Musikalische Weltreise ohne Scheuklappen und mit gewaltigem Spaß am Spiel

Kronos Quartet, Elbphilharmonie Hamburg, 8. Mai 2018

Kronos Quartet
Elbphilharmonie Hamburg, 8. Mai 2018 (c)

von Sebastian Koik
Foto: Daniel Dittus

David Harrington, Violine
John Sherba, Violine
Hank Dutt, Viola
Sunny Yang, Violoncello

Mit dem Kronos Quartet ist eine der angesehensten Formationen der Musikwelt in der Elbphilharmonie zu Gast. Das Quartett gab weltweit Tausende Konzerte, hat über sechzig CDs eingespielt und fast tausend Werke und Arrangements für Streichquartett in Auftrag gegeben.

Das Zusammenspiel der vier Musiker ist über den ganzen Abend perfekt. Das Quartett versteht sich blind. David Harrington, John Sherba, Hank Dutt und Sunny Yang atmen gewissermaßen im Gleichtakt, spielen mit einem Herzschlag, bilden eine musikalische Einheit, die totale Natürlichkeit und Souveränität ausstrahlt.

Das erste der achtzehn Stücke des Abends ist Aleksandra Vrebalovs My desert, my rose. Es beginnt orientalisch und beschwört tatsächlich Wüstenbilder hervor. Stürme und Leben kommen in diese Wüste. Verschiedene, schnelle, repetetive Muster und Loops erinnern stark an legendäre Minimal Music von Steve Reich. Die Musik hat Kraft und Feuer. Die vier Instrumente spielen lange Zeit scheinbar je für sich, doch gelegentlich verschmelzen sie in vielfältigen Formen, trennen und vereinigen sich in verschiedenen Konstellationen erneut. Ganz zum Schluss kommen dann alle vier recht plötzlich in einer irgendwie hässlichen Härte zusammen. Es ist eines der stärksten Stücke des Abends.

David Harrington © Daniel Dittus

David Harrington, der erste Geiger des Quartetts, moderiert auf Englisch durch den Abend, erzählt vorweg etwas zu jedem Stück. Er kündigt eine „voyage around the world of music“, eine musikalische Weltreise an. Und das wird es auch tatsächlich. Die Komponisten der Stücke des Abends kommen aus der ganzen Welt und repräsentieren unterschiedlichste Stile und musikkulturelle Traditionen.

Das zweite Stück des Abends ist vom Ägypter Islam Chipsy und heißt Zaghlala. Der Bratschist Hank Dutt trommelt, die Cellistin zupft eine herrliche Basslinie. Die zwei Geigen singen, schreien und kreischen. Es ist große Kraft und Intensität in jedem gespielten Ton der vier Musiker. Der Rhythmus und die ungewohnten und sehr lebhaften Melodien reißen mit! – Musikalische Offenheit vorausgesetzt. Ein Teil des Publikums wirkt dann doch etwas irritiert, hatte eine solche Musik wohl nicht erwartet.

Und es wird noch sehr, sehr viel wilder!

Im dritten Stück des Abends, Another living soul von der Kanadierin Nicole Lizée wirbeln der erste Geiger und der Bratschist mit Luftschlangen durch den ehrwürdigen Bühnenraum. Das ergibt zärtlich-schöne Klänge – trotz der neon-orangenen und -pinken Plastik-Spielzeug-Optik.

Es ist große Spannung in der Musik und die klangliche Atmosphäre etwas gespenstisch. Dann wird zu den Normalinstrumenten gegriffen, … doch die wilde Show ist noch lange nicht vorbei! Wiederholt stampfen die vier Musiker kollektiv und laut mit den Füßen auf den Boden, um dann in eine  richtig schräge Phase überzugehen: Mit seltsamen quietsch- quakenden bunten Plastikstangen als Bögen streichen die vier Musiker ihre Instrumente. Spätestens hier wird jedem im Saal klar, dass diese vier Musiker sehr humorvolle Menschen sind, die sich trotz ihres renommierten Namens und ihrer großen Tradition keine Spur zu ernst nehmen. Irgendwann spielen sie ihre Instrumente wieder mit normalen Bögen, … bedienen dann aber jeder mit ihren Füßen parallel lustige Glockenspiel-Töne.

Was für ein bunter und lebendiger Auftritt! Diese Künstler agieren nicht nur in der allgemein offen-vielseitigen Gestaltung ihrer Programme, sondern auch mit so einem schrägen Auftritt wirklich bis zur äußersten Konsequenz ganz ohne Scheuklappen! Alles ist erlaubt! Das Kronos-Quartet zeigt gewaltigen Spaß am Spiel.

Das nächste Highlight des Konzerts ist Laurie Andersons Stück Flow. Es beginnt sehr zärtlich und leise, ist ein Hauch von Nichts, der aber sehr viel Atmosphäre aufbaut und große Spannung hervorruft. Es liegt eine tiefe Ruhe in der Musik, eine Ruhe voller Kraft und Schönheit. Es ist ein sehr, sehr kurzes Stück, allerdings voller Energie und hinterlässt Eindruck.

Eindruck macht auch die Elbphilharmonie. David Harrington erzählt von schwärmenden Musikern auf der ganzen Welt und ist selbst auch ganz verliebt in unsere schöne Elphi: „What a great place this is for music!! – And thank you for doing it.“ Die Elbphilharmonie bereichert also nicht nur das Musikleben lokal in Hamburg, sondern begeistert die ganze Musikwelt.

Die erste Hälfte des Konzerts endet mit Wladimir Martynows The Beatitudes, das Harrington als „the most beautiful piece“ ansagt. Die Musik löst dann auch tatsächlich vom ersten Ton an große Gänsehaut aus und berührt massiv. Sie ist voller Schönheit, voller melancholischer, tiefer, ernster Schönheit. Dieses Stück ist unwiderstehlich, drückt bei einem Menschen viele „Knöpfe“. Martynows The Beatitudes kann kaum jemanden kalt lassen.

Die zweite Hälfte des Konzerts beginnt mit Wu Mans Silk and Bamboo, wieder agiert der Bratschist Hank Dutt als Perkussionist, und zwar mit bestechender Präzision und grandiosem Rhythmusgefühl. Er spielt alles ideal auf den Punkt.

Es erklingen chinesische Klänge, die man traditionellen chinesischen Streichinstrumenten zuschreiben würde, hier aber auf klassisch-westlichen Streichinstrumenten gespielt werden. Das ist ein seltenes Bild und eine schöne exotische Klang-Reise.

Viele der an diesem Abend gespielten Kompositionen, vor allem in der zweiten Hälfte des Abends, gehören allerdings eher in die Kategorie „Musik, die die Welt nicht unbedingt braucht“. Diese Kompositionen lösen zwischendurch dann doch auch Langeweile und teilweise sogar etwas Genervtheit aus.

Wunderbar ist wieder das letzte Stück des offiziellen Programmteils: Terry Rileys One earth, one people, one love. Ausgangspunkt des Projekts waren Aufnahmen von Dr. Don Gurnett, einem Plasmaphysiker, der im Laufe von vierzig Jahren außerirdische Geräusche aufgezeichnet hat. Bestandteile der Komposition sind Klänge aus unserem Sonnensystem wie das Knistern der Sonnenwinde.

Es ist wundervolle, erhabene Musik voller Schönheit und Tiefe, und sie hat etwas enorm Meditatives und Heilsames! Das Stück hat einen Beat wie einen Herzschlag, einem Herzschlag des Universums, der Welt, des Lebens. Wunderbar!

Sebastian Koik, 10. Mai 2018,
für klassik-begeistert.de

PS: Nicht so angenehm wie die schönen Klänge aus dem Sonnensystem: Nirgendwo sonst in Hamburg scheint man auch an diesem sommerlich-warmen Mai-Abend so viele kranke Leute zu finden, wie im Großen Saal der Elbphilharmonie. Auch an diesem Abend nehmen sich viele Konzertbesucher wieder das Recht zu ihren persönlichen Hust-Auftritten in schöner Kulisse und vor großem Publikum.

4 Gedanken zu „Kronos Quartet, Elbphilharmonie Hamburg, 8. Mai 2018“

  1. Es gibt zwei mögliche Konsequenzen aus dem PS: Konzertpause während der Pollensaison (also Februar bis September) oder Allergietests am Eingang, die über Einlass oder nicht entscheiden. Ist beides ungefähr gleich doof.
    Hans Meyer

    1. Es liegt ja leider nicht nur an den Pollen, sonder auch an den Leuten.

      Man kann seinen Husten auch unterdrücken und möglichst klein halten. … Viele mir sehr unverständliche Leute husten offensichtlich sehr genussvoll. Nach dem Motto: Hier bin ich!

      … UND: Ich glaube es ist an der Bayerischen Staatsoper in München, da gibt es den offiziellen Hinweis notfalls doch bitte in ein Taschentuch zu husten.

      ES HILFT!!!

      Sebastian Koik

    2. Endlich erwähnt jemand die extreme Pollenbelastung. Ich wollte sie auch schon explizit hervorheben z.B. wegen Konieczny beim Ring. Ich habe ihn darauf angesprochen und er wusste nicht einmal davon.

      Eigentlich sollten die Sänger und Sängerinnen darüber informiert werden, vor allem wenn die Pollenbelastung so hoch ist wie selten zuvor. Auch deren gesangliche Leistungen sollten unter Berücksichtigung dieser Tatsache bewertet werden.

      Selbst ich als „Sportler“, ohne jegliche Allergien, muss zur Zeit des Öfteren gegen das Niesen ankämpfen.

      Jürgen Pathy

      1. Dennoch muss ich Herrn Koik recht geben. Gerade das Husten kann man mit ein wenig Willensstärke zurückhalten oder auf einen „Forte-Moment“ verschieben. Manche Besucher husten ohne jegliche Rücksicht mitten in die Stille hinein. Eine bodenlose Frechheit gepaart mit viel Egoismus und Rücksichtslosigkeit – nicht nur dem Publikum gegenüber, sondern auch den Künstlern auf der Bühne!
        Jürgen Pathy

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