Andris Nelsons und das Gewandhausorchester: Mehr Drama geht nicht – hier wird die Existenz verhandelt!

Elbphilharmonie Hamburg, 24. April 2018
Gewandhausorchester Leipzig
Dirigent Andris Nelsons

Thomas Larcher, Chiasma
Wolfgang Amadeus Mozart
, Sinfonie g-Moll KV 550
Peter I. Tschaikowsky
, Sinfonie Nr. 6 h-Moll op. 74 »Pathétique«

von Sebastian Koik

Andris Nelsons gilt als einer der allerbesten Dirigenten – und das Gewandhausorchester Leipzig als eines der besten Orchester der Welt. Seit wenigen Wochen sind diese beiden großen Namen der Klassikwelt ein Team. Der lettische Dirigent ist seit diesem Frühjahr der Kapellmeister des weltberühmten Leipziger Klangkörpers. Eben war noch Amtseinführung in Leipzig … und schon präsentiert sich dieses schöne neue Gespann in der Elbphilharmonie Hamburg.

Und Nelsons und sein neues Orchester liefern. Und wie!

Wie sie Peter Tschaikowskys Sinfonie Nr. 6 »Pathétique« interpretieren hat ganz große Klasse! Ganz besonders in den langsameren Passagen wie im Adagio des ersten Satzes zeigt Nelsons nicht die geringste Furcht vor Langsamkeit. Ohne auch nur den geringsten Hauch neuzeitlicher Ungeduld wird jeder musikalische Moment zur Gänze ausgekostet, bekommt die Musik ganz genau die Zeit, die sie braucht – und die der Darbietung den letzten Schliff zur Vollkommenheit schenkt.

Vom ersten Ton der „Pathétique“ an herrscht sehr große Spannung, gibt Nelsons perfektes Timing vor, begeistert dieser hier gezeigte Tschaikowsky mit Tiefe, Kraft, Dramatik und Dringlichkeit.

Das Orchester verführt mit einer herrlichen Zartheit und Cremigkeit im Klang, präsentiert musikalisch große Verletzlichkeit in diesem sehr persönlichen Werk des großen und sensiblen russischen Komponisten. Das ist ganz stark. Die Leipziger Künstler malen ein perfektes und zauberhaftes Adagio.

Dann überraschen plötzliche, heftige Attacken, mächtiges, glorreiches Blech. Die Musik bleibt voller Spannung und Tiefe, ist jetzt voller Leidenschaft … und Leiden.

Es ist ein Leiden voller Lebendigkeit, Schönheit und Kraft!

David Cribb beeindruckt mit seiner Tuba! Das Instrument ertönt gewaltig und hochpräzise! Selten machte dieses Instrument so viel Eindruck wie an diesem Abend in der Elbphilharmonie.

Und wieder wandelt sich der Charakter der Komposition radikal. Plötzlich ist die Musik tänzerisch leicht, beschwingt und zaubert den Zuhörern ein Lächeln in das Gesicht und ins Herz. Das ist herrlich! Perfektion! Das können selbst die Meister in der Disziplin der tanzenden Musik, die Wiener Philharmoniker, nicht besser. Herrlich cremig der Klang der Leipziger.

Und dann der Ausklang dieser magischen Minuten des Tanzes: Ein Verklingen mit allerfeinster Zartheit. Ganz, ganz groß!

Dann wird die Musik schneller. Die wunderbare Komposition Tschaikowskys macht mit dem Gewandhausorchester unter Nelsons gewaltigen Spaß! Das hat Zug. Im Publikum sieht man viele tanzende Hände und mitwippende Beine. Im schnellen Spiel fehlt gelegentlich ein klein wenig die Präzision, doch das trübt die Freude am Gezeigten nicht wirklich. Man wird mitgerissen.

Im Adagio des vierten Satzes ist die Musik voller Tiefe und fast triefend vor Massen an Gefühl – ohne je auch nur einen Hauch kitschig zu wirken! Es ist perfekt und voller Schönheit. Die Streicher, die Blechbläser, die Holzbläser: alle begeistern sie.

Dann setzt die Musik zum großen Finale an. Es ist ganz, ganz großes Drama! Mehr Drama geht nicht. Hier wird die Existenz verhandelt! Es geht um Alles! Mehr geht nicht.

Die Musik ist voll brutalen und heiligen Ernstes! Wenn diese Musik erklingt, dann wird der Schauplatz der Darbietung zum Mittelpunkt der Welt.

Irgendwann verklingt diese Wahnsinns-Symphonie lange und herrlich sanft in den Celli und Kontrabässen. Dieses Verklingen ist nicht nur hier im Saal ein Verstummen: Es ist der Endpunkt im musikalischen Schaffen des Komponisten-Genies Pjotr Iljitsch Tschaikowsky.

In der ersten Hälfte des Konzertes glänzen die Leipziger mit Wolfgang Amadeus Mozarts Sinfonie g-Moll. Die Musik erklingt voller Frische und Leichtigkeit, die für Mozart-Interpretationen so enorm wichtig sind. Auch hier: Das musikalische Timing ist herrlich, die Musik voller Spannung, das Tempo perfekt.

Es macht auch großen Spaß Andris Nelsons bei der Arbeit zuzusehen! Es ist ein sehr energisches Dirigieren. Jede Faser seines Körpers scheint im Dienste seines Ausdruckswillens zu stehen!

Er gibt der Musik in den entscheidenden Momenten eine sensationelle Ruhe. Bemerkenswert, welchen Frieden und welch‘ schönes In-Sich-Ruhen der lettische Maestro mit seiner Kapelle in den Saal zaubert! Wunderbar. Diesen zweiten Satz, dieses Andante, kann man nicht besser spielen. Nelsons lässt den Details immer und immer wieder exakt die Zeit, die sie brauchen! Er zeigt sich in der Elbphilharmonie als ein genialer Meister im Langsamen!

In den schnelleren Passagen wünschte man sich manchmal ein klein wenig mehr Spritzigkeit, Präzision und Tempo vom Leipziger Klangkörper, doch das sind nur kleine Details. Alles in allem dirigiert Nelsons ein wahres Weltklasse-Orchester mit herrlicher Überzeugungskraft.

Ganz zu Beginn des Leipziger Gastspiels ertönt Thomas Larchers Chiasma, das erst vor wenigen Wochen im Gewandhaus uraufgeführt wurde. Die Schlagwerker haben hier sehr viel zu tun, alle Musiker machen einen sehr guten Job, doch zum großen Zauber des Abends trägt dieses neue Werk nicht wirklich bei. Der Mozart und ganz besonders der Tschaikowsky der beeindruckenden Leipziger brennen sich ins musikalische Gedächtnis der Stadt ein.

Sebastian Koik, 25. April 2018,
für klassik-begeistert.de

 

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