"Ein Maskenball": Das zentrale Trio leistet sängerisch und darstellerisch viel

Giuseppe Verdi, Ein Maskenball,  Deutsche Oper Berlin

Foto: Marco Borggreve (c)

Deutsche Oper Berlin, 6. Mai 2018
Giuseppe Verdi, Ein Maskenball
Gustaf III., Dmytro Popov
Graf René Anckarström, Luca Salsi
Amelia, Anja Harteros
Ulrika, Judit Kutasi
Oskar, Heidi Stober
Dirigent, Donald Runnicles
Regie, Götz Friedrich

von Martin Schüttö

Die Unruhe im Zuschauerraum täuschte nicht darüber hinweg, dass das Orchester der Deutschen Oper in der Ouvertüre etwas blass musizierte, während eine weiße Theatermaske vom Vorhang in die Reihen glotzte. Diese reduzierte Bildsprache blieb bestimmend für die Inszenierung Götz Friedrichs – immerhin aus dem Jahre 1993. Gustaf III. betrachtet sich zu Beginn im Spiegel, probiert verschiedene Masken und scherzt mit seinem Pagen Oskar.

Dmytro Popov, der den schwedischen König Gustav verkörpert, hat eine agile Höhe, die sich mehr durch Eleganz als durch Wärme auszeichnet. Seine stimmliche Darstellung passt zu dieser Fassung von Ein Maskenball. Bei der Uraufführung musste sich Giuseppe Verdi der Zensur beugen, und seine Oper spielte fortan in Boston – weit genug entfernt, um den revolutionären Bodensatz des Stoffes ausblenden zu können. Einen Königsmord, erst wenige Jahrzehnte her, wollte man auf der Opernbühne lieber nicht sehen.

Belebend und erfrischend, stimmlich wie darstellerisch, präsentierte sich Heidi Stober als Page Oskar. Der Chor der Deutschen Oper klapperte immer wieder dem Orchester nach. Auch in der äußeren Darstellung wirkte der Chor teils unengagiert und führte Gesten und Bewegungen mit zu wenig Elan aus. Einer Inszenierung, die nicht von aktualisierenden Show-Effekten, sondern einer guten Personenregie lebt, schadet solche Nachlässigkeit.

Eine neue Farbe brachte in der ersten Szene Luca Salsi als Graf René, der mit vollem, warmem Timbre und umtriebiger Leidenschaftlichkeit eine wunderbare Ergänzung zu der Eleganz des Königs bot.

Die Umbaupause zum zweiten Bild dauerte nicht zu lang. Ärgerlich war das Benehmen von einigen Zuschauern, die noch während der instrumentalen Einleitung zur nächsten Szene fröhlich schwatzten und kommentierten. Das muss nicht sein!

Judit Kutasi als Ulrika zeichnete sich stimmlich durch ein starkes Vibrato aus und die Fähigkeit in der Tiefe gespenstische Farben hervorzubringen.

In der Orchesterbegleitung zu Ulrikas Arie blieben einige Wünsche offen: Häufig schien es so, als spiele das Orchester einfach durch, sauber, aber eben nicht auf die Sängerin achtend. Musikalisch ansprechend gelang dann der Auftritt von Anja Harteros als Amelia. Gemeinsam mit Dmytro Popov als König Gustav und Judit Kutasi als Wahrsagerin Ulrika gestaltete sie ein wunderbares Ensemble. So geriet das Ende des ersten Aktes zu einem musikalisch effektvollen Schluss.

Die Ouvertüre zum zweiten Akt erfreute mit einem herrlich gespielten Flöten-Solo. Dagegen zeigte sich bei den Tutti-Schlägen des Orchesters manches Mal ein mangelnder dramaturgischer Sinn bei Donald Runnicles. Auch die Pausen vor einem solchen Ausbruch sind schon Teil der Musik, und in dieser Haltung muss man sie auch darbieten. Dasselbe gilt für die Gestaltung von Übergängen, die eine klare gestalterische Linie vermissen ließen.

Wenn Anja Harteros als Amelia nun mit weicher und doch durchdringender Kantilene ihre Arie darbietet, um daraufhin mit Dmytro Popov in ein Duett einzusteigen, begeistert sie besonders mit ihrer hohen piano-Lage. Der Ton ist klar, ohne an Zartheit einzubüßen. Der Versuch des Königs, Amelia zu einem Geständnis auch ihrer Liebe zu bringen, überzeugt. Dramatisch spitzt sich die Situation zu, als René auftritt, Amelias Ehemann, und nicht weiß, dass sich seine eigene Frau unter dem weißen Schleier verbirgt. Erst als die Verschwörer auftreten, wird Amelia enttarnt. Die gesangliche und schauspielerische Leitung von Luca Salsi lässt die Ungenauigkeiten des Chores vergessen, der bei diesem Aktschluss nicht immer zusammen ist.

Zur Pause hin bleibt der Eindruck, dass eine Opernvorstellung mehr sein muss, als eine von Solisten getragene Aneinanderreihung hervorragender Nummern. Aber keine Frage: Das zentrale Trio dieser Oper leistet an diesem Abend sängerisch und darstellerisch viel.

Der dritte Akt macht einiges wett. Die Musiker spielen das Vorspiel mit viel Elan, das Bild ist eindrücklich: eine weiße Schaukastenbühne. Darin nur Amelia und René. Das Cello-Solo vor Amelias Arie, die ihren Mann um einen letzten Wunsch ersucht, zeigt die Qualitäten, die im Orchester der Deutschen Oper vorhanden sind. Anja Harteros vermittelt ihre Verzweiflung und ihr Flehen mit viel Emphase und bringt Luca Salsi, als René, wahrlich ins Grübeln.

Seine darauffolgende Arie gehört zum Glaubwürdigsten und Wahrhaftigsten an diesem Opernabend. Die Einleitung und Zwischenspiele von Flöten und Harfe erklingen wunderschön atmosphärisch. Den Zwiespalt zwischen Rache und seiner Liebe stellt Luca Salsi bewegend dar.

Der Auftritt von Page Oskar bringt eine erfrischende Note. Heidi Strobels Darstellung ist quirlig und belebend und leitet gut über zu der Ballszene, zum Finale der Oper. Die Arie von König Gustav muss in ihrer Thematik geradezu als Äquivalent zu Renés Arie erscheinen. Er will Amelia und René nach England schicken. Dmytro Popov singt in der Höhe sehr zärtlich und kommt trotzdem problemlos über das Orchester.

Der grüne transparente Vorhang, vor dem dieser innere Monolog stattfindet, hebt sich, und die Ballgesellschaft kommt zum Vorschein. Die Gestaltung der Masken, die roten und schwarzen Roben – alle Elemente vermitteln das Gefühl eines venezianischen Maskenballs. Die Bühnenmusik ist historisierend. Dabei funktioniert das Freeze der Ballgesellschaft, sobald die Musik pausiert, gut.

Überraschend und effektvoll wechselt die Lichtstimmung von Rot nach Blau, als der Schuss fällt und René seinen einstigen Freund, den König, ermordet. Die Arie des Sterbenden überzeugt durch ihre Wendung zur Vergebung: Wenn René über seinen Fehler verzweifelt, vergibt ihm König Gustav. Das Schlussbild stimmt auch den Zuschauer versöhnlich.

Martin Schüttö, 7. Mai 2018, für
klassik-begeistert.de

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.