Beethovens Egmont: Ein Weckruf im Theater an der Wien

Ludwig van Beethoven, Egmont,  Theater an der Wien

Theater an der Wien, 15. Dezember 2017
Ludwig van Beethoven, Egmont
Laurence Equilbey
 Musikalische Leitung
Insula Orchestra Orchester
Séverine Chavrier Inszenierung
Leonard Hohm Graf Egmont
Sheva Tehoval Klara
Doga Gürer Wilhelm von Oranien
Charles Morillon Herzog von Alba
Stefan Kinsman Ferdinand

von Jürgen Pathy

Mit der szenischen Neuinszenierung des „Egmont“ hat das Theater an der Wien für einige erzürnte Gemüter gesorgt. Das Bühnen-Drama, eine Zusammenarbeit des Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe und des einzigartigen Ludwig van Beethoven, wurde auf fünf junge Charaktere reduziert, teils mit neuem Text versehen und das Bühnenbild auf den zeitgenössischen Schauplatz des Majdan – dem zentralen Platz der ukrainischen Hauptstadt Kiew – verlegt.

Goethes Original-Trauerspiel basiert auf dem historischen Hintergrund des „Achtzigjährigen Krieges“ (1568 – 1648). Unter der Führung des niederländischen Grafen Egmont und dessen Freund Wilhelm von Oranien wächst eine immer größer werdende protestantisch-calvinistische Bewegung. Der katholische spanische König Philipp II. entsendet seinen Sohn Ferdinand und den Herzog von Alba um diesen Aufruhr zu unterdrücken. Sich in fälschlicher Sicherheit wiegend, landet der revolutionäre Egmont bei seinem Versuch die Religionsfreiheit zu unterstützen auf dem Schafott auf dem Brüsseler Marktplatz. Um der Geschichte noch Pep zu verleihen, darf die Liebe nicht fehlen – Goethe bringt das Clärchen ins Spiel, Egmonts Geliebte, die im Angesicht dessen Todes verzweifelt Selbstmord begeht.

Den Besucher erwartet bei der Neuaufarbeitung des Dramas ein verstörender Anblick. Die Bühne gleicht einer Sperrmüll-Halde, in der einige Personen herumlungern und herumstreunen. Beim genauen Betrachten und Erforschen der Szenerie wird jedoch klar, worauf die Regisseurin Séverine Chavrier bei ihrer ersten Arbeit im Haus hinweisen möchte: Schauplatz dieser Neuinszenierung ist der Majdan, der zum Synonym des ukrainischen Freiheitskampfes im Jahre 2014 geworden ist, bei dem sich junge Studenten bewaffnet mit Motorradhelmen, Ellbogenschützern und Megafonen schwerbewaffneten Soldaten mutig entgegenstellten.

Der Zuschauer wird zu Beginn des opulenten Spektakels schwer überfordert. Die bunte Mischung aus Theater, Musik, Poesie, Multi-Media-Show und Zirkus erschlagen beinahe die Sinne und ist kaum zu verarbeiten. Auf einer riesigen Leinwand läuft ein Film, dessen Sinn noch nicht zu erfassen ist. Als die jungen Protagonisten von der Leinwand real auf der Bühne erkennbar werden, lösen sich der Nebel und die vielen Fragezeichen: Der Abend wird ein alle Sinne forderndes Konglomerat der Künste werden. Von der Leinwand wird eine bis zum Ende andauernde Multi-Media-Show geboten, abwechselnd Live-Einspielungen des Bühnen-Geschehens, dann vorgefertigte Aufnahmen der fünf Bühnen-Charaktere, die ihre Sozial- und Elitekritik an das Publikum richten.

Das reagiert teilweise genervt von der ein oder anderen zu harschen, plumpen Kritik an den Eliten und äußert seinen Frust mit lautstarken Seufzern. Die sind im Theater an der Wien des Öfteren zu vernehmen, ist das kleinste der drei Wiener Opernhäuser doch berüchtigt für seine progressiven, stark ins Originalwerk eingreifenden Neuinszenierungen.

Der Besucher der Linken Wienzeile 6 sollte jedoch schon vor dem Betreten des kleinen, charmanten Opernsaals wissen, was ihn erwarten wird: Unter der Intendanz des Österreichers Roland Geyer, 64, werden neue Welten erkundet, vorgekaute Kost hat keinen Platz.

Nach anfänglicher Verwirrung und schwer überforderten vier Sinnesorganen beginnt das Schauspiel mit der umwerfenden Musik zu wirken. Der offensichtliche Versuch, die Generation Y aus ihrem politischen Halbschlaf und ihrer Smartphone-Hypnose aufzuwecken, zeigt emotionale Wirkung. Das geschichtsträchtige Haus im 6. Wiener Gemeindebezirk, wo der unbeugsame Revolutionär Beethoven selbst am Dirigentenpult stand, ist der ideale Ort für diese brisante sozial-kritische Neuinszenierung, die gespickt ist mit ein– und zweideutigen Aufforderungen, den Eliten auf die Finger zu schauen – der große Ludwig van Beethoven hätte seine Freude gehabt! Er, der dem Fürsten Lichnowsky im Zorn entgegenbrachte: „Fürst! Was Sie sind, sind Sie durch Zufall und Geburt, was ich bin, bin ich durch mich. Fürsten hat es und wird es noch Tausende geben, Beethoven gibt es nur einen.

Die tiefgründigen Beethoven‘ schen Themen Volk, Freiheit und Tod sind zeitlos; das Trauerspiel des „Egmont“, dessen Uraufführung am 9. Januar 1789 in Mainz stattgefunden hat, passt nahtlos in die heutige Zeit.

Zeitlos schön ist auch die Musik von Ludwig van Beethoven, der die Schauspielmusik zu diesem politischen Drama im Juni 1810 fertiggestellt hat. Die französische Dirigentin Laurence Equilbey, 55, und ihr 2012 eigens gegründetes Insula Orchestra fesseln den Zuhörer mit zarter Beethoven‘ scher Beschallung, die sich perfekt an das intime Ambiente des ehrwürdigen Hauses schmiegt. Die anfänglich nervös wirkende Flötistin und die zu zaghaft vorgetragene Ouvertüre tun der Begeisterung keinen Abbruch.

„Beethoven, Goethe, wandelnd Hand in Hand; ein Paar, wie ihr vereint wohl nie mehr schaut“, schrieb der österreichische Nationaldichter Franz Grillparzer. Kein Wunder, wenn bei dieser perfekten Symbiose aus himmlischer Musik und vollendeter Poesie beim Melodram Süßer Schlaf wieder heftig auf die Tränendrüsen gedrückt wird – schöner als im „Egmont“ ist noch nicht gestorben worden: „Süßer Schlaf! Du kommst wie ein reines Glück ungebeten, unerfleht am willigsten. Du lösest die Knoten der strengen Gedanken, vermischest alle Bilder der Freude und des Schmerzes, ungehindert fliest der Kreis innerer Harmonien, und eingehüllt in gefälligen Wahnsinn versinken wir und hören auf zu sein.“

Vielen Dank für diese mutige, szenische Neuinszenierung! Ein Weckruf an die Gäste dieses Abends – darunter teils illustre Adabeis. Der zögerlich einsetzende Applaus inklusive vereinzelter Buh-Rufe gibt dieser provokanten Inszenierung recht – die Anwesenden wurden schockiert, zum Nachdenken bewegt und letztendlich mit großartigen jungen Schauspielern und bezaubernder Musik beschenkt. So soll Kunst sein!

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 15. Dezember 2017, für
klassik-begeistert.at

 

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