Elbphilharmonie: Der Hamburger Brahms begeistert beim Philharmonischen Konzert

Kent Nagano, Veronika Eberle, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg,  Elbphilharmonie, Hamburg

Elbphilharmonie, Großer Saal, 27. November 2017
Kent Nagano Dirigent
Veronika Eberle Violine
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Johannes Brahms
Violinkonzert D-Dur op. 77
Johannes Brahms Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 73

von Ricarda Ott
Foto: Maxim Schulz

Mit hauseigenem Generalmusikdirektor und einem Programm, einzig und alleine dem in Hamburg geborenen Komponisten Johannes Brahms (1833-1897) gewidmet, kam das 3. Philharmonische Konzert in dieser Saison vergleichsweise schlicht und bodenständig daher.

Doch, wen stört’s? Was der GMD und frisch mit dem ECHO Klassik als „Dirigent des Jahres“ geschmückte Kent Nagano mit seinem Orchester anpackt, wird schön. Und so war es auch diesmal wieder in Verstärkung der Solistin Veronika Eberle, 29, die dem ein oder anderen Hamburger im Publikum bekannt sein dürfte durch ihre Mitwirkung in Alban Bergs „Lulu“ an der Hamburgischen Staatsoper in der vergangenen Saison.

Ohne Umwege tauchte man also hinein in das späte 19. Jahrhundert, genauer gesagt in das Jahr 1878. Markant und sauber phrasiert eröffnen die Streicher den Kopfsatz des Solokonzertes, lassen den Klang der romantischen Sinfonik in den Saal strömen und umschließen anschließend das Spiel der Solistin. Einer Eruption gleich präsentiert Brahms den ersten Einsatz der Solovioline, umspült von bewegtem Tutti der Streicher. Veronika Eberle fügt sich dem Duktus, spielt wild und aufbrausend. Dann beruhigt eine lyrische Phrase in der Oboe das Geschehen.

In beachtlichen 20 Minuten zeigt dieser 1. Satz das ganze Spektrum symphonischer Komplexität und romantischen Musikverständnisses. Mit wirkungsvollen Tempoänderungen wechselt der Charakter der Musik: Was zunächst streng, der Pflicht verschrieben daherkam, zeigt sich im Folgeabschnitt kurzerhand lyrisch und verträumt, heiter und übermütig.

Wunderschön melancholisch dann das Solo der Oboe im 2. Satz und die sich aufeinanderschichtenden Bläserstimmen. Das erzeugt einen ungemein schönen Klang, der sich immerfort nahtlos mit dem behutsamen Spiel Veronika Eberles mischt. Sie vereint Dramatik und Lyrik des Satzes gleichermaßen in ihrem musikalischen Ausdruck und lässt beide Affekte weniger kontrastierend, als vielmehr homogen nebeneinander dastehen.

Der dritte und letzte Satz entspricht im klassischen Formmodell dem tänzerischen Rondo, heiter und beschwingt. Hier sticht besonders die Leistung des Orchesterkollektivs ins Auge. Nagano lässt im Tutti spannend abphrasieren und erzielt durch nuancierte Verzögerungen und Beschleunigungen interessante Effekte im sonst schematischen Satz.

Nach der Pause ist vor der Pause. Mit der beliebten 2. Sinfonie (1877), die Brahms selbst halb ironisch, halb ernst als „eine ganz unschuldige, heitere, kleine“ bezeichnete, setzt sich das für den ewigen Junggesellen Brahms so typische Spannungsfeld zwischen Melancholie und Heiterkeit erneut in der Musik fort.

Lauschige, pastorale Melodien über erdigem, tiefem Streicherklang lassen darüber hinaus Assoziationen zur Natur aufkeimen und entsenden uns in das Idyll am Wörthersee, wo Brahms im Sommer 1877 dieses Werk verfasste. „Wie die Sonne erwärmend“ scheine die Symphonie auf alle, „die sich nach guter Musik sehnen“, schrieb der berühmte, zeitgenössische Kritiker Eduard Hanslick (1825-1904).

Und mit dem auch hier umfangreichen Kopfsatz, dem melodisch selbstbewussten 2. Satz, der effektvollen Katz-und-Maus-Jagd im 3. Satz und dem feurigen Finalsatz wirkt das knapp 45-minütige Werk tatsächlich erwärmend auf das nicht immer wetterverwöhnte Hamburger Publikum. In angenehmer Ausgewogenheit und instrumentaler Vielfarbigkeit erklingt schlichtweg schöne Musik.

Kent Nagano und sein Orchester leisten auch hier wieder ganze Arbeit. Spannend interpretiert, nämlich fortwährend mit Dynamik und Ausdruck spielend, treten insbesondere auch Überleitungen und Zwischenphrasen in den Vordergrund. Mit vibrierender, erdender Pauke und Bassgruppe, darüber sangliche Melodien der Solostimmen, stets wach und präzise vorgetragen, wird das Spektrum des symphonischen Körpers voll ausgekostet.

Schlicht und bodenständig also, aber alle Erwartungen erfüllend, zeigte sich das Orchester der Hamburgischen Staatsoper erneut von seiner besten Seite, und so konnte auch das 3. Philharmonische Konzert mit einer bestens aufgelegten Solistin rundum begeistern.

Ricarda Ott, 28. November 2017, für
klassik-begeistert.de

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