„Die Musik hat mich zu Tränen gerührt“

Iphigénie en Tauride, Christoph Willibald Gluck
Hamburgische Staatsoper, 9. Oktober 2016

Christoph Willibald Glucks herausragende Stellung als Reformator der Oper ist unbestritten. Dennoch fristeten seine Werke auf den Spielplänen lange Zeit ein Schattendasein. Nicht selten schmähte man seine Musik als blutarm. Doch auch die Wiederaufnahme von „Iphigénie en Tauride“ in der Hamburgischen Staatsoper, die zwölfte Vorstellung seit der Premiere am 24. Mai 2009, zeigte eindrucksvoll, welch aufwühlendes und anrührendes Musiktheater die Gluck’schen Opern bieten.

Schon Wolfgang Amadeus Mozart, Hector Berlioz und Richard Wagner schätzten die dramatische Kraft seiner Werke. Und Friedrich Schiller schrieb an Johann Wolfgang Goethe: „Hier erwartet Sie die Iphigenia. Die Musik ist so himmlisch, dass sie mich selbst zu Tränen gerührt hat.“ Gemeint war nicht Goethes Drama „Iphigenie auf Tauris“ sondern Glucks gleichnamige Oper. Von einem „unendlichen Genuss“ berichtete Schiller, „noch nie hat eine Musik mich so bewegt wie diese.“

Herausragend an diesem Abend in dem zu zwei Dritteln besetzten Haus an der Dammtorstraße war vor allem die Leistung des italienischen Barockspezialisten Riccardo Minasi, der als Dirigent und Violinist vor allem mit Werken von der Renaissance bis zur Spätklassik unterwegs ist. Er holte mit seinem energetischen, genauen Dirigat wirklich alles aus dem wunderbar leicht aufspielenden Ensemble Resonanz heraus. Es ist eine Freude, einen Dirigenten und ein Orchester zu erleben, das mit so viel Engagement und Freude bei der Sache ist. „Mitreißender als Minasi kann man Gluck wahrscheinlich kaum wachrütteln“, schreibt das Hamburger Abendblatt und findet die Aufführung „Zum Heulen schön“.

Eine großartige Darbietung bot auch die italienische Sopranistin Anna Caterina Antonacci als Iphigénie. Sie hat die Partie zuletzt 2015 im Grand-Théatre de Genève gesungen und war bei der Wiederaufnahme des Stückes in Hamburg vom ersten Takt an hoch präsent. Sie überzeugte mit einem hochdramatischen Sopran, der in allen Registern sehr angenehm zu hören und von einer großen inneren Kraft getragen war. Die 55-Jährige verlieh der Protagonistin mit ihrer sehr tragfähigen, glutvoll strahlenden Stimme eine fesselnde Gestalt. Es war umwerfend mit anzusehen, mit welcher Hingabe und Mimik sie im vierten Akt die verzweifelte Iphigénie spielte.

Das Ensemblemitglied Viktor Rud als Iphigénies Bruder Oreste hat bereits einen sehr schön resonierenden Bariton, der sich im Laufe des Abends steigerte, aber noch etwas Potenzial in der Höhe hat. Der Tenor Rainer Trost übernahm die Rolle des Pylade. Er war in früheren Jahren oft mit Mozart-Partien an der Staatsoper zu Gast und kehrte unlängst für die musikalischen Parts in den Balletten „Messias“ und „Winterreise“ an die Dammtorstraße zurück. Zu Anfang erschien es fast ein wenig fraglich, ob seine Stimme zwei Stunden durchhalten würde, aber er sang die Partie sehr schön, rein, klar und fast immer auch in der Höhe ohne Mühe.

Eine sehr schöne Leistung bot der Chor der Hamburgischen Staatsoper. Allein die Sopranistinnen könnten stimmlich noch etwas homogener auftreten, wenn alle Sängerinneren mit gleicher Intensität agieren würden.

Die klassik-begeisterte Hamburgerin Frauke Stroh, die das Werk bereits bei der Premiere gesehen hatte, zog ein sehr positives Resümee: „Das Orchester und der Chor waren exzellent, die Sänger umwerfend. Das Stück hat nichts an seiner Aktualität verloren – mir kamen mehrfach die Bilder der Flüchtlinge aus dem Fernsehen hoch. Die Inszenierung verzichtet auf alle Mätzchen und nimmt einen mit archaischen Bildern emotional mit. Die Musik und die Darsteller offenbaren die ganze Traurigkeit des Stücks.“

„Iphigénie en Tauride“ erlebte am 18. Mai 1779, nur wenige Wochen nach Goethes Werk, in der damaligen Opernhauptstadt Paris einen triumphalen Erfolg. Die Uraufführung wurde von der französischen Königin Marie Antoinette höchstselbst protegiert – die musikbegeisterte Habsburgerin hatte in ihrer Wiener Jugend Gesangsunterricht bei Gluck genommen und hatte ihrem Lehrer bereits fünf Jahre vor der „Taurischen Iphigénie“ den Karriereteppich für dessen „Iphigénie en Aulide“ ausgerollt.

Glucks Titelheldin ist eine Frau von rebellischer Seelenkraft, Leidenschaft und Leidensbereitschaft. Es ist die Geschichte der vom eigenen Vater Agamemnon geopferten, von Diana als Priesterin ins thrakische Tauris entführten Iphigénie. Als vermeintlich letzte Überlebende ihrer Familie fristet sie ihr Dasein isoliert im Exil. Der tyrannische König Thoas zwingt seine Gefangene, alle Schiffbrüchigen den Göttern zu opfern. Als Oreste und sein Freund Pylade auf der Insel stranden, will Iphigénie wenigstens einen von ihnen retten. Sie weiß nicht, dass Oreste ihr tot geglaubter Bruder ist. Doch Oreste erkennt seine Schwester, und Pylade und seine Männer retten die beiden vor König Thoas.

Der Brite Jan Morrell hat eine eindrucksvolle Bühne entworfen mit einer riesigen rostigen Stahlwand eines Schiffsrumpfs. Sie dient als düstere Projektion der von den Barbaren beherrschten Schreckens-Insel Tauris. Der französische Regisseur Philippe Calvario – ein Schüler des legendären Patrice Chéreau – versetzt die Geschichte in ein Untergangsszenario: „Die explosive Wucht dieser Gefühle finde ich überwältigend, gerade weil sie holzschnittartig sind“, sagt Calvario. „Verschiedene Facetten der Liebe stehen unverbunden neben Rachegelüsten und Todesfurcht. Die Figuren wechseln von einem Gefühlsextrem ins andere und sind doch immer Gefangene ihrer Ängste.“

Andreas Schmidt, 10. Oktober 2016
klassik-begeistert.de

 

 

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