Ein Meister der Tiefe – Mikhail Pletnev überzeugt in der Kölner Philharmonie

Mikhail Pletnev, Sergej Rachmaninow,  Kölner Philharmonie

Kölner Philharmonie, 4. Februar 2018
Mikhail Pletnev, Klavier

von Sarah Schindler

Mikhail Pletnev ist ein Meister seines Fachs. Bedächtig und zurückhaltend setzt sich der russische Pianist, der als einer der wenigen sogar auf Rachmaninows Flügel in der Schweiz spielen und mit selbigem eine CD aufnehmen durfte, an den Shigeru-Kawai-Flügel. Eines der bekanntesten Préludes (cis-Moll, op. 3,2) erklingt, und man wird sofort in den Klang hineingesogen. Wenn auch die erste Hälfte des Préludes etwas grobschlächtig daherkommt, so wird schnell klar, dass einem ein ganz besonderer Klavierabend bevorsteht.

Denn Pletnev versteht sich darauf, Rachmaninovs Einzelstücken auf eine ganz eigene Weise Leben einzuhauchen. Vielleicht fungierte das erste Prélude einfach auch als Warmmachen und Eingewöhnung auf das, was noch folgen sollte. Auf seine Interpretation mit all seiner faszinierenden Dehnbarkeit der Tempi muss man sich nämlich erst einmal einlassen können.

Und nicht nur das – der Pianist zwingt den Zuhörer durch das Aufbrechen der Hörerwartung genau hinzuhören. Er spielt regelrecht damit und fordert immer wieder dazu auf, sich mit dem Klang so auseinanderzusetzen, wie es zuvor nicht getan wurde. Melodien treten zurück, Mittel- und Basstöne treten hervor und fordern eine neue Art der Konzentration auf das Werk Rachmaninovs, was dem Komponisten nur gerecht wird. Gerade bei den beiden bekanntesten Préludes, cis-Moll und g-Moll, fällt auf wie sehr unsere Ohren eine Hörerwartung vorgeben. Denn Pletnev erfüllt diese Erwartung nicht, sondern zögert Klänge und Zusammenhänge im entscheidenden Moment hinaus. So sehr, dass es fast schon schmerzt.

Den Zuhörer genau da zu packen und dennoch nicht zu verlieren ist eine wahre Meisterleistung, und nur schwer löst man sich vom letzten Klang der Étude-Tableau in die Pause.

Sei es vielleicht dem ersten Satz der Sonate geschuldet, aber auch nach der Pause kommt wieder das Gefühl auf, dass Pletnev immer ein paar Minuten benötigt um wieder richtig in die Musik reinzukommen – beinahe plump wirkt der Einstieg und eben so ganz anders als alles andere, was man vom russischen Pianisten zuvor gehört hat. Sobald aber die ersten Takte erklungen sind, stellt sich schnell wieder der absolute Hörgenuss ein. Selbst bei einem so sperrigen Werk wie der ersten Sonate.

Das Fehlen von greifbaren Themen ist zwar genau das, was Pianisten vor dieser Sonate zurückschrecken lässt, Pletnev scheint aber gerade das anzutreiben. Es ist beeindruckend, wie er mit noch so kleinen Motiveinheiten spielt, sie zu seinen eigenen macht und ihnen somit eine unglaubliche Tiefe verleiht.

Er schafft es den Hörer in den Bann dieser Sonate zu ziehen und zieht einen Klangraum auf, der eine überzeugende Darstellung seiner Fähigkeiten zulässt. Trotz oder vielleicht gerade wegen der hohen Obertonlastigkeit und dem spannenden Nachhall des Flügels entsteht dank Pletnev eine Interpretation der Sonate, die herausragende Tiefe mit Brillanz verknüpft.

Mag manchem zwar der übermäßige Einsatz des Pedals zu viel geworden sein, so sorgen gerade diese langgezogenen Nachhall-Phasen für Spannungsaufbau. Pletnev spannt den Bogen von Anfang bis Ende und hebt den Klavierabend noch einmal auf ein ganz anderes Niveau. Dabei treibt er seine Faszination für Be- und Entschleunigung auf die Spitze, was auf beeindruckende Weise Hand in Hand mit seinem Hang fürs melodische Detail geht.

Beschäftigt man sich mit Rachmaninows Klavierwerk, so muss man offen sein für den verborgen liegenden Tiefgang, der in vielen seiner Werke schlummert. Dass sich die Mühe lohnt, bewies Pletnev und hinterließ einen erstaunlichen Eindruck.

Davon war auch das Publikum überzeugt, was sich im Beifall niederschlug und zu einer recht ungewöhnlichen Kombination von drei Zugaben führte. Von Beethovens C-Dur-Rondo (op. 51/1) über Liszts virtuosen „Gnomenreigen“ bis hin zu einer überaus humorvoll und pompös gestalteten Interpretation des Donauwalzers – Pletnev war es offenbar ein Anliegen zu zeigen, dass er noch viel mehr kann als Rachmaninov seine eigene Seele einzuhauchen.

Sarah Schindler, 6. Februar 2018, für
klassik-begeistert.de

Foto: © Alexey Molchanovska

Sergej Rachmaninow
Prélude cis-Moll op. 3,2 aus: Morceaux de fantaisie op. 3 (1892)
Elégie es-Moll op. 3,1 aus: Morceaux de fantaisie op. 3 (1892)
Polichinelle fis-Moll op. 3,4 aus: Morceaux de fantaisie op. 3 (1892)
Barcarolle g-Moll op. 10,3 aus:Morceaux de salon op. 10 (1893/94)
Humoresque G-Dur op. 10,5 aus: Morceaux de salon op. 10 (1893/94)
Prélude B-Dur op. 23,2 aus: 10 Préludes op. 23 (1903)
Prélude D-Dur op. 23,4 aus: 10 Préludes op. 23 (1903)
Prélude g-Moll op. 23,5 aus: 10 Préludes op. 23 (1903)
Prélude a-Moll op. 32,8 aus: 13 Préludes op. 32 (1910)
Prélude gis-Moll op. 32,12 aus: 13 Préludes op. 32 (1910)
Étude-Tableau c-Moll 39,7 aus: Études-Tableaux op. 39 (1916/17)
Sonate für Klavier Nr. 1 d-Moll op. 28 (1907)

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