Junge Musiker und hinreißender Jazz im altehrwürdigen Musikverein Wien

Junge Deutsche Philharmonie, Ingo Metzmacher,  Musikverein Wien

Musikverein Wien, 12. Januar 2018
Junge Deutsche Philharmonie
Ingo Metzmacher, Dirigent
Xavier Larsson Paez, Saxophon
Alexandre Tharaud, Klavier

von Charles E. Ritterband

Im 1870 eröffneten „goldenen“ Wiener Musikvereinssaal, einem der schönsten und akustisch besten Konzertsäle der Welt, erklingt sonst üblicherweise das, was man „Klassik“ nennt – von Mozart über Beethoven bis Chopin und am Neujahrstag Strauss in allen Varianten. Jazz ist in diesem weltberühmten Konzertsaal doch recht selten zu hören – und wenn, dann kann man sich auf einen ganz außergewöhnlichen Abend freuen.

So auch diesmal, am 12. Januar: Es begeisterten das bekanntermaßen konservative und oft überkritische Wiener Publikum die jugendlichen Musiker der Jungen Deutschen Philharmonie mit einem enthusiastischen Jazz-Konzert, das in solcher Virtuosität und Perfektion wohl in ganz Europa seinesgleichen suchen dürfte.

Dieses Orchester mobilisiert die besten Studierenden deutschsprachiger Musikhochschulen und formt sie nach bestandenem Probespiel zu einem außergewöhnlichen Klangkörper, der höchsten (und somit auch Wiener) Ansprüchen genügt – wovon wir uns an diesem Abend überzeugen konnten. Ingo Metzmacher, während acht Jahren Generalmusikdirektor der renommierten Hamburgischen Staatsoper, vermochte mit seiner Stabführung diese jungen Talente zu Höchstleistungen anzuspornen und gleichzeitig allzu große Überschwänglichkeit im Zaume zu halten – was ihm die offenbar ausnahmslos sehr zugetanen Musiker mit einem herzlichen Schlussapplaus dankten.

Zur Aufführung gelangten im ersten Teil eher unbekanntere Stücke – berühmt war allerdings der Komponist des zu Anfang gespielten „Taxi Driver. A Night Piece“: Bernard Herrmann der in New York lebende Spross einer jüdisch-russischen Familie – ein Wunderkind, das bereits mit 12 Jahren zu komponieren begann und später Filmmusik für zahlreiche große Kinofilme komponierte, sehr oft berühmte Werke von Alfred Hitchcock, wie „Vertigo“ und „Psycho“, aber auch „The Man who Knew too Much“, „The Snows of Kilimandjaro“, „The Naked and the Dead“ oder „The Trouble with Harry“.

Höhepunkt von „Taxi Driver“ – tragischerweise verstarb Herrmann just am Tag nach den Musikaufnahmen – bildet ein wunderschönes Saxophon-Solo, umwerfend gespielt vom jungen Spanier Xavier Larsson Paez. Das von ihm hinreißend und bewegend interpretierte „Summertime“ begleitete das Publikum in den Nieselregen des kalten Wiener Winterabends.

Doch zuvor durfte dieses Publikum noch einige musikalische Leckerbissen genießen: Vor allem das „Concerto für Jazzband und Symphonieorchester“ des Schweizers Rolf Liebermann, eine Auftragsarbeit des Südwestfunks Baden-Baden mit der Zielsetzung, „der Musik wieder Leben einzuhauchen“. Liebermann wählte die Form des italienischen Concerto Grosso, komponierte aber in konsequent-strenger Zwölfton-Technik. Typisch für das Jazzorchester sind „eingebaute“ Improvisationsmöglichkeiten, dabei dient die Notengrundlage lediglich als rhythmisches und harmonisches Gerüst.

In Liebermanns Komposition wurden drei klassische Formen des Jazz verwendet: Der Jump, der Blues und der Boogie Woogie. Das Resultat war höchst interessant und innovativ – und wiederum kam das Saxophon, diese großartige Erfindung des Belgiers Adolph Sax, hier stark zum Einsatz. Als mittleres Stück des ersten Teils gelangte das aufwühlende, ja lärmige „Panic. Dithyrambe für Altsaxophon, Jazz-Perkussion, Bläser und Schlagwerk“ des Engländers Harrison Birtwistle zur Aufführung – hier tobt sich das Saxophon mit allen primären und animalischen Lauten aus, die ihm zur Verfügung stehen.

Der zweite Teil des Konzerts offerierte dem Publikum die beiden großen Klassiker für Jazzorchester schlechthin – George Gershwins „Rhapsody in Blue“ und Leonard Bernsteins Symhonische Tänze aus seiner „West Side Story“. Beides hochberühmte Stücke, aber mit so viel Elan und temperamentvoll-jugendlichem Enthusiasmus hat man sie kaum gehört. Die Begeisterung war diesem hochkarätigen und hochprofessionellen Jugendorchester nicht nur anzuhören, sondern, ein großes Vergnügen, auch anzusehen: Die Freude widerspiegelte sich in den Gesichtern der Instrumentalistinnen und Musiker, ein überaus erfreulicher Kontrast zu den (trotz aller Perfektion) allzu oft freudlos-ausdruckslosen Minen der meisten Musiker in etablierten Symphonieorchestern. Die „Rhapsody in Blue“, die Gershwin als „musikalisches Kaleidoskop des Schmelztiegels Amerika – zwischen Blues und großstädtischer Unrast“ komponiert hatte, brachte dem Komponisten umgehend Weltruhm ein. Hier brillierte der junge französische Pianist Alexandre Tharaud mit Virtuosität und zugleich tänzerischer Leichtigkeit.

Ein fantastischer Abend, den wir – einmal mehr – den großartigen Verdiensten des größten österreichischen Musikveranstalters „Jeunesse – musikalische Jugend Österreichs“ zu verdanken hatten, der jährlich allein in Wien 350 Konzerte veranstaltet (also fast täglich eines) und damit in der Kultur- und Musikstadt einen unschätzbar wertvollen Beitrag leistet.

Der Journalist Dr. Charles E. Ritterband schreibt exklusiv für klassik-begeistert.at. Er war für die renommierte Neue Zürcher Zeitung (NZZ) Korrespondent in Jerusalem, London, Washington D.C. und Buenos Aires. Der gebürtige Schweizer lebt seit 2001 in Wien und war dort 12 Jahre lang Korrespondent für Österreich und Ungarn. Ritterband geht mit seinem Pudel Nando für die TV-Sendung „Des Pudels Kern“ auf dem Kultursender ORF III den Wiener Eigenheiten auf den Grund.

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