Musik Als Digestif

Professor Dr. Stefan Hild, „Die Entdeckung der Gravitationswellen“
Ludwig van Beethoven, Klaviertrio Es-Dur op. 1/1
Roger Smalley, Trio for violin, cello and piano
Felix Mendelssohn Bartholdy, Klaviertrio c-Moll op. 66
Trio Dali
Jack Liebeck Violine
Christian-Pierre La Marca Violoncello
Amandine Savary Klavier
Laeiszhalle Hamburg, Kleiner Saal, 24. Februar 2017

Das Humboldt Science- & Music Festival bringt naturwissenschaftlichen Vortrag und Musik zusammen. Die Balance zwischen beiden stimmt an diesem Abend nicht.

von Julian Bäder

Musik und Naturwissenschaft – lange hielt sich das Bild, dass diese Disziplinen nun so gar nichts miteinander zu tun haben. Geprägt unter anderem von Menschen wie Alexander von Humboldt, der aus seiner Abneigung für Musik kein Geheimnis machte.

Dass die nach Humboldt benannte Stiftung diesen Abend finanziell unterstützte, zeigt, dass wir heutzutage glücklicherweise schon mehrere Schritte weiter sind. Man ist sich durchaus bewusst, dass Musik als akustisches Ereignis immer auch naturwissenschaftlichen Gesetzen folgt. Und dass die Musik jahrelang auch naturwissenschaftliche Entdeckungen geprägt hat. Galileo Galilei zum Beispiel hat seine zeitlichen Messungen zum freien Fall durch das Lautenspiel eines Musikerfreundes gemacht und selbst Albert Einstein griff in kniffligen Situationen gerne zu seiner Geige.

Albert Einstein ist deshalb auch der Ausgangspunkt des Abends. Seit 2005 veranstalten der britische Physiker Brian Foster und der britische Geiger Jack Liebeck nämlich eine Konzertreihe mit dem Namen „Einsteins Universe“. Ein Abend, der sich mit dem Zusammenhang von Einsteins Forschung und seiner Leidenschaft für das Musizieren auseinandersetzt. Mittlerweile ist Foster Professor an der Universität Hamburg und er hat seine Passion für die Musik auch mit nach Deutschland gebracht. Seit 2012 veranstaltet Foster das Science & Music Festival, das dieses Jahr schon zum fünften Mal stattfindet.

Der Aufbau eines Konzertabends hat sich seitdem kaum verändert. Als eine Art Einführung hält ein Wissenschaftler einen Vortrag zu einem aktuellen Thema, danach folgt ein Kammermusik-Konzert. Die künstlerische Leitung hat seit Anfang an der schon erwähnte Geiger Jack Liebeck.

Der kleine Saal der Laeiszhalle war schon um 18:30 recht voll. Der Vortrag war also keineswegs eine minderwertige Einführung, sondern vom Stellenwert für das Publikum mindestens gleichberechtigt. Professor Dr. Stefan Hild, Professor für experimentelle Physik an der Universität Glasgow hielt einen Vortrag zur Entdeckung der Gravitationswellen. Als Teil des Teams, das letztes Jahr den Nachweis der Gravitationswellen veröffentlicht hat, konnte er auch aus erster Hand berichten. Seine Präsentation war schlüssig und verständlich. Als Laie war man aber nach einer Stunde Vortrag erstmal bedient. Die halbe Stunde Pause reichte zur Erholung und Vorbereitung auf den künstlerischen Teil des Abends eher weniger.

Um 20 Uhr betrat das Trio Dali, bestehend aus dem Geiger Jack Liebeck, dem Franzosen Christian-Pierre La Marca am Cello und Amandine Savary, ebenfalls Französin, am Klavier, die Bühne. Mit Beethovens op.1 Nr.1, dem Klaviertrio in Es-Dur, begannen die drei ihr Konzert. Man durfte hoffen, dass der energische erste Satz die Gedanken über schwarze Löcher und das Universum aus den Köpfen des Publikums fegen würde. Dass gelang dem Trio leider nicht. Ein bisschen flach und blass wirkte der Vortrag, als ob die drei jungen Musiker selber mit den Gedanken noch ein bisschen woanders waren.

Das Publikum war es auf jeden Fall. Wie aus den Gedanken gerissen, fing es an, nach dem Schluss des ersten Satzes wild zu klatschen. Deutlich verstört dadurch versuchte sich das Trio noch weiter durch Beethovens Stück zu wühlen. Bis auf einige Ausnahmen, in den lyrischen Passagen des zweiten Satzes, wirken die Musiker immer noch nicht voll dabei.

Für eine kurze Verschnaufpause sorgte dann Geiger Jack Liebeck, der das zweite Stück kurz anmoderierte: Das Piano-Trio des englisch-australischen Komponisten Roger Smalley, ein Fundstück des Ensembles, das sie während einer Australienreise entdeckt haben. Zwischen 1990 und 1991 komponierte Smalley dieses kurze Stück als Pflichtauftritt für alle Trios, die am Melbourner Internationalen Kammermusikwettbewerb teilnahmen. Basierend auf einer kurzen Sequenz einer Chopin-Mazurka, werden hier verschiedene Formen und Stimmungen durchexerziert – von einer ruhigen Prelude, einem raschen Scherzo, einer simplen Passacaglia bis zu den abschließenden dreizehn Variationen, die den kompositorischen Höhepunkt das Stücks darstellen. Dabei wagt sich der Komponist auch selten über Chopins Harmonik hinaus.

Ein Glück für das Publikum. Die Komposition sollte für das erfahrene Trio also keine Herausforderung darstellen und tat es auch nicht. Selbst die filigran schwierigen Passagen der Variationen gelangen hervorragend – ein Lob, dass die drei Musiker, auch schon von der Witwe des 2015 verstorbenen Smalley auf einer Australien-Reise empfangen durften. „Wahrscheinlich lag es daran, dass sie das Wettbewerbs-Stück davor fast ausschließlich von Studenten hören durfte“, musste Geiger Liebeck aber selber zugeben.

Nach der Pause stand dann noch Mendelssohns letztes Kammerwerk auf dem Programm. Das 1845, zwei Jahre vor seinem Tod vollendete Klaviertrio Nr.2 in c-moll, op.66. Ein Paradestück des Ensembles, das sie 2015 auf ihrer bisher einzigen Aufnahme in der aktuellen Besetzung auf CD eingespielt haben. Hier wird deutlich, dass der Beethoven tatsächlich nur ein kleiner Ausrutscher war. Besonders die Pianistin Amandine Savary blühte auf, obwohl oder gerade weil das Stück, wie Mendelssohn es sagte, für die Pianistin “ein bißchen eklig” zu spielen sei. Besonders der Höhepunkt des Stückes, wenn im vierten Satz plötzlich ansatzlos der feierliche Choral “Vor Deinen Thron tret ich hiermit” erscheint, gelang dem Trio hervorragend. Die erwartete Reaktion des Publikums blieb aber aus. Mit einem kurzen Applaus verabschiedeten die Zuhörer das Ensemble.

„Musik und Naturwissenschaft“ ist eine durchaus interessante Verbindung, die auch als Konzertabend Potenzial hat. Wenn die Balance zwischen dem wissenschaftlichen und dem musikalischen Vortrag stimmt, wenn man ungezwungene Bezüge zwischen beiden Disziplinen herstellt, über die man als Zuschauer reflektieren kann, dann kann das durchaus funktionieren. Das war an diesem Abend in der Laeiszhalle leider nicht der Fall.

Julian Bäder, 25. Februar 2017,
für klassik-begeistert.de

Ein Gedanke zu „Humboldt Science- & Music Festival,
Laeiszhalle Hamburg, Kleiner Saal“

  1. Meine Eindrücke decken sich so überhaupt nicht mit Ihrer Meinung. Das Klaviertrio von Beethoven war durchaus gelungen. Wie Sie sicherlich mitbekommen haben, findet derzeit in Hamburg eine Diskussion über den Applaus nach den Sätzen statt. Man kann davon halten, was man möchte, ich persönlich finde es nicht so angenehm, aber es ist ein Ausdruck von Gefallen und Begeisterung. Das Publikum war begeistert! Also eine ganz andere Wahrnehmung als die Ihre. Durch „das Stück gewühlt“ hat sich das Trio Dali wirklich gar nicht!
    Nun, der Applaus der ca. 500 Zuhörer nach dem Mendelssohn-Stück kann so kurz nicht gewesen sein, denn das Trio war mehrere Male auf der Bühne und hat dann noch eine Zugabe gegeben. Für mich war es eine weitere ausgewogene Veranstaltung in dieser Naturwissenschaft & Musik-Reihe.
    T. Knur

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