„...seid offen, lebt das Leben!“
Großes Interview mit dem Geiger Yury Revich

Großes Interview Yury Revich

Der hochdekorierte Austro-Russe Yury Revich vollbringt Einmaliges auf der Geige. Als einer der Ausnahmeviolinisten seiner Generation wurde er beim ECHO Klassik als Nachwuchskünstler des Jahres 2016 und als Young Artist of the Year bei den International Classical Music Awards ausgezeichnet. Wie es um die Karriere des Stradivari-Spielers steht, welche Herzensprojekte anstehen und wie er über die Klassikszene denkt, verrät er klassik-begeistert.at im Gespräch.

Interview: Antonia Tremmel-Scheinost

klassik-begeistert.de: Herr Revich, Sie haben mit dem Violinspiel im zarten Alter von fünf Jahren begonnen und entstammen einer langen Geigerdynastie. Haben Sie sich durch die familiäre Prägung dazu gedrängt gefühlt zur Geige zu greifen oder können Sie mit Fug und Recht behaupten, dass es Ihr eigener Wunsch war?

Yury Revich: Grundsätzlich bin ich Eltern gegenüber skeptisch, die behaupten, dass ihr zwei Jahre altes Kind von nichts Anderem träumt als Geiger zu werden. Als ich das Violinspiel aufnahm, war ich bereits fünf Jahre alt. Es war mir durchaus bewusst, was ich tue. Meine Eltern gaben mir eine Violine, ich habe Interesse gezeigt, ergo war meine musikalische Entwicklung ein ganz natürlicher Prozess. Ich war zwar nicht von Anfang an Feuer und Flamme, aber ich habe das Geigenspiel auf keinen Fall abgelehnt. „Helikopter-Eltern“, die mich explizit dazu gedrängt haben, waren mir zum Glück völlig fremd.

Gab es einen Knackpunkt, an dem Sie wussten, dass Sie professioneller Geiger werden wollen?

Yury Revich: Mir war erstaunlicherweise von Beginn an klar, dass ich mein Violinspiel zum Beruf machen will.

Was war Ihre erste musikalische Entdeckung?

Yury Revich: Jazzmusik! Mein Vater – auch ein klassischer Musiker – ist ein großer Jazzfan. Ganz besonders sind mir die alten VHS-Aufnahmen von Ella Fitzgerald in Erinnerung geblieben. Klassik war allerdings ebenfalls immer ein ständiger Begleiter. Später habe ich mir selbst CDs mit klassischer Musik besorgt oder meine Eltern darum gebeten.

Schon in Ihrer frühen Jugend stellte sich großer Erfolg ein. Wie haben Sie es geschafft, dass Ihnen dieser Ruhm nicht zu Kopf gestiegen ist?

Yury Revich: Nun, ich denke, dass jegliche Allüren bei unsereins völlig unangebracht sind. Auch wenn es sich um die berühmtesten Musikgrößen am Klassikhimmel handeln sollte, die breite Masse hat mit hoher Wahrscheinlichkeit noch nie etwas von ihnen gehört. Man sollte sich das immer ins Gedächtnis rufen. Die klassische Musikszene ist ein absoluter Mikrokosmos! Man muss immer schön am Boden bleiben – niemand von uns ist ein Hollywoodstar (lacht).

Warum hat es Sie nach Beendigung der Moskauer Zentralen Musikschule im Alter von 17 Jahren ausgerechnet nach Wien verschlagen?

Yury Revich: Ich wollte damals unbedingt ins Ausland und habe mir entsprechend viele Gedanken gemacht. Da ich bis dato noch nie in Wien gewesen war, ich generell nur Gutes über die Stadt hörte und der ausgezeichnete Lehrer Pavel Vernikov – bei dem ich schon eine Meisterklasse in Moskau besucht hatte – dort ansässig war, nahmen die Dinge ihren Lauf. Es war sehr eine gute Wahl!

War der Kulturschock zu Anfang groß?

Yury Revich: Glücklicherweise überhaupt nicht. Obwohl ich kein Wort Deutsch sprach und – ehrlich gesagt – auch fast kein Englisch, war ich alles andere als scheu. Ich versuchte einfach trotz mangelnder Sprachkenntnisse an allen Studentenveranstaltungen und -parties teilzunehmen. In medias res! Glücklicherweise lernte ich somit schnell.

Sie sind auch Österreicher geworden…

Yury Revich: Ja, es ist eine schöne Sache!

Planen Sie daher auch in Zukunft dauerhaft in Wien zu leben?

Yury Revich: (lacht) Nun, eigentlich plane ich, mir einen Zweitwohnsitz in London einzurichten. Nichtsdestotrotz will ich hauptsächlich in Wien leben.

Vermissen Sie Russland?

Yury Revich: Eigentlich geht mir nichts ab, jedes Land hat seine guten und schlechten Seiten. Aber ich reise viel, wir sind ja mittlerweile nahezu alle Weltbürger… Ich war zuletzt vor zweieinhalb Jahren in Russland, erst nächstes Jahr spiele ich im Mariinski-Theater. Meine ganze Familie lebt übrigens nach wie vor in Moskau.

Was ist Ihrer Meinung nach der Hauptunterschied zwischen der modernen musikalischen Erziehung in Russland und der in Europa oder Österreich?

Yury Revich: Es finden sich bei beiden Modellen signifikante Vor- und Nachteile. Der Hauptunterschied ist, dass russische Nachwuchskünstler alle mit der Mentalität eines Solisten aufwachsen. Nahezu 100 Prozent der Schüler sind in dem Glauben, neue Oistrachs oder Richters zu werden. In Österreich ist es genau gegenteilig: Der Nachwuchs lebt mit dem Gedanken, dass es unerlässlich sei, in ein Orchester abzuwandern. Des Weiteren ist die musikalische Früherziehung in Österreich stark auf die kammermusikalische Komponente ausgerichtet, was ich persönlich großartig finde. In Russland findet erst ganz allmählich eine Annäherung an die Kammermusik statt, aber Solistisches bleibt trotzdem im Fokus. Das Problem ist, dass es keine goldene Mitte gibt, sondern nur zwei Extrema. Im Endeffekt sind russische Kinder –ohne generalisieren zu wollen – nicht wirklich vorbereitet für Solokarrieren. Das kann schnell zu einem traumatischen Erlebnis werden, wenn Nachwuchskünstler, frisch von der Schule kommend, keine Konzertaufträge erhalten, manchmal nicht einmal die Aufnahme aufs Konservatorium schaffen und deshalb in ein tiefes Loch fallen. Ihre Eltern haben sie jahrelang mit der festen Überzeugung erzogen, dass sie große, weltberühmte Solisten werden.

Wie sieht es mit Ihrem Pensum in Sachen Üben aus?

Yury Revich: Ich übe, wenn ich üben muss, und das mag ich so. Manchmal fühle ich mich sogar sicher genug, für einen Konzertabend nicht tagelang wie verrückt zu üben. Es hängt jedes Mal von der Aufführung ab, grundsätzlich beläuft sich der Zeitaufwand auf eine bis sieben Stunden.

Sie spielen mittlerweile eine Stradivari, die Princess Aurora 1709. Vermissen Sie Ihre alte Geige?

Yury Revich: Ich selbst besitze zwei moderne Instrumente – eine französische und eine italienische Geige – und finde sie großartig. Ich bin der Überzeugung, dass es sowohl tolle alte als auch großartige moderne Instrumente gibt. Dasselbe gilt natürlich auch für schlechte Instrumente. Meine alte Balestrieri-Violine entstammt genauso wie meine aktuelle Geige der Goh-Stiftung. Es ist eine Frage des Geschmacks. Ich sage immer: eine Geige ist wie ein Zauberstab aus Harry Potter: Das Instrument wählt dich und nicht du das Instrument! Die wunderbare Stradivari spiele ich jetzt seit zwei Jahren. Meinen Zugang zu ihr vergleiche ich gerne mit einer richtigen Beziehung. Die Geige ist mein ebenbürtiger Partner! Ich vermisse nichts an ihr.

Gibt es Tage ohne Ihre Stradivari?

Yury Revich: Nein, ich habe mein Instrument immer bei mir!

Wie würden Sie denn Ihren individuellen Spielstil beschreiben?

Yury Revich: Ich versuche einfach zu spielen, wie ich fühle und denke. Das ist ein sehr spontaner Vorgang – aus meinem Innersten herausbrechend. Ich plane meine Herangehensweise nicht Wochen im Voraus. Ich bin kein Anhänger davon, alles bis ins Kleinste zu sezieren. Eine vorgefasste Meinung und im Endeffekt eine vorgefasste Spielweise zu haben, liegt mir nicht. Selbstverständlich ist es extraordinär, was für Arbeit meine Kollegen leisten – wie hochtechnisch und virtuos sich manch einer an Phrasen herantastet. Schade ist aber, dass sich viele Geiger ein Stück fix anlernen und dann über Jahre hinweg mit nur minimalen Veränderungen herunterspielen. Das hat etwas Klinisches, bar aller Spontaneität. Das ist zwar bestimmt auch ein legitimer Weg aber nicht meiner. Ich verschaffe mir den Zugang, in dem ich das Stück erstmalig lerne und dann genau analysiere, welche Optionen in puncto Phrasierung, Fingersatz, Stricharten und Tempi gegeben sind. Danach passe ich mein Spiel aber immer an die gegebenen Umstände an: variierende Größen der Konzerthallen, unterschiedliche Publikumsstrukturen… Flexibles, sensibles und spontanes Spiel auf der Bühne sind mein Credo. Ich versuche die optimale Balance zwischen Denken und Fühlen zu finden.

Haben Sie noch Lampenfieber?

Yury Revich: Das ist unterschiedlich. Bis zu meinem 22. Lebensjahr war mir dieses Gefühl nahezu fremd, aber mit fortschreitendem Alter schleicht sich manchmal schon ein wenig Nervosität ein. Aber um Anna Netrebko zu zitieren: Man muss entweder mit seiner Aufregung zurechtkommen oder eine andere Profession ergreifen!

Welche Person inspiriert Sie am meisten?

Yury Revich: Mannigfaltige Leute. Auch finde ich Inspiration in meinen diversen beruflichen Projekten oder Hobbies. Aber allen voran inspirieren mich meine Eltern!

Haben Sie die Zeit und Muße privat in Konzerte oder Opern zu gehen?

Yury Revich: Zumindest versuche ich es. Zuallererst besuche ich natürlich meine Konzerte (lacht) und dann versuche ich Abende wahrzunehmen, die interessant für mich sind, aber auf keinen Fall aus einem Zwang heraus!

An welcher Art von Konzerten sind Sie denn besonders interessiert? Ihre ausgeprägte Liebe zu moderner Musik ist ja bekannt…

Yury Revich: Ja, mich reizen ganz eindeutig „exotischere“ Programme. Ich würde zwar schon in altbewährte Aufführungen gehen, in denen Schubert oder Beethoven gespielt wird, aber mehr interessieren mich vor allem Künstler und Stücke, die ich noch nie gehört habe. Das liegt an meiner natürlichen Neugierde.

Wie bedeutsam ist gutes Aussehen bei Künstlern in der Klassikszene heutzutage?

Yury Revich: Leider ist es sehr wichtig geworden. Es ist schon verrückt… Ich kenne einige Kollegen, die unglaubliche Musiker sind, vielleicht nicht den heutigen Schönheitsidealen entsprechen und daher von Industrie und Masse nicht akzeptiert werden – Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. Ich denke ja, dass jeder auf seine eigene Weise schön ist. Und dennoch, Äußerlichkeiten wird viel zu viel Bedeutung beigemessen. Es ist schade, dass sich viele Musiker verbiegen, um den Konventionen zu entsprechen, weil sie fürchten, kommerziell keinen Erfolg zu haben. Frei jeder Wertung lässt sich sagen, dass die Klassikszene Showbusiness-Züge bekommt…

Für wie wichtig halten Sie Musikvermittlung?

Yury Revich: Für unentbehrlich! Es ist essentiell, Musik und die Philosophie dahinter unter die Leute zu bringen. Es ist unglaublich wichtig den Leuten die Angst, das Befremdliche zu nehmen, das der Klassik manchmal anhaftet. Klein und simpel beginnen und dann langsam an komplexere Materie heranführen, ist meine Devise!

Das ist ja auch mitunter ein Anliegen Ihrer eigenen Konzertreihe „Friday Nights with Yury Revich“. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, so etwas ins Leben zu rufen?

Yury Revich: Ich kenne die Musikszene in Wien gut und wollte darauf aufbauen. Zu Beginn veranstalteten wir, Mia Papaefthimou und ich, zwei Konzerte pro Abend, je ein klassisches und ein jazziges. Der Reigen setzte sich somit aus zwölf Konzerten pro Jahr zusammen. Im folgenden Jahr entwickelten wir das Projekt weiter, indem Kunst inkludiert wurde. Und letztes Jahr feilten wir dann das Konzept weiter zu den „Concerts of Arts“ aus: Wir präsentieren vielseitige künstlerische Konzepte, die zwischen Theater, Fashion und Tanz changieren, nur um zu versuchen, diese verschiedenen Formen der Kunst zu vereinen. Wir fördern Nachwuchsartisten und lassen sie mit etablierten Künstlern und Musikern im selben Event auftreten.

Das klingt nach hochinteressanter Fusionsarbeit. Wie finanzieren Sie das Ganze?

Yury Revich: Die Finanzierung ist tatsächlich eine vertrackte Sache (lacht). Was mir ein wenig sauer aufstößt, ist, dass so viele Regierungen, Unternehmen und Stiftungen Millionen in einige wenige sehr bekannte Projekte pumpen. Natürlich macht das Sinn, da sich deren Reichweite drastisch erhöht, aber junge Konzertreihen, Festivals oder Start-Ups bleiben somit auf der Strecke, weil ihnen die Fördermittel fehlen. „Friday Nights“ finanziert sich aus privater Hand, durch Mäzene, die sich an unserer Arbeit erfreuen. Allerdings suchen wir ständig nach zusätzlichen Sponsoren.

Wie läuft das Projekt denn?

Yury Revich: Sehr gut! Natürlich braucht es eine gewisse Zeit, sich zu etablieren, da vor allem in Wien eine einmalige Dichte an Klassik-Institutionen vorhanden ist. Aber wir haben tolle Partner und großartige Veranstaltungsorte. Nächstes Jahr wird beispielsweise ein Abend unter dem Motto „Musik und Geld“ in der Hofburg stattfinden, der sich mit der Wichtigkeit von Auftragswerken beschäftigt.

Ein anderes sehr wichtiges Projekt ist die „Beethoven Society“…

Yury Revich: Wir sind gerade dabei, diese Gesellschaft wieder aufleben zu lassen, um das Andenken Ludwig van Beethovens auch in Wien zu pflegen. Es wird jährlich eine Beethoven-Woche stattfinden, zusätzlich zu vielen Konzerten, Seminaren und Vorlesungen. Gipfeln wird das Ganze 2020 in der Verleihung des neu gestifteten Beethoven-Preises, verliehen für herausragende Leistungen auf dem Feld der Beethoven-Forschung oder -Interpretation.

Welche Entwicklungen in Sachen Album-Publikationen können wir in naher Zukunft von Ihnen erwarten?

Yury Revich: Im Winter plane ich ein Paganini-Album zu veröffentlichen. Dieses Projekt ist einzigartig, da die 24 Caprices für Violine erstmalig auch für die Violine und zusätzlich ein vollwertiges Symphonieorchester arrangiert wurden. Diese Veröffentlichung liegt mir dementsprechend sehr am Herzen.

Wie gehen Sie mit Kritik um?

Yury Revich: Unfundierte Kritik tangiert mich überhaupt nicht. Konstruktive Kritik hingegen schätze ich sehr! Wenn Leute meine Arbeit schlichtweg nicht mögen, dann haben sie das Recht dazu. Das macht mir nichts aus. Viele Dinge sind ja auch nicht nach meinem Geschmack.

Gibt es einen Künstler, mit dem Sie in Zukunft gerne zusammenarbeiten wollen?

Yury Revich: Es gibt viele! Aber vor allem bei meinen „Friday Nights“ ist das einen Frage des Budgets (lacht).

Was ist denn das Beste an Ihrem Beruf?  

Yury Revich: Auf keinen Fall das übermäßige Reisen. Obwohl ich es grundsätzlich liebe, in der Weltgeschichte herumzureisen, zehrt es sehr an der Substanz! Großartig ist, dass ich mich voll verwirklichen kann und beruflich das auslebe, was ich wirklich aus tiefstem Herzen liebe. Das ist wahrlich ein Privileg.

Welchen Rat möchten Sie anderen jungen Musikern mit auf den Weg geben?

Yury Revich: Es klingt zwar banal, aber es ist unglaublich wichtig, an sich zu glauben und nicht aufzugeben. Übt viel, aber nicht nur auf der Geige, sondern bildet Euch anderweitig! Geht in Ausstellungen, knüpft Kontakte, seid offen, lebt das Leben!

Für Interessierte:
www.fnights.com
Www.yuryrevich.com
Www.facebook.com/Yury.revich

Das Interview führte Antonia Tremmel-Scheinost für klassik-begeistert.at und klassik-begeistert.de

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