Im Strudel der Musik – Iveta Apkalna bringt die Elphi-Orgel zum Klingen

Iveta Apkalna, Orgelkonzert,  Elbphilharmonie Hamburg

Iveta Apkalna, Orgelkonzert,
Elbphilharmonie Hamburg, 27. Januar 2017;
Aivars Kalējs
, Toccata über den Choral »Allein Gott in der Höh‘ sei Ehr«;
Johann Sebastian Bach, Toccata, Adagio und Fuge C-Dur BWV 564;
Sofia Gubaidulina, Hell und Dunkel;
Joseph Jongen, Sonata eroïca op. 94;
Philip Glass, Finale des III. Aktes aus »Satyagraha«;
Thierry Escaich, Evocation II

Von Leon Battran

Ganze Blöcke, die leer bleiben? Und das in Deutschlands Konzerthaus der Superlative, der Elbphilharmonie im Hamburger Hafen? Plötzliches Desinteresse war am Freitagabend nicht der Grund für leere Reihen – ganz im Gegenteil: Am Schalter hatten sich vor Konzertbeginn noch dutzende musikhungrige Konzertgänger, gedrängt in der Hoffnung, vielleicht doch noch eine der begehrten Restkarten zu ergattern. Denn an diesem ausverkauften Abend präsentierte Iveta Apkalna, die Titularorganistin der Elbphilharmonie, feierlich das Herzstück des Großen Saals: die Orgel.

Sie war auch der Grund dafür, dass Plätze frei blieben. Von außen ist nur die Spitze des Eisbergs zu sehen: Das mechanische Wunderwerk aus knapp 5000 Pfeifen ist in die Saalwand eingelassen und erstreckt sich unsichtbar über deren ganze Höhe. Einige Sitzreihen befinden sich in unmittelbarer Nähe zu den Orgelpfeifen – so war es auch einsichtig, dass der ein oder andere Rang gesperrt blieb, um die klangliche Wucht der Orgel erst einmal vorsichtig in der Konzertsituation zu testen.

Schon vor Eröffnung der Elbphilharmonie durfte der Countertenor Philippe Jaroussky im Großen Saal der Elbphilharmonie Probe singen und verglich ihn damals mit einer Kirche. Zu diesem Eindruck trägt auch die gigantische, fest installierte Orgel bei. Ausgetüftelt hat sie der Bonner Orgelbauer Philipp Klais. Schon vor Konzertbeginn tummelten sich die Besucher um den Spieltisch und die großen Pfeifen und posierten für Fotos – jeder will ein Selfie in der Elphi!

Im schimmernd blauen Jumpsuit, die Haare elegant zusammengebunden, tritt die Titularorganistin begleitet von erwartungsfreudigem Applaus an den mobilen zweiten Spieltisch, der mitten auf der Bühne aufgestellt ist. Ganz leise erfüllen die ersten Orgeltöne den Raum: helle, trippelnde Figurationen. Hinzu tritt ein Bass als sanfte Grundierung. Es braucht gar keine große Lautstärke für einen abgerundeten, schönen Klang; diesen Eindruck gewinnt man schon binnen der ersten Sekunden der Toccata des zeitgenössischen Komponisten und Organisten Aivars Kalējs, der wie Iveta Apkalna aus Lettland stammt.

Bald erklingt auch das Hauptwerk der Orgel, die Musik scheint sich zu öffnen und erstrahlt in vielen verschiedenen Klangfarben. Die Zuhörer werden hineingerissen in diesen Strudel aus Musik, aus dem immer die Choralmelodie hervorstrahlt, wie gleißendes Licht. Das Publikum ist schon jetzt aus dem Häuschen – was für ein Sound, was für ein Auftakt!

Bei einer Orgeleinweihung darf natürlich einer nicht fehlen: Johann Sebastian Bach. Die Toccata, Adagio und Fuge C-Dur hat einiges Fortschrittliche an sich und fügt sich bestens als barockes Schmankerl in das sorgsam und gut ausgewählte Programm ein, das ansonsten ausschließlich Kompositionen ab dem 20. Jahrhundert zusammenbringt.

Was vielleicht als Pflichtlektüre anmuten mag, wird bei Iveta Apkalna zu einem berauschenden Fest für Augen und Ohren. Hier wird erlebbar, was bei einem Orgelkonzert in der Kirche meistens verborgen bleibt: Nach einer kurzen Einleitung gibt die 40-Jährige ein Pedalsolo zum Besten, agiert also ausschließlich mit den Füßen. Man sieht eine Tänzerin vor sich, deren Füße über die Pedale dahinfliegen, aneinander vorbei, auseinander und wieder zusammen, ohne sich zu verknoten – toll! Und das Ganze mit Keilabsatz! Auch die Hände gesellen sich dazu, gleiten flink und mühelos über die Manuale. Das Publikum ist so ergriffen, dass schon nach diesem ersten Satz ein begeisterter Zwischenapplaus aufbrandet.

Auch das Adagio lässt aufhorchen, weil Bach hier den gewohnten und bekannten Harmonien den Rücken zukehrt und spannungsgeladene Dissonanzen einsetzt. Iveta Apkalna präsentiert hier ein neues, in Andacht und Innerlichkeit versunkenes Gesicht ihrer Orgel im klanglichen Gewand eines rauchig-hauchigen Flötenregisters.

Den klanglichen Reichtum der Orgel und ihre große Vielfalt macht auch die Aufführung von Joseph Jongens Sonata eroïca erlebbar: eine durchweg mitreißende Interpretation: Da erklingt eine sehnsuchtsvolle Melodie gehüllt in das warme klangliche Gewand eines einsamen Akkordeons. Innerlichkeit und Intimität stehen monumentaler Klangpracht gegenüber. Auch flinke Füße sind gefragt: die bewegen sich parallel in einer perfekt synchronen Choreographie über die Pedalerie, dass Michael Jackson Augen gemacht hätte.

Das alles wirkt so organisch, dass man die besondere Verbindung der Titularorganistin zu dem ihr anvertrauten Instrument erahnt. Iveta Apkalna kombiniert technische Raffinesse mit tiefem Gefühl und großem Ausdruck, strahlt dabei Natürlichkeit und Eleganz aus. Wie ein Fisch im Wasser schwimmt sie mit der Musik, lässt sie fließen und lässt sich von ihr treiben.

Für die meisten Überraschungen sorgt das Stück Hell und Dunkel der russischen Komponistin Sofia Gubaidulina, die in Appen bei Hamburg (Kreis Pinneberg, Schleswig-Holstein) lebt. Die Komposition besticht durch lebhafte Kontraste und malt Bilder mit Klängen: Im Bassregister erzeugt Iveta Apkalna fernes Donnergrollen. Dazu gibt es sehr flinke atonale Einwürfe in hoher Lage, die sich ein bisschen wie das Bip bibi bip der Kommandozentrale eines Raumschiffs anhören.

Auf Iveta Apkalnas Notenblatt lassen sich lange schwarze Notenbalken erkennen, die sie mit großer Genauigkeit umsetzt; jeder noch so kleine Tupfer hat seinen Platz. Sie webt flirrende Klangteppiche – Tonballungen, die ihre Struktur verändern und wie in gleichmäßigem Herzschlag pulsieren. Auch schlichte Harmonien mischen sich in das Klangbild.

Ein Stück wie eigens dafür gemacht, die klanglichen Möglichkeiten und Besonderheiten dieser Orgel auszuloten, und das gelingt hervorragend, vom tiefsten Rauschen bis zum höchsten Surren. Es ist erstaunlich, welche eigenartigen Geräusche die Organistin und Klangkünstlerin dort unablässig in der Wand beschwört. Ein Erlebnis! Ein exzellent am Schluss platziertes Niesen aus dem Publikum beendet diese Vorstellung mit Nachdruck. Was für ein Timing! Respekt!

Natürlich wird Iveta Apkalna nach diesem grandiosen Konzert nicht vom Publikum entlassen, ohne vorher noch zwei Zugaben zu geben. Die Zuhörer sind aus dem Häuschen. Standing Ovations. Iveta Apkalna klopft ihrem Orgelpult kameradschaftlich auf den Rücken, als wolle sie sagen: gut gemacht! Recht hat sie!

Leon Battran, 28. Januar 2017, für
klassik-begeistert.de

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.