Wer an diesem Abend in der Berliner Philharmonie war, wird Maestro James Levine sein ganzes Leben dankbar sein

Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 3, James Levine, Staatskapelle Berlin,  Berliner Philharmonie

Gustav Mahler Sinfonie Nr. 3 D-Moll
Staatskapelle Berlin
Staatsopernchor, Kinderchor der Staatsoper

Dirigent James Levine
Mezzosopran Violeta Urmana
Philharmonie, Berlin, 
31. Oktober 2017

von Yehya Alazem

Manchmal, wenn ich die Musik von Mahler höre, frage ich mich, ob sie überhaupt ein Ende nimmt? Die Unendlichkeit, die Ewigkeit und die Innerlichkeit, die man in seiner Musik spüren kann, machen jeden Mahler-Abend zu einem extrem besonderen Erlebnis, das in jeder Pore des Körpers haften bleibt. Aber wenn schon ein normaler Mahler-Abend so besonders ist, was soll man dann über diesen Abend in der Berliner Philharmonie sagen, der am Reformationstag zu erleben war?

Aus New York ist er nach Berlin geflogen. Mit 40 Jahren als Generalmusikdirektor an einem der größten Opernhäuser der Welt, The Metropolitan Opera, und einer Reihe von Erfolgen in anderen Opern- und Konzerthäusern, als Dirigent außergewöhnlicher Aufnahmen, nicht zuletzt von Gustav-Mahler-Sinfonien (RCA), saß James Levine am Dienstagabend in seinem Rollstuhl vor der Staatskapelle Berlin, um die 3. Sinfonie zu dirigieren.

Mit seiner Routine braucht der 74 Jahre alte Maestro die Sache nicht kompliziert zu machen. Seine Interpretation ist direkt, sie bietet keine mystischen, unnötigen Einleitungen. Levine will Fragen beantworten und deren Geheimnis lüften. Diese Interpretation ist total nach außen gerichtet, gen Unendlichkeit, gen Ewigkeit.

Es fängt in einem ganz tiefen Grab an, in dunkelster Dunkelheit. Die Blechbläser tönen laut und scharf, ihr Spiel wird mit Glut von den Celli und Kontrabässen beantwortet. Das Ganze klingt geschliffen und großartig. Darin liegt aber auch eine Bosheit, die dem Zuhörer fast abscheulich erscheint.

Dann kommt ein hoffnungsvolles Licht. Die Streicher spielen tanzend und herrlich, die Oboe klingt wunderschön. Die Posaunisten blasen mit Überlegenheit, ohne das Gleichgewicht im Orchester zu stören. Der Klangkörper hält eine wunderbare Transparenz in jeder Phrasierung.

Die marschhaften Passagen werden mit viel Energie gespielt, meist mit einem melancholischen, schicksalsvollen Gefühl, manchmal sogar aggressiv. Das Tremolo der Streicher ist voller Agitation. Die Posaunen klingen immer fantastischer – traumhaft schön –, und die Pauker spielen mit hoher Subtilität. Wunderbar!

Gegen Ende des ersten Satzes hat sich die Stimmung entwickelt. Jetzt ist der Klang heller und hoffnungsvoller. Das Orchester spielt engagiert und leidenschaftlich. Nach dem bombastischen Abschluss kommt enormer Beifall vom Publikum.

Im zweiten Satz hat sich der düstere Nebel gelegt. Jetzt hören wir einen herrlichen Orchesterklang mit froher Glut und Schwingungen. Die Streicher erklingen als wären sie ein einziges Instrument. Die Hörner legen ein wunderbares Klangbeet, und die Harfen schmücken den Klang mit Rosen aus. Wie alle Klänge und Farben zusammenschmelzen, ist unfassbar bezaubernd.

Mit dem dritten Satz wird man zurück ins Düstere geworfen. Jetzt brillieren die Streicher, am Anfang spielen sie roh, mit Präzision und Transparenz, dann sind traumhafte Pianissimi zu hören – ein sublimes Spiel voller Sensualität. Dieser Satz ist eine emotionale Achterbahn, zwischen Hoffnung und Zweifel. Wie im ersten Satz erfahren wir einen gigantischen Abschluss.

Der vierte Satz ist geheimnisvoll. Die litauische Mezzosopranistin Violeta Urmana, Jahrgang 1961, die auch eine Reihe von Sopranrollen gesungen hat, hat einen geeigneten Klang für Mahler. Ihre Stimme ist dunkel, rund und expansiv, ohne großes Vibrato. Jeder Ton füllt den Saal. Sie hat einen unbändigen Stolz in ihrer Stimme, der gerade durch den ganzen Satz trägt. Ihre Textbehandlung ist deutlich, sie hat eine superbe Ausdruckskraft.

Nach dem dunklen Ende dieses Satzes kommt das Licht wieder im fünften Satz. Der Chor erklingt kompakt und lebendig und die Harmonik ist glasklar. Das Pianissimo im Finale ist strahlend!

Dieser letzte Satz, das Adagio, mit dem Mahler dieses großartige Werk vollendete, ist an diesem Abend der Höhepunkt. Wie kann man so viele starke Emotionen aus dem Orchester herauskitzeln? Die Musiker unter James Levine spielen, als ob sie diese Sinfonie ein letztes Mal spielen würden. Ein schicksalsvolles, leidenschaftliches Orchesterspiel. Der Orchestersound ist transparent, glockenklar und kompakt wie ein einziges Instrument. Das Tempo ist perfekt. Der Aufbau der Dramatik ist fantastisch. Er fängt wehmütig und spannungsvoll an und endet in großartigem, innerlichem, tiefen Überfluss an Emotionen.

Wer an diesem Abend in der Berliner Philharmonie war, wird Maestro James Levine sein ganzes Leben dankbar sein. Ein Abend wie dieser ist der Traum für jeden Mahler-Liebhaber. Dies war eine Leistung, die unter die Haut ging. Bravissimo!

Yehya Alazem, 3. November 2017, für
klassik-begeistert.de

 

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