Puccinis "Il Trittico" in München: Der Bass Ambrogio Maestri rettet einen durchwachsenen Opernabend

Giacomo Puccini, Il Trittico, Kirill Petrenko,  Bayerische Staatsoper

Bayerische Staatsoper, 23. Dezember 2027
Giacomo Puccini, Il Trittico
Musikalische Leitung: Kirill Petrenko

von Ulrich Poser

Götz Friedrich war bekanntermaßen genial. Seine Berliner Ring-Inszenierung aus dem Jahre 1984 mit dem berühmten Tunnel auch. Die Münchner Inszenierung von „Il Trittico“ mit dem daran angelehnten Minitunnel von Lotte de Beer und dem Bühnenbild von Bernhard Hammer konnte indes deutlich weniger überzeugen. Dunkel, phantasielos und kitschig.

An Frau de Beer sei die Frage gerichtet, wieso man dem Publikum in jeder Oper (drei Mal hintereinander) den selben Gag (Person wird im Tunnel um 180 Grad an die Decke gedreht und verharrt in der identischen Position ohne herunter zu fallen) zumutet? So etwas langweilt; weniger wäre mehr gewesen!

Die Oper „Il Tabarro“ gehört in musikalischer Hinsicht nicht zum Besten, was Meister Giacimo Puccini komponiert hat. Mag man bei „Tosca“ aufgrund der wunderbaren Musik über die schmonzettenhafte Handlung gern hinwegsehen (oder hören), fällt dies bei „Il Tabarro“ schwer: Magere Musik (wo sind die Puccinismen?) und magere Handlung (arme Leute lieben sich und einer wird zum Schluss ermordet) können schnell ermüden.

Wenn dann auch noch die dunkle Inszenierung und die Sänger über das Mittelmaß nicht hinauskommen, fallen dem Zuhörer leicht die Augen zu. Aus diesem Halbschlaf wurde man ab und an von Eva-Maria Westbroeks (Giorgetta) doch eher schrillem Sopran gerissen; schön anzuhören war das leider nicht.  Da auch der Tenor von Yonghoon Lee (Luigi) deutlich überambitioniert war, bereitete dieser „Il Tabarro“ keine Freude. Da konnten auch der Bariton Wolfgang Koch als stimmlich solider Michele und Kirill Petrenko mit dem hervorragenden Bayrischen Staatsorchester nichts mehr reißen.

Das kitschig-sakrale Schwesterndrama „Suor Angelica“ ist musikalisch ein wenig besser: Da hört man schon ab und zu den Puccini heraus, den wir lieben. Die Handlung ist hier in zwei Sätzen erzählt: Angelica wird ob eines unehelichen Kindes als junge Mutter ins Kloster verbannt. Das Kind stirbt und Angelica bringt sich um.

Die hübsche Albanerin Ermonela Jaho hat die Rolle gut gespielt und wurde vom Publikum in München frenetisch umjubelt. Wenn man ihr jedoch genau zuhörte, fiel auf, dass ihr hin und wieder ein hoher Ton verrutschte und dass sie dieser ziemlich dramatischen Rolle stimmlich nicht ganz gewachsen war. Sie musste sich zu sehr anstrengen.

Stimmlich und darstellerisch zu 100 Prozent überzeugte Michaela Schuster als strenge und kalte Principessa. Ein wunderbarer Mezzo; ohne jeden Makel. Für die kurzfristig erkrankte Heike Grötzinger (La Frugola in „Il Tabarro“ und La badessa in „Suor Angelica“) sprang Claudia Mahnke ein: Zwar eine deutliche Überbesetzung, aber eine, die dem Zuhörer und Zuseher Freude bereitete.

Zugegeben: Das Libretto von Suor Angelica gibt Kitsch vor: Eine Wundererscheinung führt die Muttergottes Angelica und ihr Kind (beide tot!) am Ende der Oper wieder zusammen. Wenn man diesen starken Libretto-Tobak szenisch dann noch derart umsetzt, dass sich ein überdimensionales leuchtendes Kreuz über die Bühne in Richtung Orchestergraben schiebt, gibt einem das den Rest. Platter geht es nicht, so dass man zwar relativ ausgeschlafen, aber mit einem skeptischen „Hmm…“ in die Pause ging.

„Gianni Schicchi“ rettet nach der Pause den Abend: Die Story der Oper ist lustig: Ein reicher Mann stirbt. Der listige Gianni Schicci legt sich in dessen Bett und diktiert dem dazu gerufenen Notar noch lebend das Testament. Klar, dass er sich fast alles selbst vererbt. Das Bühnenbild und die Personenregie erinnerten zwar an eine Inszenierung aus den 1960er-Jahren (entweder von Otto Schenk oder sogar von Heinz Schenk): Klamauk, der niemand wehtut.

Aber die Musik: Hier war er wieder, unser geliebter Puccini. Ein Ohrenschmaus vom Anfang bis zum Ende. Der Bass Ambrogio Maestri als Gianni Schicci war der unumstrittene Star des Abends. Bereits sein erster Ton verwies alle anderen Sängerinnen und Sänger an diesem Abend in die Schranken: Das ist eine Weltstimme, die mächtig in jede Ecke der Staatsoper dringt; Maestri sang alle Anderen mühelos an die Wand. Ein Sänger vom Schlage eines Kurt Moll. Dazu kam, dass er so wunderbar spielte, dass es auf einmal wirklich lustig war. Das konnte auch die Blaue-Bock-Inszenierung nicht verderben.

Hervorzuheben ist neben Maestri die Sopranistin Rosa Feola (Lauretta) die mit „O Mio Babbino Caro“ stimmlich und auch darstellerisch sehr überzeugte.  Für den plötzlich (nach „Il Tabarro“) die Stimme verloren habenden Pavol Breslik sprang spontan der aus Mexiko stammende Tenor Galeano Salas (Mitglied des Opernstudios der Bayerischen Staatsoper) ein und sang die Partie des Rinuccio zum nur spielenden Breslik meisterlich vom linken Bühnenrand aus.

Zum Schluss lang anhaltender Applaus – vor allem für Ambrogio Maestri, der den Abend in vielerlei Hinsicht rettete.

Nächste Aufführungen: Mittwoch, 27. Dezember 2017, Samstag, 30. Dezember 2017, Montag, 1. Januar 2018.

Ulrich Poser, 24. Dezember 2017, für
für klassik-begeistert.de

3 Gedanken zu „Giacomo Puccini, Il Trittico, Kirill Petrenko,
Bayerische Staatsoper“

  1. ich dachte mir doch, dass der bei götz friedrich abgekupferte tunnel-schmäh zu puccini nicht passt und die arbeit von frau de beer mangelhaft sein wird.
    aber es wird gejubelt, weil anders geht’s in münchen nicht. bacher hats verordnet.
    ein maestro maestri macht noch keinen opernabend. hat frau schuster einen dritten frühling? das war doch nur mehr bruch.
    armes münchen im petrenko-taumel.
    Fred Keller

  2. Fehlende Puccinismen? Kühne Wortschöpfung angesichts einer Musik, die so kaum einem anderen Komponisten zugeordnet werden könnte.

    Ungeachtet dieser Einschränkung zumindest in Teilen Zustimmung – aber weiterhin Irritation ob des in meinen Augen unangemessenen Sarkasmus‘ bei der Zusammenfassung der Opernhandlungen: Der geneigte Leser fragt sich unwillkürlich, ob hier Loriots eleganter, aber stets respektvoller Verbalklinge nachgeeifert oder der Gegenstand der Kritik lächerlich gemacht werden soll.

    Völlig einverstanden bin ich hingegen mit der geäußerten Kritik hinsichtlich des „Drehmoments“: Ist der kreiselnde Leichnam des Luigi noch ein echter Theatercoup, so erschließt sich die Nutzung der Tunnelzentrifuge in „Suor Angelica“ nicht wirklich. Das gleißende Kreuz allerdings ist mir prinzipiell als starkes Bild in Erinnerung geblieben.

    Auf der Habenseite ist allerdings die großartige Besetzung vor allem der zahlreichen Genre-Figuren zu verbuchen: Das hatte tatsächlich Staatsopernformat. Stellvertretend für die Vielzahl exzellenter Einzelleistungen seien hier Claudia Mahnke, Martin Snell und Kevin Conners genannt.

    Bei der Besetzung der weiblichen Hauptrollen hingegen mag man kritisch einwenden, dass Eva-Maria Westbroek nicht mehr wirklich mit der nötigen Stimmfrische punkten kann; dafür verkörperte sie die Rolle sehr glaubwürdig und gebot jederzeit über die nötige Durchschlagskraft. Frau Jahu hingegen zauberte im Piano, wandelte aber im Übrigen auf einem sehr schmalen Grat der sängerischen Selbstentäußerung, der ihrem lyrischen Stimmcharakter kaum zuträglich war. Eindruck gemacht hat sie dennoch (nicht zuletzt darstellerisch), wenn auch vermutlich auf Kosten ihres Materials.

    Frau Schuster zu attestieren, sie sänge „ohne jeden Makel“, erscheint mir verblüffend vor dem Hintergrund der Einschränkungen, die der Rezensent bei den anderen Sängerinnen ausgemacht haben will. Richtig ist sicherlich, dass sie sowohl in „Suor Angelica“ als auch in „Gianni Schicchi“ mit eindrucksvoller Bühnenpräsenz punktete und zumindest ab der Mittellage mühelos das Orchester durchdrang; anzumerken bleibt aber auch, dass beide Rollen die stimmlichen Spuren einer langjährigen Karriere im Wagnerfach gut vertragen. Insofern hörte ich weniger einen „wunderbaren Mezzo“, sondern vor allem in „Suor Angelica“ eine große Künstlerin, die ihre Partie abseits des hier üblichen Bruststimmenorgelns anlegte und so eine musikalisch ungewohnt differenzierte Gestaltung erzielte. In Gianni Schicchi machte ihr komisches Talent ebenso Eindruck wie die Durchschlagskraft in höheren Lagen; fairerweise sei angemerkt, dass sich vor allem in dieser Partie ein bereits etwas weit schwingendes Vibrato Bahn brach.

    Unklar bleibt, warum der Rezensent den Sänger des Luigi als „überambitioniert“ bezeichnet: Da hörte man immerhin eine sehr gesunde Stimme, deren Besitzer sich schlimmstenfalls dem Vorwurf stellen müsste, sein Material über Gebühr auszustellen. Koch überzeugte rundum, musste sich am 30. Dezember 2017 aber fallweise den Klangballungen aus dem Graben unterordnen.

    Völlige Übereinstimmung gibt es, den Interpreten des Schicchi betreffend: Maestri imponierte mit einer urgesunden mächtigen Stimme, überzeugte mit farbenreichem hochmusikalischen Gesang und zeigte dazu komisches Talent. Weshalb allerdings ausgerechnet Kurt Moll als Referenz herangezogen wird, bleibt rätselhaft: Weder gibt es Überschneidungen im Repertoire noch konnte der unbestritten großartige Bass mit vergleichbarer stimmlicher Masse aufwarten.

    Gerettet werden musste dieser Abend nach meinem Dafürhalten mithin keinesfalls, zumal Petrenko das Staatsorchester zu farbenreichem Spiel animierte, die rhythmischen Vertracktheiten souverän im Griff hatte und auch mit (manchmal ungewöhnlichen) Temporückungen verblüffende Wirkungen erzielte. Dass er fallweise in die Puccinifalle tappte und die entfesselten Phonstärken nicht immer der Durchschlagskraft seiner (gewiss nicht kleinstimmigen) Besetzung anpasste, sei der Vollständigkeit halber erwähnt.

    Zu Herrn Kellers Kommentar möchte ich abschließend anmerken, dass Bacher gewiss keinen Jubel verordnet hat (und es auch nachgerade verschwörungstheoretische Züge hat, solches auch nur anzunehmen!). Das Münchner Staatsopernpublikum aufs Korn genommen haben allerdings bereits Dietl, Süskind und Geiger Anfang der 1980er-Jahre im „Monaco Franze“. Im Übrigen würde ich mir wünschen, dass Kritik zumindest den Versuch unternimmt, konkret und sachbezogen zu bleiben; „Das war doch nur mehr Bruch…“ (Fred Keller) ist schlicht respektlos (und leider nur ein weiterer Beleg dafür, dass das Internet fallweise als Sammelpunkt wutbürgerlicher Äußerungen missbraucht wird).

    Raphael Hofmeister

    1. Sehr geehrter Herr Hofmeister,

      vielen Dank für Ihren ausführlichen und sehr interessanten Kommentar.
      Haben Sie vielleicht Lust, als Autor für klassik-begeistert.de zu schreiben?

      Der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, ist ein „Kommentar“ eines Lesers und gibt nicht die Meinung des Herausgebers und des Verfassers des Beitrages wieder.

      Ihnen ein schönes, neues Jahr wünscht mit herzlichen Grüßen

      Andreas Schmidt
      Herausgeber
      klassik-begeistert.de

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