Die Dirigentin Laurence Equilbey erschafft die Welt in zwei Stunden

Joseph Haydn, Die Schöpfung, Laurence Equilbey, Mari Eriksmoen, Martin Mitterrutzner, Daniel Schmutzhard, La Fura dels Baus, Carlus Padrissa, Insular Orchestra, Accentus,  Theater an der Wien

Joseph Haydn, Die Schöpfung. Oratorium in drei Teilen
Laurence Equilbey Musikalische Leitung
Mari Eriksmoen Sopran
Martin Mitterrutzner Tenor
Daniel Schmutzhard Bariton
La Fura dels Baus Szenische Performance
Carlus Padrissa Inszenierung
Insula Orchestra
Accentus Chor
Theater an der Wien, 15. Mai 2017

von Mirjana Plath

„Und Gott sprach: Es werde Licht, und es ward Licht.“ Laurence Equilbey lässt dieses Licht klanggewaltig in strahlendem C-Dur ertönen. Die Dirigentin leitete am Montag die Premiere der szenischen Aufführung von Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ im Theater an der Wien.

Das katalanische Theaterkollektiv La Fura dels Baus hat das Oratorium um eine Bühnenperformance erweitert und gibt dem Werk dadurch eine neue Deutung. Carlus Padrissa inszeniert „Die Schöpfung“ mit einer technisch überladenen Bühnenperformance. Sein besonderer Fokus gilt den Lichtspielen auf der Bühne. Während der instrumentalen Einleitung erscheint ein Stacheldrahtzaun als Projektion auf riesigen Stoffleinwänden auf der Bühne. Die Chorsänger treten als Flüchtlinge aus allen Teilen der Welt auf. Sie führen große Heliumballone über ihren Köpfen mit sich umher. Die schwebenden Bälle dienen ebenfalls als Projektionsfläche für die Lichtgestaltung.

Schon dieser Anfang zeigt deutlich, dass die Handlung über Gottfried van Swietens Oratorienlibretto hinausgeht. Van Swieten schrieb einen beinahe sorgenfreien Text für Haydn – der Sündenfall erscheint nicht mehr in dem Oratorium. Lediglich die letzten Worte des Erzengel Uriels warnen vor dem falschen Wahn nach unbegrenztem Eigentum und Wissen.

Die Inszenierung von Padrissa konfrontiert die glückselige Lobeshymne auf die Erschaffung der Welt mit einem schweren Gegensatz. Als Sinnbild für die Vertreibung aus dem Paradies zeigt er Flüchtlinge, die ihre Heimat verlassen müssen. Sie erleben die Entstehung der Erde als eine Reise aus dem Chaos bis zur erlösenden Ankunft bei Adam und Eva am siebten Tag der Schöpfung.

Außer den Ballonen und wehenden Stoffbahnen prägen auch 36 Tablets einen großen Teil der szenischen Gestaltung. Jedes der Chormitglieder nutzt einen Bildschirm, um die verschiedenen Stationen der Schöpfung zu illustrieren. Bei der Erschaffung der Pflanzen wachsen winzige Keime auf den tragbaren Computern. Auch humoristische Elemente finden in der Inszenierung Platz: In Raphaels Rezitativ „Gleich öffnet sich der Erde Schoß“ erscheinen riesige Kuheuter auf den Leinwänden, wenn der Text grasende Rinder beschreibt. Die Milch aus den Eutern fließt, als weiße Masse animiert, auf die Bildschirme der Flüchtlinge, die ihre Tablets wie ein Glas an den Mund setzen und leertrinken.

Der Regisseur verlangt vollen Körpereinsatz von den Darstellern. Ein Kran hebt die Solisten zeitweise in die Luft, wo sie als Engel über dem Publikum schweben. Mehrmals steigen sie außerdem in ein gläsernes Wasserbecken und spielen ihre Rollen im Wasser weiter. Den bemerkenswerten Höhepunkt dieser Anforderungen liefert der Bariton Daniel Schmutzhard in seiner Rolle als Raphael. Während er singt, taucht er langsam mit dem Kopf unter Wasser und führt selbst dort noch deutlich hörbar seine Gesangsphrase zu Ende. Seine beachtliche Stimmkraft beweist er hier besonders anschaulich. Als Adam im dritten Teil des Oratoriums harmoniert er wunderbar mit Mari Eriksmoen. Die norwegische Sopranistin besticht in den beiden Rollen als Engel Gabriel und Eva durch ihr warmes Timbre. Selbst die hohen Töne umschmeichelt sie sanft und lyrisch, nie klingt sie aufdringlich oder grell.

Martin Mitterrutzner als Erzengel Uriel füllt mit seiner klaren, vollen Tenorstimme den Saal aus. Wendig und mühelos folgt er allen Verzierungen und bewahrt dabei immer seine deutliche Artikulation des Textes. Er brilliert darin, den Inhalt seiner Aussagen sinngemäß darzustellen. Sein Gesang gleicht einer spannenden Erzählung.

Laurence Equilbey hält alle Fäden fest in der Hand. Die Freude an der Musik zeigt sich an ihrem lebendigen Dirigierstil. Aufmerksam weist sie jedem Spieler seine Rolle zu. Mit ihrem Lächeln führt sie die Instrumente freundschaftlich durch die Partitur. Sie scheint eine enge Beziehung zu den Musikern zu haben, das Orchester vertraut ihr blind. Equilbey nuanciert die kontrastreiche Musik sehr fein; dynamische Steigerungen beginnen unmerklich und schwellen zu einem himmlischen Strahlen an. Grandiose Fortissimi und ergreifende Pianissimi strömen auf das Publikum ein. Der Dirigentin gelingt es, in knapp zwei Stunden die Welt musikalisch zu erschaffen.

Das Insula Orchestra zeichnet sich durch die Verwendung historischer Instrumente aus. Vor allem die Oboen und die Streicher tragen zu dem großartigen Klang des Orchesters bei. Das filigrane Stimmengeflecht in Haydns Komposition bringen sie ebenso überzeugend wie die gewaltigen Sturmfluten der Orchestertutti zum Ausdruck.

Die Inszenierung von La Fura dels Baus zeigt keine Scheu vor dem Publikum. Die Sängerinnen und Sänger überschreiten mehrmals die Bühnengrenze und betreten den Zuschauerraum. Wenn der Chor in zwei Reihen die gesamte Länge des Parketts einnimmt, befindet sich das Publikum plötzlich hautnah inmitten eines von allen Seiten ertönenden Klangbildes. Die Erhabenheit der Schöpfungsmusik erfüllt den ganzen Raum und kommt den Hörern erschütternd nah. Die Chorsänger von Accentus überzeugen ab der ersten Minute ihres Auftrittes. Sie verschmelzen zu einer Einheit und modulieren facettenreich ihren Gesang. Jeder Ton sitzt perfekt, jeder Einsatz kommt punktgenau zur richtigen Zeit.

Die abschließende Szene löst ein ungewolltes Überraschungsmoment aus. Adam und Eva führen die zu zwei großen Wolken gebündelten Heliumballone vor die Bühne ins Publikum. Dabei zerplatzten gleich zwei der verletzlichen Membrane mit einem lauten Knall an der Saaldekoration. Die Musiker nehmen es gelassen, sie führen ihr zauberhaftes Spiel unbeeindruckt zu Ende. Dieser „Schöpfung“ kann selbst ein plötzlicher Urknall nichts anhaben.

Mirjana Plath, 16. Mai 2017 für
klassik-begeistert.at

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