Fantastischer Auftakt der Kiewer Tage in München

Kammerorchester „Ukraine“, Artem Longinov,  Kleiner Konzertsaal im Gasteig, München

Kammerorchester „Ukraine“ unter der Leitung von Artem Lonhinov
Kleiner Konzertsaal im Gasteig, München, 18. Juni 2017
M. Kolessa: Suite „In den Bergen“ – Z. Almási: „Mit grünen Ansichten eines Fuchses“ (Solist: Viktor Andriichenko) – V. Silvestrov: „Stille Musik“ – M. Skoryk: „Melodie“ (Solist: Viktor Andriichenko) – T. Yachshenko: „This is our Kiew“ (Solist: Wassyl Bil) – A. Kos-Anatolsky: Romance „Oh du, Mädchen“ (Solist: Serhij Mahera) – M. Skoryk: „Huzulischer Tanz“ – M. Skoryk: „Drei Hochzeitslieder“ (Solist: Solomia Lukyanets) – J. Shevchenko: Paraphrasen des Nationalhymnus der Ukraine „Wir sind“

Die Ukraine machte in den Nachrichten der vergangenen Jahre vor allem durch Schreckensbilder und Krieg auf sich aufmerksam. Da ist es umso erfreulicher, dass die junge ukrainische Dirigentin Oksana Lyniv und der Dirigent Artem Lonhinov jetzt die Musik ihrer Heimat auch nach Deutschland bringen. Einerseits wohl, um die Menschen für ihr Heimatland politisch und künstlerisch zu sensibilisieren, andererseits um großartige und weitgehend unbekannte Musik publik zu machen, Musik, die von ihrer Qualität sicherlich mit der großer russischer Meister mithalten kann.

Die seit der Spielzeit 2013/14 auch als musikalische Assistentin von Kirill Petrenko tätige Oksana Lyniv ist Chefdirigentin der Grazer Oper und der Grazer Philharmoniker. Im vergangenen Jahr gründete sie das Kammerorchester „Ukraina“, das an diesem Sommerabend in München unter der Leitung von Artem Lonhinov den musikalischen Klang seiner Heimat präsentieren soll, der in unseren Breiten leider viel zu selten zu hören ist.

Das Konzertprogramm beinhaltet die Werke ukrainischer Klassiker des 20. und 21. Jahrhunderts: Mykola Kolessa, Valentyn Sylvestrov, Myroslav Skoryk. Und da wundert sich auch der routinierte Konzertbesucher, wer diese Komponisten eigentlich sind, die so gute Musik schreiben, aber dennoch in keinem Konzertprogramm großer Kulturhäuser zu finden sind. Oksana Lyniv ist auf diesem Gebiet sicherlich eine Pionierin. Sie weiß den kulturellen Schatz ihrer Heimat nicht nur zu schätzen, sondern hat es sich auch augenscheinlich zur Lebensaufgabe gemacht, diesen weiterleben und publik werden zu lassen.

Mit Mykola Kolessas 1972 komponierter Suite für Streichorchester, die den Beinamen „In den Bergen“ trägt, eröffnet Artem Longinov den Abend. Und sofort macht sich leichtes Treiben im Konzertsaal breit. Flöhe und Heuschrecken hüpfen kunterbunt auf farbenfrohen Bergwiesen umher. Plötzlich formatieren sie sich zu einem großen Schwarm, der wie eine gewaltige Lawine bis in die letzten Reihen des Saales rollt. Nein, eigentlich sogar darüber hinaus. Fortissimo! Maestoso! In der Mitte steht Longinov und dirigiert mit feinsten Bewegungen einen Berg aus steinernem Geröll, der sich langsam, aber unaufhaltsam mit Schwung in Richtung Tal schiebt. Welch’ Schauspiel für die Ohren, das sich da dem Hörer bietet.

Bei Zoltán Almásys „Mit grünen Ansichten eines Fuchses“ fühlt man sich dann eher wie zu Besuch in einem alten, abgelegenen ukrainischen Dorf. Die glasklare und totehrliche Gesangsstimme von Countertenor Viktor Andriichenko bringt einen volksmusikartigen Flair nach München, der jeden Zuhörer endgültig aus seinem Alltag ausbrechen lässt. Immer wieder herrscht reges Treiben, gefolgt von einer beängstigenden Totenstille. Eine einfache Bäuerin klagt den Zuhörern ihr Leid. Da taucht man in eine Welt ein, die weit weg ist vom schicken Münchner Treiben. In eine Welt auf dem Land, in ein einfaches aber zugleich spannendes Bauernleben. Toll!

Mit Olexander Kozarenkos „Irmologion“ stand ursprünglich einmal ein Werk auf dem Konzertprogramm, das diesen Abend noch facettenreicher hätte werden lassen können. Leider wurde es kurzfristig durch ein Werk von Anatol Kos-Anatolsky („Oh du, Mädchen“) ersetzt, bei dem bestenfalls der Solist Serhij Mahera überzeugen konnte. Und an dieser Stelle darf man auch dezente Kritik üben: Spontane Programmänderungen ohne Vorankündigung sind üblich bei Münchner Konzerten. Aber den angekündigten Ablauf ohne Vorwarnung beinahe komplett über den Haufen zu werfen? Das wirkt ein wenig unfertig und unprofessionell. Immerhin: Eine kleine Orientierungshilfe gab es dennoch. Auf den Tischen vor dem Einlass lagen sympathisch unsauber ausgeschnittene Zettel aus, die über die spontane Neuzusammenstellung informierten.

Purer Genuss für die Ohren sind dann aber wieder die Werke des wohl bedeutendsten ukrainischen Komponisten, Myroslav Skoryk. Neben seinem „Huzulischen Tanz“ hinterlassen vor allem die „Drei Hochzeitslieder“ bleibenden Eindruck. Welch wunderbar leichte, liebliche Musik, die da wie in einem Ballon über München zu schwebt. Bunte Farben der zarten Streicher erfüllen eine blühende Sommerlandschaft mit Leben. Blauer Himmel, hier und da ein feingezeichneter Kondensstreifen. Die warme Stimme der Solistin Solomia Lukyanets durchzieht ebendiesen mit Sonnenstrahlen. Ja, Lukyanets scheint an diesem Abend beinahe die Sonne selbst zu sein. Zauberhaft!

Und Myroslav Skoryk? Den mag mancher vielleicht gar als den Bob Ross der ukrainischen Komponisten bezeichnen. Im Hochzeitskleid auf Ballonfahrt. Das ist zwar kitschig, aber Longinov gelingt eine authentische Interpretation, die unglaublich viel Emotionalität vermittelt.

Den Abend schließt Longinov dann mit Paraphrasen des Nationalhymnus von Juri Shevchenko, die mit „Wir sind“ tituliert sind. Und das passt so gut wie selten. Mit einer tollen musikalischen Performance eines noch jungen Kammerorchesters und einem dynamischen, brillanten Dirigenten gelingt zum Auftakt der Kiewer Tage in München ein fantastischer Konzertabend. Ein Abend, der mit genau dem Motto endet, das eigentlich ab der ersten Minute im Konzertsaal zu spüren war: „Wir sind.“ Denn heute waren wir alle Ukrainer. Weil uns Oksana Lyniv und Artem Lonhinov die Türen zu einem großen Kulturschatz ihrer Heimat geöffnet haben. Auf musikalischer Ebene: Ehrlich und völlig unverfälscht. Bravo!

Raphael Eckardt, 19. Juni 2017, für
klassik-begeistert.de

2 Gedanken zu „Kammerorchester „Ukraine“, Artem Longinov,
Kleiner Konzertsaal im Gasteig, München“

  1. Danke für eine schöne und sehr detaillierte Beschreibung des Konzerts. Umso mehr vermisse ich, dass Sie den eigentlichen Ideengeber zur Gründung des Kammerorchesters „Ukraina“, den Komponisten und Pianisten Taras Yashchenko, mit keinem Wort erwähnt haben. Sein Werk „Ukrainische Fantasie“ ist zwar im Zuge der Programmänderung gestrichen worden, aber seine Komposition „Oh, mein Kyjiv“ ist vom Tenor Wasyl Bil vorgetragen worden.
    Ihor Leskowytch

    1. Lieber Herr Leskowytch,

      ich habe meinen Schwerpunkt auf die Stücke gelegt, die mich musikalisch besonders beeindruckt haben. Natürlich kann man da auch anders vorgehen, in meinen Rezensionen und Kritiken bin ich aber stets darum bemüht, das Musikalische im Vordergrund zu halten. Insofern habe ich mir einzelne Highlights „herausgepickt“, um eine in sich schlüssige und möglichst wenig fragmenthafte Rezension anzufertigen. Ich werde mir Ihre Kritik zu Herzen nehmen! Vielen Dank für Ihren Kommentar.
      Ihr Raphael Eckardt

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