Zwischen Tradition und Premiere: Hannes Reich dirigiert zum ersten Mal die gewaltige Matthäuspassion Bachs

Johann Sebastian Bach, Matthäuspassion, Konzerthaus Freiburg, 2. März 2018

Titelfoto: © Baschi Bender
Johann Sebastian Bach, Matthäuspassion, Konzerthaus Freiburg, 2. März 2018

Freiburger Bachorchester
Freiburger Domsingknaben
Freiburger Bachchor
Hannes Reich, Leitung
Benedikt Kristjánsson, Tenor (Evangelium und Arien)
Christian Immler, Bass (Christusworte)
Hanna Zumsande, Sopran
Seda Amir-Karayan, Alt
Manfred Bittner, Bass (Arien und Soliloquenten)

eine Nachbetrachtung von Leah Biebert

Ein mächtiges Werk, diese Matthäuspassion. Über 150 Minuten Aufführungsdauer mit einer Besetzung von zwei Chören, zwei Orchestern und Solisten; die ‚große Passion‘ ist nicht nur das kirchenmusikalische Hauptwerk Bachs, sondern stellt auch einen Höhepunkt protestantischer Kirchenmusik dar. Der erstmaligen Aufführung nach dem Tod des Komponisten saßen Größen wie Hegel, Heinrich Heine und Clara Schumann bei. Ein Publikumsandrang ohnegleichen – und auch die Aufführung im Freiburger Konzerthaus war gut besucht. Zu Recht: Das Publikum erlebte einen soliden Konzertabend mit lobenswertem Chor und achtenswerten Instrumentalisten, die das ausladende Werk bravourös meisterten.

Hannes Reich Foto: Jessica-Alice Hath.

Hannes Reich, Leiter des Freiburger Bachchors, ist mit dem Monumentalwerk schon lange vertraut. Bereits als Fünfjähriger stand er dafür auf der Bühne und unterstützte später als Cellist das Orchester oder den Chor als Sänger. Dirigieren tat er die Matthäuspassion jedoch an diesem Abend zum ersten Mal – und das mit einer bemerkenswerten Ruhe. Wenig ausladend, manchmal fast subtil waren seine Bewegungen. Manchmal schien er sich sogar kaum zu regen. Und dennoch hatte er die Musiker im Griff. Seine Leicht’händig’keit kam dem Chor in schnellen und belebten Passagen zu Gute, die Tenorarie des zweiten Teils hielt er wie ein Uhrwerk am Laufen. Man kann Reich guten Gewissens zu dieser Premiere gratulieren. Die Aufführung der Matthäuspassion ist für den Freiburger Bachchor schon seit vielen Jahrzehnten Tradition; Hannes Reich ist nun ein bereichernder Teil dieser Aufführungen.

Freiburger Bachchor © Baschi Bender

Die beiden von Reich dirigierten Ensembles, nebeneinander als Doppelchor- und Orchester aufgestellt, waren verantwortlich für die beeindruckende stereophone Wirkung der Passion. Die Chöre traten dabei vielfach in Dialog; die einzelnen Phrasen arbeiteten die Mitglieder des Bachchores präzise heraus. „Sehet!“ – „Wen?“ – „Den Bräutigam“. Dabei kamen ihre staccatohaften Einwürfe am besten zur Geltung. Der Choral O Haupt voll Blut und Wunden von Paul Gerhardt, der eigentlich eine zentrale Rolle in der Passion spielt, war jedoch nicht ganz so schlagkräftig gestaltet. Trotz des homogenen Klanges fehlte es in den Chorälen an Überzeugungskraft.

Wie der Chor war auch das geteilte Orchester vor allem im punktuierten Wechselspiel miteinander am prägnantesten. Blechblasinstrumente kamen in dem Konzert des an historischer Aufführungspraxis orientierten Orchesters nicht zum Einsatz, wurden sie doch zu Bachs Zeiten in einer Passionsvertonung als nicht angemessen betrachtet.

Neben Chor und Orchester übernahmen fünf erfahrene Sänger die Rollen-Solopartien der Passion. Die fünfzehn Arien bilden die Herzstücke des Werks, auf die die ihnen vorangestellten Accompagnato-Rezitative hinführen. Hanna Zumsande (Sopran) und Seda Amir-Karayan (Alt) sangen insgesamt acht dieser Arien; Amir-Karayan mit einem gesättigten Timbre, Zumsande mit sehr klarer Stimme. Ihr Ausdruck zeigte allerdings nicht ganz so viel Anteilnahme wie der des Alt, weshalb Amir-Karayan überzeugender, aber auch angenehmer anzuhören war.

Die Grundlage der Passion bilden die Secco-Rezitative; der Evangelist, traditionell wie auch in dieser Aufführung ein Tenor, erzählt wortwörtlich den biblischen Text. Der Isländer Benedikt Kristjánsson war als Tenor überragend. Mit Leichtigkeit und klarer Stimme trug er den Evangelientext vor und war auch im Accompagnato-Rezitativ herausragend-spannungsvoll; seine Kopfstimme bildete einen wunderbaren Kontrast zur weichen Begleitung des Chors. Obwohl im originalen Stimmenmaterial von Bach anders zugeordnet, übernahm Kristjánsson als Evangelist auch die beiden Tenorarien – und strahlte in allen seinen Einsätzen eine vertrauenerweckende Ruhe aus.

Manfred Bittner und Christian Immler besetzten in dieser Aufführung die Positionen der Bässe; während letzterer allein für die Christusworte zuständig war, übernahm Bittner allein die übrigen Arien und Soliloquenten. Die Worte Jesu, im Gegensatz zu den Evangelisten-Rezitativen als Arioso vertont, heben sich von dessen Bericht durch einen vierstimmigen Streichersatz ab – sie verkörpern die göttliche Präsenz. Immler widmete sich der Christus-Rolle und ihren Worten in ruhigem Ernst. Abgeklärt durchlief er ohne viel Aufhebens seine Arien, allerdings nicht durchgehend eindrucksvoll. Immler scheint kein Fan von Varianz zu sein und so erschienen seine Einsätze im Laufe des Abends als Routine. Im zweiten Teil der Passion gelang ihm dann eine etwas lebhaftere Verkörperung der standhaften Christus-Figur.

Manfred Bittner dagegen war sehr viel leidenschaftlicher. Mal wirkte er dadurch etwas flatterhaft, mal muteten seine Einsätze fast schon opernhaft an. Da die Matthäuspassion an diesem Abend nicht, wie von Bach ursprünglich beabsichtigt, in den Gottesdienst einbezogen war, war eine solche Interpretation der Rollen vielleicht aber gar nicht so verkehrt. Zwar hatte Bach sich damals vertraglich verpflichtet, die Kirchenmusik so zu gestalten, „dass sie nicht zu lang währen, auch also beschaffen seyn möge, damit sie nicht opernhafftig herauskommen, sondern die Zuhörer vielmehr zur Andacht aufmuntere“; aufgrund ihrer Länge und ihrer vielen erzählenden Abschnitte hat das Werk aber sowieso eine Tendenz zum Epischen. So ist es kein schlechter Ansatz Bittners, in der heutigen Zeit vom rein Konzertanten etwas abzuweichen und durch vermehrtes Spiel die Passion etwas anschaulicher für das moderne Publikum zu gestalten.

Und nach 150 Minuten Matthäuspassion ist es dann wahrscheinlich das Durchhaltevermögen der Musiker, dem gebührend Respekt gezollt werden sollte. Der Freiburger Bachchor sowie das ihn stets begleitende Orchester meisterten dieses ausladende Werk unter der besonnenen Leitung von Hannes Reich jedenfalls bravourös. Ein solider Konzertabend, bei dem der Tenor Benedikt Kristjánsson als Star hervorgehen konnte – und am Ende des Abends ist man wie erschlagen von der musikalischen Gewalt des Werks. „Höchst vergnügt schlummern da die Augen zu.“ Die Musiker mussten sich jedoch am Tag darauf noch einmal den Herausforderungen der Passion stellen: Ein zweites Konzert fand am Sonntag, den 3. März, im Freiburger Münster statt.

Leah Biebert, 10. März 2018
für klassik-begeistert.de

Titelfoto: © Baschi Bender

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