Auch ohne D-Pedal: Die Organistin Iveta Apkalna begeistert beim Rheingau Musik Festival

Iveta Apkalna, Rheingau Musik Festival  „Rheingauer Dom“ Geisenheim

Foto © RMF/ Ansgar Klostermann

Iveta Apkalna, Orgel
Rheingau Musik Festival, „Rheingauer Dom“ Geisenheim, 30.Juli 2017

Johann-Gottfried Müthel, Fantasie F-Dur
Philip Glass, Music In Similar Motion
Pēteris Vasks, Te Deum per organo
Felix Mendelssohn Bartholdy, Orgelsonate Nr. 4 B-Dur op. 65 aus: Sechs Orgelsonaten op. 65
Philip Glass, Conclusion (3. Akt) aus „Satyagraha“ (Arr. Michael Riesmann)
Johann Sebastian Bach, Passacaglia c-Moll BWV 582

von Julian Bäder

Iveta Apkalna ist eine Frau für Geburtstage. Zuerst hat sie im Januar dieses Jahres als Titularorganistin die „Geburt“ der großen Klais-Orgel in der Hamburger Elbphilharmonie musikalisch gefeiert – nun beweist die Lettin, dass sie auch große Jubiläen beherrscht. Das Rheingau Musik Festival gab ein Konzert zur Feier des 150. Geburtstags der Stumm-Orgel im „Rheingauer Dom“ in Geisenheim, und Apkalna war der Ehrengast.

Dabei war es ein glücklicher Zufall, dass das Konzert im beschaulichen Geisenheim am Rhein stattfand und dass die tolle Atmosphäre des Rheingaus, inmitten von malerischen Landschaften, bewachsen von Riesling-Reben, seine Künstler oft schon einige Tage vor ihrem Konzert anlockt. Eigentlich hatte Iveta Apkalna vorgesehen, als zweiten Programmpunkt die Triosonate Nr. 3 d-Moll BWV 527 von Johann Sebastian Bach zu spielen. Nun musste die Organistin feststellen, dass das Geburtstagskind für dieses Stück ein D-Pedal zu wenig hat. Die Lettin musste also improvisieren und ersetzte die Bach-Sonate durch die ungefähr 300 Jahre später entstandene „Music In Similar Motion“ von Philip Glass: ein Pech für Fans von inhaltlich ausgeklügelten Konzertprogrammen – eine Offenbarung für Fans der Minimal Music.

Zu Beginn spielte die Lettin die knackige Fantasie F-Dur des heutzutage unbekannten Bach-Schülers Johann Gottfried Müthel. Eine virtuose Fingerübung – sie sollte die Interpretin und das Instrument erst einmal auf Betriebstemperatur bringen und war für das Konzertprogramm eine perfekte Eröffnung.

Den Bogen von diesem Stück zu Bachs Triosonate hätte man danach leicht gespannt, den zu Glass und der Minimal Music eher schwierig. Wahrscheinlich wussten die wenigsten Konzertbesucher, was sie erwartet, nachdem der Intendant des Rheingau Musik Festivals, Michael Herrmann, das Stück kurz ankündigt hatte. Und so wurden die ersten Minuten des Stückes immer wieder von unsicherem Räuspern und Husten unterbrochen, ehe das Publikum der Wirkung von Glass‘ Musik verfallen war.

Das Stück, das sein Prinzip schon im Namen präzise beschreibt, besteht aus Patterns, die sich wiederholen und dabei einen dauerhaften Prozess durchlaufen. Apkalna spielte das Stück in einem virtuos-schnellen Tempo, nahezu doppelt so schnell wie auf der Referenzaufnahme von Glass, die 1973 bei Chatham Square Productions erschien. Die Organistin nutzte dabei die sanften Flötenregister der Stumm-Orgel – mit unvorstellbar genauer Präzision. Das eindrückliche Stück endete nach circa zwölf Minuten inmitten eines Patterns, so überraschend wie es angefangen hatte, und ließ viele verdutzte Gesichter zurück.

Danach folgte direkt das hochspirituelle „Te deum per organum“ eines Landsmannes von Iveta Apkalna, dem Letten Peteris Vasks. Im Gegensatz zu dem Stück von Glass, das Apkalna frei für die Orgel in Geisenheim arrangieren konnte, hat Vasks sein Stück explizit für die „Königin der Instrumente“ komponiert – die Organistin war gezwungen, die Möglichkeiten der vor ungefähr 30 Jahren restaurierten Stumm-Orgel voll auszureizen. Mit einem prächtigem Forte stimmte Apkalna das Stück an, das über eine Dauer von 13 Minuten das gesamte Farbspektrum der Orgel abfordert und damit auch für den Spieler eine enorme Herausforderung ist. Technisch virtuos ist das Stück dabei selten, wichtig für die Interpretin ist es vor allem, die unterschiedlichen Schattierungen herauszuarbeiten – das gelang der Lettin hervorragend. Besonders die Stimmführung in der zwischenzeitlich aufblitzenden Fuge war glasklar und auch der intensiv-reduzierte Choral zum Schluss gelang eindrucksvoll.

Nach dieser intensiv-spirituellen Komposition folgte eine ganz andere Gattung: die Orgelsonate Nr. 4 von Felix Mendelssohn Bartholdy. Eine von sechs Orgelsonaten, die der ehemalige Gewandhauskapellmeister 1845 parallel in London, Leipzig und Mailand veröffentlichte. Die Sonate folgt einer klassischen viersätzigen Struktur und besticht durch toll ausgearbeitete Themen und kurzweilig abwechslungsreiche Sätze. Auf dem Gebiet der Neuen Musik genießt Apkalna einen außergewöhnlichen Ruf – nach den beiden Stücken von Glass und Vasks wirkte ihre Interpretation von Mendelssohn seltsam brav und traditionell.

Also schnell zurück zu Glass und zu dessen „Satyagraha“, einem Singspiel über Mahatma Gandhi und seinen Weg zur indischen Unabhängigkeit, aus dessen 3. Satz Michael Riessmann einen Abschnitt für Orgel um-arrangiert hat. Es ist ein Stück, das oberflächlich betrachtet, ähnliche Charakteristika wie das erste Stück von Glass aufweist – es verlangt seiner Interpretin aber ganz andere Fähigkeiten ab. Wo bei der „Music In Similar Motion“ noch der immerwährende Puls ausschlaggebend war, ist der Ausschnitt aus „Satyagraha“ in kleinere Phrasen unterteilt. Hier verstand es die Lettin hervorragend, das Stück durch kurze Fermaten zu strukturieren. Auch klanglich schaffte sie es hervorragend die einzelnen Sinnabschnitte voneinander abzugrenzen und trotzdem den großen Bogen beizubehalten.

Zum Abschluss gab es dann Bach und dessen Passacaglia in c-Moll BWV 582. Hier bewies die Lettin, dass Sie auch eine hervorragende Interpretin von älterer Musik ist. In Bachs immer komplizierter werdenden Ausschmückungen einer achttaktigen Bass-Figur sind die späteren Merkmale der Minimal Music fast schon vorauszuahnen…

Fazit: Dies war ein sehr schöner Geburtstag also, an den sich die Geisenheimer Stumm-Orgel bestimmt auch nach den nächsten 150 Jahren erinnern wird.

Julian Bäder, 1. August 2017, für
klassik-begeistert.de

 

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