeiten und der enormen Bühnenpräsenz bot Boris Eder eine Weltklasse-Leistung. Von 1996 bis 2006 war der gebürtige Wiener Ensemblemitglied am Theater in der Josefstadt. Weitere Engagements führten ihn an das Schauspielhaus Stuttgart und an das Theater an der Wien. Von seiner ausgezeichneten schauspielerischen Klasse zeugt auch sein Debüt bei den Salzburger Festspielen 1991 in Hugo von Hofmannsthals „Der Schwierige“ (als Stani) und in derselben Partie am Wiener Burgtheater. Für seine grandiose Interpretation des Baron Kolomán Zsupán in „Gräfin Mariza“ wurde er 2015 für den österreichischen Musiktheaterpreis in der Kategorie „Beste männliche Nebenrolle“ nominiert. Lassen Sie sich dieses bewundernswerte Schauspiel nicht entgehen: als Njegus in „Die lustige Witwe“ ab 23. Oktober 2017; als Philippe, Oberkellner, in „Der Opernball“ (Operette / Richard Heuberger) am 17. Februar 2018.

Für die entsprechende musikalische Begleitung sorgte das Orchester der Volksoper unter dem sagenhaften Dirigat von Alfred Eschwé. Der 69-Jährige gilt als erlesener Sachwalter der Musik des Walzerkönigs Johann Strauss. Zahlreiche CD-Aufnahmen belegen seine Klasse in diesem Genre. Bereits 1989 verpflichtete Eberhard Wächter den Wiener an die Volksoper – die jahrelange Erfahrung als Operetten-Dirigent macht sich bezahlt. Feinfühlig unterstütze er und sein Ensemble Sänger und Sängerinnen mit betörend schöner Musik – nur kurz übertönten sie den südkoreanischen Tenor im 2. Akt. An folgenden Terminen können Sie den bezaubernden Klängen seines Dirigats lauschen: in „Die lustige Witwe“ ab 23. Oktober 2017; in „Die Fledermaus“ (Operette / Johann Strauss Sohn) ab 30. November 2017; im Weihnachtskonzert am 17. Dezember 2017; in „Rusalka“ (Oper / Antonin Dvorak) am 25. März 2018.

Fazit des Abends: „Die lustige Witwe“ kann nicht mit der Anzahl grotesk-komischer Gags dienen wie manch andere Operette –  das war auch nie der Plan von Franz Lehár: „Ein musikalischer Possenschreiber möchte ich niemals sein. Mein Ziel ist es, die Operette zu veredeln.“ Dieses Unterfangen ist dem ungarisch-österreichischen Komponisten tadellos gelungen. Die knapp 3 Stunden Spieldauer sind viel zu rasch verflogen – Zeichen einer hervorragenden und kurzweiligen Vorstellung! Ein erstklassiges Ensemble, hinreißende Musik, wunderschöne, teils laszive Kostüme und Choreografie bereiten Lust auf mehr Operette, mehr Volksoper. Weiter so!

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 22. Oktober 2017,
für klassik-begeistert.at

 

 

 

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