Potpourri für Alle: Grätzlkonzert der Symphoniker im Wiener Museumsquartier

Grätzlkonzert der Wiener Symphoniker, Museumsquartier, 12. Mai 2018

Foto: Anreas Balon (c)

 Grätzlkonzert der Wiener Symphoniker, Museumsquartier, 12. Mai 2018

Wiener Symphoniker
Lahav Shani,
Dirigent

  • Pjotr Iljitsch Tschaikowski: Valse des fleursaus und Danse russe Trepak aus dem Nussknacker op. 71a;  Romeo und Julia, Fantasieouvertüre nach William Shakespeare
  • Antonín Dvořák: Starodávny au den Slawischen Tänze op. 72, Nr. 2
  • Sergei Sergejewitsch Prokofjew: Die Montagues und die Capulets aus Romeo und Julia, Suite Nr. 2 op. 64b; Romeo und Julia und Tybalts Tod aus Romeo und Julia, Suite Nr. 1 op. 64a
  • Johann Strauss Sohn: Furioso-Polka, op. 260

von Thomas Genser

Lahav Shahani
Foto: Marco Borggreve

Dass die Wiener Symphoniker nicht nur in großen Häusern wie dem Musikverein oder dem Konzerthaus tätig sind, wollen sie durch ihre als „Grätzlkonzerte” titulierte Konzertreihe beweisen. Dezidiertes Ziel ist der Abbau von Vorurteilen gegenüber klassischer Musik: Es kommt dabei laut Pressetext zu „Begegnungen auf Augenhöhe” mit diversen Publikumsschichten abseits der etablierten Konzertorte. Im Museumsquartier in Wien-Neubau spielen die Symphoniker ein Potpourri-Programm, das alle Anwesenden mitreißen kann.

Unter der Leitung von Lahav Shani startet der Abend mit einem regelrechten Hit: Tschaikowskis Valse des fleursaus aus dem Nussknacker. Die Einleitung der Solo-Harfe ist nahezu perfekt, leider übertönt das Geklimper des Geschirrs der nahegelegenen Gastronomie die Arpeggios. Davon lassen sich die Symphoniker aber nicht beirren. Als das bekannte Hauptthema einsetzt, können wohl auch die unmusikalischsten Zuhörer im Publikum mitsummen. Trotz des relativ hohenTempos leidet die Dynamik in keinster Weise darunter.

Abseits seiner inflationären Verwendung in weihnachtlichen Spielfilmen und dazugehörigen Trailern in Kino und Fernsehen ist der folgende Danse russe Trepak gelegentlich im Konzert zu hören. In dem kurzen Stück setzt Shani auf Show und lautes Schlagwerk, dafür bekommt er massiven Applaus.

Das längste Stück, das man dem Publikum an diesem Abend zumuten möchte, ist die knapp 20-minütige Fantasieouvertüre Romeo und Julia, ebenfalls von Tschaikowski. Mit musikalischen Mitteln stellt man hier die gesamte Geschichte dar: Eine choralartige Eröffnung der Bläser charakterisiert Pater Lorenzo, welcher das Paar im Geheimen vermählt. Alle weiteren Szenen der Beziehung, Krisen und Kämpfe finden Ausdruck durch den Klangkörper, den Shani fest im Griff hat. Trotz der lieblichen Episoden, etwa im Duett von Harfe und Englischhorn, kann der gefährliche Unterton stets erahnt werden – ein Hinweis auf das tragische Ende der Geschichte.

In den vorderen Reihen ist der Klang für Open-Air-Verhältnisse überraschend gut, einzig das Blech ist stellenweise zu grell und durchdringend. Dies macht sich in den fortissimo-Passagen und den Crescendi gegen Ende hin unangenehm bemerkbar, als die Hörner geradezu quietschen. Absolut überwältigend dagegen sind die rapiden Läufe des gesamten Streicherapparats. Der junge Mann am Dirigierpult scheint zu allem bereit und übermittelt dies unverblümt.

Weiter geht es nach Tschechien: Der Walzer Starodávny aus Dvořáks Slawischen Tänzen war dessen Zeitgenossen „nicht tschechisch genug”. Die Unterstellung, sich bloß im Ausland beliebt machen zu wollen, findet beim Publikum in Wien Bestätigung. Voll Elan spielen die Streicher das e-Moll-Thema, das mit seinem harmonischen Trugschluss immer wieder aufs Neue überrascht.

Neben Tschaikowski beschäftigte sich auch Prokofjew mit der Geschichte von Romeo und Julia, wenn auch als Ballett und mit einer anderen musikalischen Sprache. Das erste Stück daraus, Die Montagues und die Capulets, begleitet den Kampf zwischen den rivalisierenden Familien. Nach der dissonanten Einleitung mit clusterartigen Harmonien folgt das bekannte Thema. Über die starke Leistung der Blechbläser kann dabei nur gestaunt werden – selten spürt man solche Bässe im Konzertsaal. Wie ein Lichtblick schimmert später die Celesta durch die dichte Orchestertextur hindurch, sogar eine solistische Saxophon-Passage darf nicht fehlen.

Romeo und Julia, das Titelstück, ist eine Darstellung der Beziehung in Kurzform. Auf behutsame Einleitungstakte folgen Noten in ätherischer Höhe und Musik zum Dahinschmelzen. Erwähnung finden muss die Ensemble-Passage der jeweils ersten Streicher – das ist Kammermusik in einem Orchesterwerk! Lahav Shani selbst ist ergriffen, fast verliebt, da sieht man über die wenigen falschen Einsätze gerne hinweg.

Das Sterben von Julias Cousin im Duell mit Romeo ist in Tybalts Tod zu hören. Während zu Beginn eine tänzerische Fanfare erklingt, entwickelt sich das Stück zu einem Marsch, den gehaltvolle Tuttischläge vorantreiben. Erneut können die Symphoniker durch enorme Präzision überzeugen, sowohl Schlagwerk, als auch Streicher und Bläser arbeiten wie ein Uhrwerk.

Zum Abschluss gibt es ein wenig seichte Unterhaltung: Die Furioso-Polka von Johann Strauss‘ Sohn beschließt das Konzert sehr effektvoll. Passend zum „quasi Galopp”-Tempo reitet die beschwingte Melodie förmlich über den Rhythmus, den das Schlagwerk vorgibt. Die Wechsel zwischen Dur und Moll sind geschickt einkomponiert und fallen nicht weiter auf. Der Jubel am Ende ist grenzenlos: Ganze drei Zugaben – allesamt von Strauss – muss Shani auspacken, bis ihn das Publikum in die laue Frühlingsnacht entlässt.

Thomas Genser, 14. Mai 2018
für klassik-begeistert.de

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.