Wien besticht durch Qualität

Macbeth, Giuseppe Verdi
Theater an der Wien, 24. November 2016

Wien ist eine gesegnete Stadt, auch am Donnerstag, 24. November 2016: Wer sich für herausragende klassische Konzerte und Opern in der Donaumetropole interessiert, vermag sich nur schwer zu entscheiden.

An der Wiener Staatsoper, dem musikalischen Epizentrum der Alpenrepublik, läuft ein Ballett von Stephan Thoss, Christopher Wheeldon und Jerome Robbins. Im Großen goldenen Musikvereinssaal spielen die Weltklassegeigerin Anne-Sophie Mutter und der Weltklassepianist Lambert Orkis Werke von Sebastian Currier, Wolfgang Amadeus Mozart, Maurice Ravel, Francis Poulenc und Camille Saint-Saens. Im Großen Saal des Konzerthauses singt die Weltklasse-Mezzosopranistin Joyce DiDonato „In War & Peace: Harmony through Music“. In der zweitgrößten Oper, der Volksoper Wien, läuft das Musical „Der Zauberer von Oz“ von Harold Arlen.

Und in dem mit 1179 Zuschauern kleinsten Wiener Opernhaus, dem Theater an der Wien, eröffnet am 13. Juni 1801? Hier läuft Giuseppe Verdis herausragende Oper „Macbeth“ – uraufgeführt am 14. März 1847 am Teatro La Pergola in Florenz – in einem wunderschönen Saal, in dem schon Ludwig van Beethoven dirigierte, ja, der geniale Komponist aus Bonn lebte und komponierte sogar im Haus an der Linken Wienzeile im 6. Bezirk.

Es war eine richtige Entscheidung, an diesem Abend „Macbeth“ im Theater an der Wien zu sehen. Die Produktion war packend! Die Sänger waren – bei mitunter kleinen Schwächen – umwerfend gut! Das Orchester war sehr gut, der Chor Weltklasse.

Und das, obgleich österreichische Rezensenten nicht zimperlich mit diesem „Macbeth“ umgegangen waren. Diese Kritiker wurden an diesem Abend eines Besseren belehrt. Die Sänger, der Chor, der Dirigent, das Orchester gaben wirklich ihr Bestes. Die Inszenierung war stimmig und packend.

„Erfreulich, so ein Regisseur etwas wagt; schön, wenn ihm dabei Packendes, Überraschendes gelingt – es darf dann mitunter auch was auf hohem Niveau danebengehen“, hatte Der Standard zur Premiere geschrieben. „Bedauerlich jedoch, wenn Ambitionen karge Früchte tragen. Und doppelt unangenehm, wenn der Regisseur zugleich Intendant des Hauses ist und – wie Roland Geyer in seinem Theater an der Wien – auf die Bühne muss, um bei Macbeth einen Buhregen über sich ergehen zu lassen. Unschönes Bild – so ein ‚bestrafter’ Intendant. Ebendieses Bild wäre ein zureichender Grund, darüber nachzudenken, ob es lohnt, als Hausherr Regierisiken einzugehen. Der Regisseur kann den Intendanten sehr wohl beschädigen.“

Von einem „Buhregen“ war an diesem letzten Aufführungsabend nichts mehr zu hören. Zu hören war einhelliger Beifall mit zahlreichen Bravorufen!

Den meisten Beifall erhielt die Sopranistin Adina Aaron als Lady Macbeth. Sie hat sich durch ihre Auftritte als Tosca (Giacomo Puccini) und von den Verdi-Partien: Aida, Donna Leonora („La forza del destino“) und Luisa Miller an Opernhäusern wie Washington, Marseille, Köln, Stuttgart, Essen und bei den Wiesbadener Maifestspielen als vielversprechender Spinto-Sopran einen Namen gemacht. In Mailand folgen konzertante Aufführungen von George Gershwins „Porgy an Bess“ sowie eine Neuproduktion von „Aida“ am Théatre de La Monnaie Bruxelles.

An diesem Abend in Wien war sie großartig, hinreißend, bezaubernd! Was für eine strahlende Höhe. Was für eine phantastische Mittellage! Die US-Amerikanerin mit Modellmaßen hatte fast ein zu schönes Timbre – Giuseppe Verdi hatte eine schrille Lady Macbeth im Sinn – „ungestalt und hässlich“, mit einer „rauhen, erstickten, hohlen Stimme“, so Verdi wörtlich: Wahrhaftigkeit des Ausdrucks als oberstes künstlerisches Prinzip.

Allerdings hatte Adina Aaron vor allem in den ersten beiden Akten bisweilen Schwierigkeiten, einige Spitzentöne richtig anzusingen. Da war sie dann zu zögerlich und sang meist von unten an, so dass die Töne einen viertel bis halben Ton zu tief erklangen. Dieses kleine Problem hatte die Sopranistin aber nach der Pause fast vollständig abgestellt, und so durfte sie sich nach drei Stunden zurecht über begeisternden Beifall freuen.

Der Tod der Sopranistin im vierten Akt war ein wenig überraschend. „Adina Aaron entledigt sich ihres irdischen Daseins bühneneffektvoll durch Suizid, der besser zu Leo Delibes‘ ‚Lakmé’ oder Amilcare Ponchiellis ‚La Gioconda’ passt“, bemerkte der Wiener Opernkritiker Harald Lacina zurecht.

Der aus Rom stammende Bariton Roberto Frontali ist 58 Jahre alt. Er sang den Macbeth. Wow, der Italiener hat wirklich Wumms in der Stimme. Und da saß auch fast jeder Ton. Aber über das Timbre bis zur Pause konnte man durchaus streiten. Das war in den Akten 1 und 2 nicht immer schönste Italianità. Aber die Pause tat Frontali gut, und er lief zu bestechender Hochform auf. Blumen, wie Plácido Domingo sie in derselben Rolle am 20. November 2016 erhielt, bekam er nicht. Aber Domingo ist ja auch 75 und ein Weltstar, der 1990 als einer der „Drei Tenöre“ eine Milliarde Menschen beglückte.

Der slowakische Bass Stefan Kocan sang den Banquo, Feldherr in der Armee König Duncans, an diesem Abend sehr eindringlich, viril und präsent. Der 39 Jahre alte mexikanische Tenor Arturo Chacón-Cruz als Macduff, schottischer Adeliger, Lord of Fife, trug seine Macduff-Arie („O figli, o figli miei!“ / „O meine Söhne!“) im vierten Akt mit Verve vor. „Kleinere Unsauberkeiten zugunsten des positiven Gesamteindruckes fielen nicht sonderlich ins Gewicht“, bilanzierte der Wiener Opernkritiker Harald Lacina. „Der lyrische kolumbianische Tenor Julian Henao Gonzalez hingegen hatte als Duncans Sohn Malcolm an diesem Abend deutlich hörbare Intonationsprobleme.“

Die polnische Mezzosopranistin Natalia Kawalek-Plewniak brillierte vor allem bereits stimmstark im Sextett am Ende des ersten Aktes als Dama di Lady Macbeth.

Ja, und dann der wunderbare, stimmgewaltige Chor an diesem Abend – ein Chor, der auch hervorragend spielt. Der von Erwin Ortner Arnold Schönberg-Chor belebte die Szenerie als Hexen und Soldaten in einer ausgefeilten Choreographie von Peter Karolyi. Dieser Chor, den viele für Weltklasse halten, ist jung und spritzig. Von seiner Stimmkraft und Spielfreude können sich viele (oft überalterte) Opernchöre ein Scheibchen abschneiden.

Am Pult der Wiener Symphoniker stand der Franzose Bertrand de Billy. Der Pariser ist Ritter des französischen Ordre national de la Légion d’honneur, des Ordre national du Mérite und Ordre des Arts et des Lettres. Und auch für ihn fand Harald Lacina die richtigen Worte im Theater an der Wien: „De Billy zelebrierte einen schroffen, grellen, zeitweise sogar brutalen Verdi, bedacht darauf, dass die lyrischen Passagen nicht allzu gefühlsmäßig ausarteten.“

Andreas Schmidt, 25. November 2016
klassik-begeistert.at

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