"Allein bist Du auf der Bühne nichts - ich bin ein Team-Player"

Großes Exklusiv-Interview mit dem Bass Wilhelm Schwinghammer,  Hamburg, Berlin, Wien

Der Bass Wilhelm Schwinghammer verlässt nach 11 Jahren das Ensemble der Hamburgischen Staatsoper. Der 40 Jahre alte Bayer hat viele tolle Angebote an großen Häusern und arbeitet künftig als freier Sänger. Im großen Interview mit klassik-begeistert.de erklärt er, wie sehr ihn die Regensburger Domspatzen und Kurt Moll geprägt haben. Und er freut sich, demnächst einmal den Ochs, Gurnemanz und Mephistopheles zu singen.

klassik-begeistert.de: Herr Schwinghammer, Sie verlassen nach 14 Jahren die Hamburgische Staatsoper, 11 Jahre gehörten Sie zum Ensemble. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?

Wilhelm Schwinghammer: Das waren mehrere Entscheidungen. Ich habe international und national viele schöne Angebote von tollen Opernhäusern und wollte jetzt einfach den nächsten Schritt gehen und mein Repertoire um neue Rollen wie den Baron Ochs in der Richard-Strauss-Oper „Der Rosenkavalier“ erweitern. Es wiederholt sich Vieles, wenn man 14 Jahre an einem Haus ist: das Repertoire, die Inszenierungen… Ich suche neue Reize und Herausforderungen – das war der größte Beweggrund. Als Mitglied in einem festen Ensemble kann man nicht alle Offerten wahrnehmen. Man wird eingeteilt, hat seine Verpflichtungen und kann nur darum herum seine Engagements international wahrnehmen. Jetzt kann ich mir die schönsten Angebote heraussuchen.

Nach Auffassung vieler Besucher hat das Niveau der Staatsoper Hamburg in den letzten Jahren eher ab- als zugenommen. Die Auslastung an der Dammtorstraße liegt bei 73 Prozent – an der Staatsoper in Berlin bei 90 Prozent und in München bei 95 Prozent. Große Sänger machen meist noch einen Bogen um Hamburg. Und manche Repertoire-Aufführungen sind nur gehobenes Mittelmaß. Ist dies auch ein Grund, Hamburg den Rücken zu kehren und als freier Sänger zu arbeiten?

Wilhelm Schwinghammer: Ich habe mich aus persönlichen Gründen entschieden, zukünftig freischaffend zu arbeiten. Denn nur so kann ich mein Repertoire erweitern und die Rollen auswählen, die ich singen möchte. Ich freue mich schon sehr drauf, als Gast nach Hamburg zurückzukommen, zum Beispiel als Sarastro im November und Dezember.

Welche Highlights werden Sie in der Saison 2017/18 bestreiten?

Wilhelm Schwinghammer: An der Wiener Staatsoper trete ich im Februar und März 2018 unter William Christie als König von Schottland in „Ariodante“ von Georg Friedrich Händel auf. Mit Zubin Metha war ich gerade für die 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven auf der Alhambra in Granada und mit dem Teatro Massimo di Palermo in Taormina, Sizilien. Das sind künstlerische Projekte, die mich weiterbringen und prägen – so, wie die vier Jahre bei den Bayreuther Festspielen. Dort konnte ich für mich einen Grundstein im Wagner-Bereich legen, den mir keiner mehr nehmen kann. Ich habe jetzt 75 Rollen im Repertoire, pro Jahr kommen ein, zwei neue Partien dazu. Ein weiteres Highlight ist für mich im Mai und Juni 2018 der Baron Ochs im Rosenkavalier von Richard Strauss unter dem künftigen Leiter des NDR Elbphilharmonie Orchesters Alan Gilbert an der Königlichen Oper in Stockholm – die Partie lerne ich gerade noch, sie ist sehr schwer. Im Juli 2018 singe ich den Ochs dann noch einmal unter Zubin Metha konzertant in Tel Aviv.

Und wann hören wir Sie als Gurnemanz in Richard Wagners letzter Oper „Parsifal“?

Wilhelm Schwinghammer: Für den Gurnemanz hatte ich bereits Angebote, aber bitte eines nach dem anderen! Ich habe die Rolle schon im Kopf, aber man muss die Partie gut lernen. Da habe ich einen hohen Anspruch. Wobei sich Wagner leichter lernt als Strauss. Strauss braucht immer ein bisschen mehr Zeit, das ist musikalisch schwieriger.

Was sagt Ihre Frau zu Ihrer beruflichen Veränderung? Sie ist ja selbst freiberufliche Sängerin im Konzertbereich.

Wilhelm Schwinghammer: Das haben wir gemeinsam entschieden.

Ich habe Sie oft in Hamburg gehört und 2015 bei den Festspielen in Bayreuth auch als Heinrich der Vogeler in Richards Wagners Oper „Lohengrin“ sowie als Fasolt in „Das Rheingold“. Da waren Sie wirklich Extraklasse! Werden Sie bald wieder in Bayreuth singen, nachdem Sie 2016 und 2017 nicht auf dem Grünen Hügel aufgetreten sind?

Wilhelm Schwinghammer: Ich bin in Gesprächen mit Katharina Wagner, aber da ist noch nichts spruchreif. Im vergangenen Oktober habe ich Fasolt im „Rheingold“ an der Lyric Opera of Chicago gesungen, ich habe mich für dieses Engagement entschieden und musste Bayreuth deswegen leider absagen – man kann nicht auf allen Hochzeiten tanzen.

Sie sind ein waschechter Bayer, geboren in Vilsbiburg im bayerischen Landkreis Landshut und aufgewachsen in Taufkirchen/Vils im Landkreis Erding. Wie fühlen Sie sich da in der Hafenstadt Hamburg unter den Hamburgern?

Wilhelm Schwinghammer: In Vilsbiburg in Niederbayern war das Krankenhaus, da kam ich zur Welt. In Taufkirchen in Oberbayern habe ich meine ersten neun Jahre verbracht. Aus der Gegend kommt das gute Erdinger Bier (lacht). In Hamburg fühle ich mich seit 14 Jahren sehr wohl, ich bin hier immer sehr herzlich aufgenommen worden. Berlin ist schroffer, die Hamburger sind freundlicher. Hamburg ist schön international, es mischt sich gut.

Wie sind Sie zum Singen gekommen?

Wilhelm Schwinghammer: Wir haben zu Hause und in der Schule immer viel gesungen. Die Musiklehrerin war sehr von meiner Stimme angetan und wollte mein Talent fördern lassen. Meine Mutter hat in der Zeitung eine Anzeige gelesen: „Regensburger Domspatzen suchen N: achwuchs“. So bin ich zum langjährigen Domkapellmeister Georg Ratzinger, dem Bruder von Kardinal Joseph Ratzinger (Anmerkung: dem späteren Papst Benedikt XVI.), zum Vorsingen gefahren. Mit neun Jahren wurde ich Knabensopran bei den Regensburger Domspatzen, und das Singen wurde zu einer Selbstverständlichkeit drei Stunden täglich. Hinzu kamen Konzertreisen von Kuwait über Japan bis nach Kanada und Argentinien. In Deutschland haben wir auch viele Konzerte gegeben.

Was für Erfahrungen haben Sie mit diesem renommierten Chor gemacht?

Wilhelm Schwinghammer: Nur gute! Ich habe dort viel gelernt, das war eine tolle Zeit. Ich war im Musik- und Sportinternat, wir haben sehr viel Fußball gespielt. Wir waren eine tolle Gemeinschaft und haben die Zeit genossen – bis zum Abitur.

Und wann war Ihnen klar: Ich möchte professioneller Sänger werden?

Wilhelm Schwinghammer: Ich habe das nie bewusst entschieden, ich habe einfach gesungen. Nach dem Stimmbruch kam ich dann in die Männerstimme. Zunächst wollte ich Tierarzt werden, aber das habe ich doch wieder verworfen. Stattdessen habe ich immer weiter gesungen, in verschiedenen Ensembles, und die Resonanz war immer gut. Auch bei den Professoren, bei denen ich studiert habe. Der Opernsänger Wolfgang Brendel, dem ich in München vorgesungen habe, hat mich sehr ermuntert, weiterzumachen. Es war alles eine organische, natürliche Entwicklung, kein „ich muss jetzt!“.

An der Universität der Künste Berlin haben Sie Gesang bei Harald Stamm studiert und waren Meisterschüler des legendären Kurt Moll und von Marjana Lipovsek. Sicher eine sehr prägende Erfahrung…

Wilhelm Schwinghammer: …meine Stimme hat sich während des Studiums positiv entwickelt. Harald Stamm hat mich immer ermutigt: „Wenn Du so weitermachst, dann gehst Du bald vorsingen!“ Dann kamen Angebote vom Rundfunkchor Berlin und vom Internationalen Opernstudio der Hamburgischen Staatsoper. Ich habe mich dann für den schweren Weg entschieden: den Solo-Weg – den Chor-Weg kannte ich ja schon. Kurt Moll, einer meiner Lehrer, war vor meiner Zeit lange Ensemblemitglied in Hamburg gewesen. Ich habe ihn an der Staatsoper kennengelernt und durfte bei ihm Meisterkurse besuchen – das war ebenfalls sehr prägend. Wir haben in Hamburg sogar für ein paar Werke gemeinsam auf der Bühne gestanden.

Sie haben von Sarastro aus Wolfgang Mozarts „Zauberflöte“ über Sparafucile in Giuseppe Verdis „Rigoletto“ bis zum Fasolt im „Rheingold“ sehr viele wichtige Bass-Partien gesungen. Welche Rollen möchten Sie gerne noch unbedingt singen?

Wilhelm Schwinghammer: Den Ochs, den Gurnemanz und den Mephistopheles im „Faust“ von Charles Gounod. Der Charakter des Teufels würde mich reizen, das wäre sängerisch und sprachlich eine große Herausforderung. Ja, Mephistopheles wäre ein Traum, auf diese Rolle hätte ich wirklich große Lust! Auch den Philippe im „Don Carlos“ von Giuseppe Verdi würde ich gerne singen, ebenso wie Jacopo Fiesco in Verdis „Simon Boccanegra“. Man braucht immer wieder neue Herausforderungen. Wenn man im Alter von 35 oder 40 bereits alles gesungen hat – was kommt dann noch?

Wie würden Sie einem Menschen, der Sie noch nie gehört hat, Ihre Stimme beschreiben?

Wilhelm Schwinghammer: Das kann ich wirklich nicht sagen. Wie soll man seine eigene Stimme beurteilen? Damit tue ich mir schwer. Anscheinend hat meine Stimme einen schönen, runden Klang, sie ist nicht penetrant. So sagen es mir Menschen, die mich hören. Ich versuche, meine Stimme immer natürlich zu führen. Ich künstele nicht und versuche schön zu singen, die Stimme schön einzusetzen, aber natürlich auch den Charakter zu formen und viele Farben hereinzubringen – schön singen allein ist ja langweilig. Osmin in Wolfgang Amadeus Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ kann auch mal böse, hässliche Töne haben. Nur schön zu singen, erschöpft sich nach einer gewissen Zeit.

Haben sie musikalische Vorbilder?

Wilhelm Schwinghammer: Absolut. Mein Lehrer, Kammersänger Harald Stamm, ist ein großes Vorbild. Ich habe bei ihm alles gelernt. Er ist mir auch ein menschliches Vorbild, denn er ist immer am Boden geblieben und hat sich in den Dienst der Musik gestellt – das bewundere ich sehr an ihm. Auch bei Kurt Moll habe ich viel gelernt, er war ebenfalls ein sehr geerdeter Mensch. Den bulgarischen Bass Nicolai Ghiaurov bewundere ich auch vor allem für den schönen Klang seiner Stimme und die Art, wie er seine Stimme fließen lassen kann. Ein weiteres Vorbild ist der Italiener Cesare Siepi, er hatte eine schöne, runde Bassstimme. Beide waren tolle Künstler, deren Stimmen mich beeinflusst haben.

Sie haben schon einmal 2005 bei den Salzburger Festspielen neben Anna Netrebko und Rolando Villazón als Dr. Grenvil in Giuseppe Verdis „La Traviata“ gesungen. Wie war denn da die Zusammenarbeit mit diesen zwei Ausnahmesängern?

Wilhelm Schwinghammer: Ich bin zufällig zu diesem kleinen Engagement gekommen, weil der Regisseur Willy Decker mit einer Besetzung nicht zufrieden war: Ich bin also nach Salzburg geflogen, habe vorgesungen, habe eine Probe mit Anna Netrebko mitgemacht und bin dann gleich dort geblieben. Das war in meinem zweiten Opernjahr im Opernstudio fast schon ein bisschen viel. Anna Netrebko war damals noch nicht der Star, der sie heute ist. Die „La Traviata“ in Salzburg war ihr Durchbruch. Die Premiere wurde das erste Mal live in der ARD ausgestrahlt, ganz ungeschnitten. Anna Netrebko wurde über Nacht zum Superstar. Es war eine großartige Zusammenarbeit mit Willy Decker.

Sie haben als begeisterter Fußballfan die Zeitschrift „Kicker“ abonniert – ist das Spiel „elf gegen elf“ für Sie Ausgleich zum täglichen Kulturbetrieb?

Wilhelm Schwinghammer: Ich spiele nur noch ab und zu selbst. Früher habe ich regelmäßig in der Hamburger Opernmannschaft mitgekickt, als Rechtsfuß in der Verteidigung, manchmal auch im Mittelfeld. Auch in Bayreuth haben wir öfter gespielt. Da gibt es während der Festspielwochen auch Turniere, zum Beispiel Sänger gegen Orchester. Als Zuschauer verfolge ich Fußball immer noch sehr intensiv. Schon als kleiner Bub war ich im Internat ein großer Fan des FC Bayern München. Meine Idole in der Kindheit und Jugend waren Klaus Augenthaler, Lothar Matthäus, Andy Brehme, Jürgen Klinsmann…

...Sie sind ja richtig fußballbegeistert…

Wilhelm Schwinghammer: …absolut. Ich erinnere mich noch an die Saison 1990/91: Wir mussten nachts ruhig sein im Internat in Regensburg, aber wir haben Radio gehört, weil die Bayern im Pokal der Landesmeister (Anmerkung: heute Champions League) gespielt haben. Mit unseren Kopfhörern haben wir heimlich das Spiel verfolgt: bei Roter Stern Belgrad, Halbfinale, Rückspiel. Die Bayern hatten 2 : 1 zu Hause verloren und haben bis kurz vor Schluss 2 : 1 geführt in Belgrad, das Spiel wäre also in die Verlängerung gegangen. Aber Klaus Augenthaler hat in der 90. Minute noch ein Eigentor gemacht nach einer abgefälschten Flanke. Bayern schied aus, ich habe geweint.

Waren Sie in Ihrer Jugend bei Heimspielen der Bayern im Olympiastadion?

Wilhelm Schwinghammer: Ganz selten. Wir hatten gar keine Zeit. Gewöhnlich hatten wir freitags bis 11.15 Unterricht, dann folgte noch eine Gesangsstunde bis 12 Uhr, am Wochenende ging es meist auf Konzertreise.

Sie haben auch schon zweimal in der Münchner Allianz-Arena und im Dortmunder Stadion die Nationalhymne zur Eröffnung der Bundesligasaison gesungen. Einmal waren Sie auch vor einem Länderspiel der Deutschen Nationalmannschaft in Nürnberg zu hören. Werden wir Sie bald wieder mal in einem großen Stadion singen hören?

Wilhelm Schwinghammer: Die Kollegen von der Deutschen Fußball Liga DFL fragen regelmäßig an. Ich bin gerne dabei, weil ich dann Musik und Sport kombinieren kann. Aber letztes Jahr wollte der Verband eine Pop-Version, da hat Tim Bendzko gesungen.

Welche Bayern-Spieler überzeugen Sie zur Zeit am meisten?

Wilhelm Schwinghammer: Thomas Müller ist eine Konstante. Manuel Neuer ist auch ein Sympathieträger, auch wenn er aus Gelsenkirchen kommt – aber das ist ja völlig egal (lacht). Manuel Neuer lebt Fußball, so wie früher Oliver Kahn. Ich bin auch ein großer Arjen-Robben-Fan – der Robben ist einer, der sich voll reinhängt und extra Einheiten schiebt. Ich mag die Spieler, die sich aufreiben, die motiviert sind. Und Robben ist auch ein Künstler, er hat zwar immer seinen Standardtrick, aber er ist für die Mannschaft wahnsinnig wertvoll. Robert Lewandowski ist ein phantastischer Stürmer – ich finde, der FC Bayern hat derzeit eine sehr gute Spieler-Mischung.

Sehen Sie Parallelen zwischen dem Fußball- und dem Kulturbetrieb?

Wilhelm Schwinghammer: Ich vergleiche eine Fußball-Elf oft mit einem Ensemble: Jeder ist Solist, aber man muss zusammenarbeiten. Allein bist Du auf der Bühne nichts, denn wenn jeder für sich alleine singt, wird die Aufführung nichts. Du musst es zusammen machen. So bin ich im Internat geprägt worden: Das Kollektiv ist immer mehr wert als der einzelne. Das versuche ich auch auf die Oper zu übertragen. Ich bin ein Team-Player. Ich hasse es, wenn sich Sänger profilieren, sich an die Rampe stellen, und jeder singt sein Gestanzl ohne ein wirkliches Miteinander. Bei vielen Opernproduktionen kommen die Stars erst in der letzten Woche, und machen dann ihr Ding, so wie sie es gewohnt sind. Das gefällt mir nicht.

Das Interview führte Andreas Schmidt für
klassik-begeistert.de

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