Bei Gidon Kremer geht selbst der Schwarzmarkthändler in die Elbphilharmonie

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Kremerata Baltica
Khatia Buniatishvili Klavier
Gidon Kremer Violine und Leitung
Andrei Pushkarev Vibrafon
Joseph Haydn, Konzert für Klavier und Orchester D-Dur Hob. XVIII/11
Franz Schubert, Fantasie C-Dur D 934 für Violine und Orchester
Giya Kancheli, „Valse Boston“ für Violine, Klavier und Streichorchester
Astor Piazzolla, „Celos“ für Violine, Vibraphon und Streichorchester
„Le Grand Tango“ für Violine und Streichorchester
Elbphilharmonie, 5. April 2017

Um 19.48 Uhr hatte der Schwarzmarkthändler vor der Elbphilharmonie in der Hamburger HafenCity die Faxen dicke. Niemand hatte seine letzte Karte für das Spitzenkonzert mit dem Star-Geiger Gidon Kremer und der Star-Pianistin Khatia Buniatishvili gekauft, und so machte sich der Mann, der nach Recherchen von klassik-begeistert.de seit Mitte Januar 2017 schon im fünfstelligen Bereich (!) – „Cash in die Täsch“ – mit Schwarzmarktkarten verdient hat, selbst hinauf in den Großen Saal, um zwei Sternstunden in Hamburgs neuer Perle beizuwohnen.

Was Kremer, 70, aus dem lettischen Riga auf seiner Nicola Amati aus dem Jahr 1641 hervorzauberte und was Buniatishvili, 29, aus dem georgischen Batumi auf dem Steinway-Flügel made in Hamburg-Bahrenfeld zelebrierte, war Weltklasse. Es bewahrheitete sich der Satz eines weisen Wieners: „Es gibt einige beste Pianisten und Geiger auf der Welt.“

Khatia Buniatishvili zog die 2000 Zuschauer gleich mit dem ersten Stück in ihren Bann: Joseph Haydns Klavierkonzert Nr. 11 D-Dur. Es war eine wahre Freude, der Georgierin beim Spielen zuzuhören und zuzusehen: Mit welcher Hingabe sie die Tasten des edlen Steinways bediente, wie sie wunderbar, die Arme ausbreitend, die Töne nachklingen ließ und wie sie die ganze Bandbreite vom Pianissimo bis zum Fortissimo abrief – das war eine Liga für sich. Bisweilen spielte die 29-Jährige ganz blind, wenn ihre Haare fast komplett das Gesicht verdeckten. Vor allem der zweite Teil, das zarte Un poco adagio, gelang ihr ganz bezaubernd. Das ging richtig unter die Haut.

Dass im Großen Saal der Elbphilharmonie wirklich ganz, ganz leise musiziert werden kann, demonstrierte Gidon Kremer mit seiner wunderbaren Kremerata Baltica zu Beginn des Andantinos in Franz Schuberts Fantasie C-Dur für Violine und Orchester, arrangiert vom russischen Komponisten Victor Kissine. Nur das Blättern im Programmheft von Zuhörern, die nicht zuhören können – ja, das Blättern in Programmheften ist in der Elbphilharmonie bei sehr leisen Stellen deutlich zu hören ! – vermochte die Magie der wunderbaren Musik ein wenig einzutrüben. Von einem Mann mit Raucherhusten, der im ganzen Saal zu hören war, ganz zu schweigen…

Nach der Pause dann eine ganz wunderbare, kostbare Komposition von Giya Kancheli, 1935 im georgischen Tiflis geboren. „Den Eindruck von Schönheit und Ewigkeit“ und „ein unaufhörliches Fließen ins Helle“ strebt der Komponist in seiner Musik nach eigenem Bekunden an. Was sich in Worten harmlos anhört, entlädt sich in seinen Werken in harschen Klangwelten zwischen meditativer Ruhe und eruptiven Ausbrüchen, zwischen Klage und Anklage, zwischen tonalen Passagen und hämmernden Akkordballungen. Tief empfundene Spiritualität und existenzielle Fragen sind Kanchelis maßgebliche Inspirationsquellen. Bereichert wird seine Klangphantasie sowohl vom archaischen Volkslied-Repertoire seiner georgischen Heimat als auch von Einflüssen moderner Unterhaltungsmusik.

Sein „Valse Boston“ entstand 1996, fünf Jahre nach seiner Übersiedlung in den Westen. Das Klavier ist eng mit den Streichern verzahnt, jeglicher virtuos-musikantischer Gestus wird vermieden. Nach Phasen allergrößter Ruhe fordern rasante Läufe, bohrende Repetitionen und improvisatorische Kadenzpassagen pianistische Meisterschaft ein. Klassik-begeistert.de ist kein Konzerthaus auf der Welt bekannt, in dem die leisen, angehauchten Sequenzen so wunderbar und eindrucksvoll klingen wie in der Elbphilharmonie.

Zu Astor Piazolla hat Gidon Kremer ein ganz besonderes Verhältnis – seit Jahren beschäftigt er sich mit seiner Musik, widmete dem Großmeister des Tango mit seiner CD-Einspielung Hommage à Piazolla ein ganzes Album. „Er ist inzwischen einer der Komponisten, mit denen ich oft glaube, eine Du-Beziehung aufgebaut zu haben, auch wenn ich ihn nie kennengelernt habe“, sagt Kremer.

In den Stücken „Celos“ und „Le Grand Tango“ zeigten Kremer und seine Kremerata diese innige Beziehung auf und bewiesen, dass argentischer Tango und feurige Leidenschaft auch im vermeintlich so kühlen Baltikum beheimatet sein können.

Andreas Kloevekorn, 48, genoss den Abend in der Elbphilharmonie gemeinsam mit seiner Partnerin Jutta Neubecker, 50. Der Hamburger spielt seit dem siebten Lebensjahr Geige und zog eine wunderbare Bilanz: „Mich hat an Gidon Kremer immer am meisten fasziniert, dass er es geschafft hat, vom Fundament der Klassiker aus neue Wege zu gehen. Und so war auch dieses Konzert: Der Schubert war noch leichte Kost, schön gespielt, mit zarten Andeutungen von Tiefe und freier Phrasierung. Aber erst im Kancheli durchmaß Kremer das ganze Universum von Klängen und Emotionen. Schroff und zärtlich, ätherisch und brutal, entrückt und unmittelbar klang er da.

Bei Piazzolla kratzte und knackte seine Geige, dann seufzte sie wie eine Geliebte oder lachte wie ein Kind. Ich hatte das Gefühl, als spreche die Musik direkt aus Kremers Seele, als erzähle er von sich selbst und gleichzeitig vom Menschsein an sich. Mit Gidon Kremer habe ich zeitgenössische osteuropäische Musik entdeckt und Astor Piazzolla. Seine Neugier und sein Gespür für tolle Musiker macht ihn für mich zu einem der größten lebenden Musiker.“

Andreas Schmidt, 6. April 2017
klassik-begeistert.de

Ein Gedanke zu „Kremerata Baltica, Khatia Buniatishvili, Gidon Kremer, Joseph Haydn, Franz Schubert, Giya Kancheli, Astor Piazzolla, Celos, Le Grand Tango,
Elbphilharmonie“

  1. Mir bleibt die Musik der Zugabe bei dem Konzert im Ohr. Wer weiß, wie das Stück heisst, das Gidon Kremer als Zugabe gespielt hat am 5. April 2017 in der Elphi?
    Kirsten Felden

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