Magische Momente: Fehlanzeige

L’Elisir d’Amore (Der Liebestrank), Gaetano Donizetti
Hamburgische Staatsoper, Sonntag, 26. Juni 2016

Die Darsteller an der Hamburgischen Staatsoper können einem an diesem Abend ein wenig Leid tun. Da gewinnt die deutsche Fußballnationalmannschaft im französischen Lille gegen die zweitklassigen Slowaken in einem Achtelfinalspiel der Europameisterschaft völlig ungefährdet 3 : 0. Zeitgleich geht im Haus an der Dammtorstraße die 154. Vorstellung des „Liebestranks“ von Gaetano Donizetti über die Bühne – und nur etwa 60 Prozent der 1690 Sitzplätze sind besetzt.

Das kann kaum an der wunderbaren Musik dieser komischen Oper liegen, die Donizetti 1832 nach etwa zweiwöchiger Kompositionszeit in Mailand auf die Bühne brachte. Eine kurze, melodisch effektvolle Nummer jagt die andere, darunter viele Duette und Quartette. Höhepunkt des Abends ist Nemorinos weltberühmte Arie „Una furtiva lagrima / Heimlich aus ihrem Auge sich eine Träne stahl“ – begleitet von einer Harfe und vom Englischhorn. Dargeboten wird sie von Norman Reinhardt; der US-amerikanische Tenor ist gerade auf dem Sprung in die Weltklasse: Er hat im Mai bei den Salzburger Pfingstfestspielen als Tony in der „West Side Story“ debütiert und wird im Oktober am Théatre des Champs-Éllysées in Paris als Pollione in Bellinis „Norma“ auftreten.

An diesem Abend ist von Reinhardts Extra-Klasse nicht einmal ansatzweise etwas zu spüren. Anfangs ist der Amerikaner noch nicht richtig eingesungen; seiner Stimme fehlt Fülle und die hohen Töne bringt er gepresst und nur mit großer Anstrengung hervor – teilweise liegt er in den Höhen bis zu einen Ton daneben. Und dann hat der Sänger aus North Carolina auch leichte Probleme mit der italienischen Aussprache, vor allem mit dem Buchstaben „R“. Unterm Strich bleibt sein Auftritt Meilen entfernt von den legendären Aufnahmen des Jahrhundert-Tenors Luciano Pavarotti.

Leichte Probleme mit dem italienischen „R“ hat auch das Ensemblemitglied Hayoung Lee als reiche Pächterin Adina, um deren Liebe der Bauer Nemorino buhlt. Die Sopranistin aus Südkorea liefert mit ihrem klaren und kraftvollen Sopran die beste Abendleistung ab. Der Bariton Alexey Bogdanchikov als Sergeant Belcore und der Bass Tigran Martirossian als Quacksalber Dulcamara, beides Ensemblemitglieder, bieten ordentliche Leistungen; der Armenier Martirossian bringt mit seiner humorvollen Art das Hamburger Publikum bisweilen zum Lachen. Unterm Strich vermag es aber keiner der Sänger durch Hingabe zu rühren und zu verzaubern. Magische Momente gibt es nicht bei diesem „Liebestrank“.

Eine weniger überzeugende Leistung bieten an diesem Abend die etwa 50 Sängerinnen und Sänger des Staatsopernchores: Sie liefern ihr Pensum routiniert, aber größtenteils ohne Leidenschaft ab. Es liegen Welten zwischen diesem Chor und etwa dem Chor der Oper Leipzig oder dem Arnold Schoenberg Chor – dem Chor des Theaters an der Wien, der am 1. Juni in der Laeiszhalle mit Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie zum Gedenken an den verstorbenen Jahrhundert-Dirigenten Nikolaus Harnoncourt glänzte. Die Wiener bringen mit der Hälfte an Sängern mehr Volumen auf die Bühne als die Hamburger – von besserer Intonation, Differenzierung, Ausdruck und Aussprache einmal abgesehen, da spielen Leipzig und Wien in einer anderen Liga.

Dem fußballabstinenten Hamburger Opernpublikum hat der 154. Hamburger Liebestrank größtenteils gefallen. „Ich mag diese klassische Inszenierung aus dem Jahr 1977 – mit den vielen modernen Inszenierungen kann ich meist nichts anfangen, da bin ich etwas konservativ“, sagt die Hamburgerin Inge Boese, 74. „Der ‚Liebestrank’ ist so ein richtiger Donizetti mit tollen Melodien. Aber er reicht nicht ganz an ‚Lucia di Lammermoor’ und ‚Die Regimentstochter’ heran.“ Auch Gaby Seidel, 47, aus Großhansdorf (Schleswig-Holstein) lobt „das tolle Bühnenbild und die wunderschönen Kostüme, die passen hervorragend zu der fröhlichen Musik.“

Justus Engelhardt, 75, vermisst das Fußballspiel an diesem Abend nicht. „Ich liebe die Oper“, sagt der Hamburger. „Als Arzt habe ich beruflich jeden Tag mit Gefühlen zu tun – und in der Oper werden Gefühle über Handlung und Musik hervorragend ausgedrückt. Hier erlebe ich, wie die Musiker mit dem Drama des Lebens umgehen. Ich gehe immer bereichert aus den Vorführungen heraus.“

Für Matthias Prettl, 61, ist es die 46. Aufführung in dieser Spielzeit. „L’Elisir d’Amore“ guckt er insgesamt vier Mal. „Ich bin immer nervös, wenn ich in die Oper gehe, denn ich weiß nie, was auf mich zukommt“, sagt der Hamburger. „Mit 17 Jahren habe ich mich an der Oper Stuttgart beim ‚Rigoletto’ von Giuseppe Verdi mit dem Opernvirus infiziert. Bei dieser Donizetti-Inszenierung kann ich vollkommen abschalten und nur noch hören, hören, hören. Hayoung Lee als Adina hat ein herzerfrischendes Wesen und eine wunderschöne Stimme.“

Leider wird diese Stimme, wie so oft in der Hamburgischen Staatsoper, durch Gäste untermalt, die das kleine Einmaleins der Oper nicht akzeptieren: Handy aus und Ruhe im Karton. So kommentiert in Reihe 5, rechts, Platz 1 und 2 ein Ehepaar aus Pinneberg permanent das Bühnengeschehen. Der Herr in Reihe 4, Platz 3 führt Selbstgespräche. Und in Reihe 1 (!), Platz 2 und 3 plaudert eine ehrgeizige junge Frau asiatischer Herkunft unablässig mit ihrer zwei Jahre (!) alten Tochter, kratzt deren Füße und dirigiert zur Musik mit einem weißen Stoffhasen. Die Staatsoper sollte künftig vor den Aufführungen dringend um absolute Ruhe bitten. Und Kinder im Windelalter nicht in den Saal lassen – schon gar nicht in Reihe 1.

Andreas Schmidt, 27. Juni 2016
klassik-begeistert.de

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