Anna beseelt

Giuseppe Verdi, Il Trovatore, Anna Netrebko, Roberto Alagna, Ludovic Tézier, Luciana D’Intino, Marco Armiliato,  Wiener Staatsoper

Giuseppe Verdi, Il trovatore
Wiener Staatsoper, 12. Februar 2017

Der Wiener zählt zu jener glücklichen Gattung Mensch, die in ihrer 1,8-Millionen-Einwohner-Metropole drei phantastische Opernhäuser und zwei phantastische Konzerthäuser besuchen darf: Die Staatsoper, die Volksoper, das Theater an der Wien, den Musikverein und das Wiener Konzerthaus. Da bleibt es nicht aus, dass der Wiener nur wirklich herausragende Aufführungen als solche auch empfindet. Denn in Wien geben sich die Weltstars und weltbesten Orchester die Klinke in die Hand.

Der Abend mit dem Weltstar Anna Jurjewna Netrebko an der Wiener Staatsoper geriet zu so einer unvergesslichen, herausragenden Aufführung. Die Russin gastierte am Sonntag als Leonora in Guiseppe Verdis Oper „Il trovatore“ im Haus am Ring. Der Auftritt des Weltstars in der mittleren Oper aus Verdis „populärer Trilogie“ – „Rigoletto“, „Der Troubadour“, „La traviata“, 1851 – 1853 – geriet zu einem unvergesslichen musikalischen Ausrufezeichen an stimmlicher und darstellerischer Vollkommenheit.

Die Wienerin Monika Stumpf, 48, resümierte: „Mir geht ein Schauer über den Rücken, wenn Anna Netrebko singt. Diese Frau begeistert und beeindruckt. Sie rührt mich zu Tränen.“

Auch ihr Mann Alexander Juen, 50, war begeistert: „Phantastisch! Eine absolut geniale sängerische Leistung. Anna Netrebko wird von Jahr zu Jahr besser. Sie füllt den Raum mit Wohlklang und Wärme, auch wenn sie ganz leise singt.“

„Gesanglich ist das ein epochaler Auftritt“, bilanzierte die Wienerin Eva Wexberg. „Die Kombination all dieser großen Stimmen ist einfach großartig!“

„Das Tolle ist, wie sehr Anna Netrebko sich mit jeder Rolle identifizieren kann“, sagte die Wienerin Gabriele Hitzenberger. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand anders die Partie einfühlsamer singen kann.“

„Es ist für mich ein wahres Glück, einen solchen Abend an der Wiener Staatsoper erlebt zu haben“, sagte die Wienerin Nina Fuchs. „Die Netrebko ist eine begnadete Sängerin. Sie weiß ganz genau, was sie mit ihrer Stimme machen kann. Sie singt hingebungsvoll. Sie berührt. Sie kann die Zuhörer mit ihrer Stimme führen und verführen. Wenn Anna Netrebkos Stimme traurig klingt, bin ich auch traurig. Wenn sie glücklich klingt, bin ich auch glücklich.“

Ja, Anna Netrebkos Gesang macht traurig und glücklich. Sie bewegt und entspannt. Ihre satte Tiefe und ihre strahlende Höhe sind vom Piano bis zum Forte gleichermaßen stark. Ihr Piano ist kontrolliert und beseelt – ihr Timbre mittlerweile so abgedunkelt, dass es fast wie ein Mezzo klingt; ihre strahlenden Spitzentöne sind ungebrochen.

Gleichzeitig überragt sie alle Darsteller mit ihrer Präsenz. Sie kommt auf die Bühne, und die gehört ihr fast allein. Es gleicht einer Explosion, wenn sie ihre Energie zum Glühen bringt.

„Je älter sie wird, desto schöner singt sie“, sagte Reinhard Lehner bereits bei Netrebkos Troubador-Auftritt in Berlin im Juli 2016. „Ihre Stimme ist reifer und voluminöser geworden. Anna Netrebkos Gesang geht einfach unter die Haut.“

Auch Annemarie Förster war hin und weg: „Ihr Gesang erweckt in mir die Gefühle einer Frau, einer Mutter und einer Tochter. Für uns ist Stimme das schönste Instrument. Was man aus diesem Geschenk Gottes machen kann, ist beeindruckend.“

Der Tagesspiegel war voll des Lobes für die 45 Jahre alte Sängerin. „Netrebko ist ja immer noch und immer wieder den Bohei wert, den man um sie macht. Die Batterie, die diesen Sopran befeuert, erscheint in manchen Momenten eher wie ein Kernreaktor.“ Ihre Stimme werde stets getragen „von einer purpurnen, rotglühenden, vulkanischen Unterströmung.“

Ja, diese Sängerin ist den erhöhten Eintrittspreis dreifach wert. Jeder Ansatz, jedes Crescendo, jedes Diminuendo, jede Geste, jedes Pianissimo, jeder Triller: Passt, wie man in Wien sagt.

Höhepunkt des Abends im ausverkauften Haus war Leonoras große Liebesarie im vierten Akt („D’amor sull’ali rosee / Auf der Liebe rosigen Schwingen“). Es war überwältigend, wie Anna Netrebko die Spitzentöne ansteuerte und dann ein Diminuendo bis fast zur Lautlosigkeit ausformte – das war Stimmkunst in vollendeter Form.

Dieser Auftritt der berühmtesten Sopranistin unserer Tage raubte den Zuhörern oft sekundenlang den Atem. „Netrebkos Stimme“, schrieb die Berliner Morgenpost, „ist makellos, zärtlich, die Koloraturen freizügig girrend, aufblühend. Dieses letzte Aufbäumen zwischen Leben und Tod wird zum Triumph, mit Ovationen wird die Netrebko an der Rampe festgehalten.“

„Wie Anna Netrebko ‚D’amor sull’ali rosee’ singt, wie elegant, wie sensibel, wie ausdrucksstark, wie sie mit jeder Note spielt, diese als Ton in die Luft wirft, balanciert, moduliert, wie sie Pianissimi ins Auditorium zaubert, aber stets so, dass selbst der zarteste Hauch den ganzen Raum erfüllt – all das ist meisterhaft“, schreibt der Kurier. „Vielleicht kniet sie sich auch beim nächsten Mal danach nieder, so wie bei der Premiere, genießt den minutenlangen Applaus und klopft sich währenddessen nur zweimal aufs Herz.

Dieser magische Moment im ersten Bild des vierten Aktes ist so intensiv, dass nicht wenige im Publikum Tränen in den Augen hatten. Zum Weinen schön. Er erinnerte an Netrebkos erste Donna-Anna-Arie bei den Salzburger Festspielen. Oder an das ‚E lucevan le stelle’ von Jonas Kaufmann zuletzt an der Staatsoper. Oder an Neil Shicoffs ‚Rachel, quand du Seigneur’. Soll heißen: Das macht ihr/ihnen niemand nach, das geht zur Zeit nicht besser.“

„Anna Netrebko singt ganz außergewöhnlich“, sagte der Germanistik- und Anglistik-Student Jakob Schepers aus Berlin. „Bei ihr kommen Klarheit und Gefühl gleichermaßen zum Ausdruck – sie hat etwas, das andere Sopranistinnen nicht drauf haben. Anna Netrebko kann stärker Emotionen herüberbringen als andere Sängerinnen.“ Jan Lindberg und Ahmet Sezer aus Stockholm sagten: „Anna hat die außerordentliche Fähigkeit, vom Guten bis zum Teufel ganz unterschiedliche Charaktere zu interpretieren. Sie gibt sich auf der Bühne ganz und gar ihrer Rolle hin.“

Auch die Sängerin Christa Luckow aus Bardowick bei Lüneburg (Niedersachsen), vermochte nur Positives im Auftritt von Anna Netrebko zu hören und sehen: „Die Größe ihrer Stimme ist wunderbar, das Spektrum ihrer Klangfarben ist grandios: In der Tiefe ist sie ein warmer Mezzo, in der Höhe ist ihre Strahlkraft ungebrochen. Ihre Koloraturen sind hinreißend eingebettet in eine gesamtrunde Stimme. Anna Netrebko beherrscht die Bühne auch mit ihrer Persönlichkeit und ihrer Schauspielkunst.“

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Ja, und dann waren da, bei dieser ganz wunderbar lebendigen Inszenierung von Daniele Abbado, die im Spanischen Bürgerkrieg spielt, bei diesem wunderbar feinfühligen Dirigat von Marco Armiliato, das viele Feinheiten dieser kostbaren Musik ganz neu erstrahlen lies, bei diesem in punkto Gesang und Spiel bezaubernden Chor und Extrachor der Wiener Staatsoper noch andere wunderbare Sänger auf der Bühne:

Der phantastische Il Conte di Luna Ludovic Tézier. Mit einer markanten, tiefen, vollen und satten Stimme nimmt man ihm die Autoritätsrolle des Grafen Luna voll und ganz ab. Sehr viel Beifall für diesen noblen Bariton der Extraklasse und ein ganz großes Wohlfühlgefühl.

In puncto Gesangsleistung hätte sich Anna Netrebko für Ludovic Tézier aus dem französischen Marseille entscheiden müssen – und nicht, wie im Libretto von Salvadore Cammarano vorgesehen, für Manrico, gesungen vom Weltstar Roberto Alagna, aufgewachsen in Paris. Der Tenor schwächelte bei den ersten hohen Tönen hinter der Bühne und auch bei dem (von Verdi nie notierten) Spitzenton am Ende seiner Stretta im dritten Akt („Di quella pira / Lodern zum Himmel seh ich die Flammen“). Aber es gab immer wieder auch ausgesprochen schöne lyrische Passagen von dem Franzosen italienischer Herkunft, vor allem in der mittleren und in der tieferen Lage.

Eine Anna Netrebko in Sachen Perfektion ebenbürtige Leistung bot die Italienerin Luciana D’Intino als alte Zigeunerin Azucena. Ihr dramatischer Mezzosopran verkörperte in Reinkultur das Mystische, das Dunkle, ja Hexenhafte der Azucena – ohne unangenehm zu vibrieren. Sie ist ein Traum von Sängerin für Rollen aus einer Welt, wo sich das Böse versammelt. Wirklich eine Vollblutsängerin.

Und wunderbar sinnlich-männlich der Bass Jongmin Park aus Seoul als Ferrando. Was für eine satte, profunde Stimme! Dieser Sänger ist mehr als ein „rising star“ – er zählt schon jetzt zu den führenden Bässen seiner Generation. Niemand in seiner Altersklasse kann ihm mit seinen 30 Jahren das Wasser reichen in Sachen Väterlichkeit und Virilität. Eine wahre Perle ist dieses Ensemblemitglied für die Wiener Staatsoper! Kein Wunder, dass die Hamburgische Staatsoper ihn 2013 nicht mehr halten konnte. Der Koreaner hat 2015 den Lied-Preis des BBC Cardiff Singer of the World-Wettbewerbs gewonnen und debütierte 2016 bei den Salzburger Festspielen.

Andreas Schmidt, 13. Februar 2017
klassik-begeistert.de

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