Festspielhaus Baden-Baden:
Ausflug in märchenhaftes Kindsein

Peter Iljitsch Tschaikowsky, Der Nussknacker, Festspielhaus Baden-Baden

Festspielhaus Baden-Baden, 26. Dezember 2017
Peter Iljitsch Tschaikowsky, Der Nussknacker

Wassili Wainonen, Choreographie
Gavriel Heine, Dirigent
Simon Virsaladze, Bühnenbild
Mariinsky Ballett
Mariinsky Orchester

Viktoria Tereshkina, Mascha / Prinzessin
Timur Askerov, Der Nussknacker / Prinz
Andrei Yakovlev, Drosselmeier
Yaroslav Baibordin, Der Narr
Sofia Ivanova-Skoblikova, Die Puppe
Yevgeny Konovalov, Der Mohr
Soslan Kulaev, Der Mäusekönig

von Sebastian Koik

„Der Nussknacker“ wurde am Nikolaustag des Jahres 1892 im Mariinsky-Theater in St. Petersburg uraufgeführt. Die Version des Choreographen Wassili Wainonen aus dem Jahre 1934 wird heute immer noch getanzt – in St. Petersburg und seit zwanzig Jahren in Baden-Baden. Ganz besonders beliebt und erfolgreich ist „Der Nussknacker“ in den USA, wo er im Dezember bei praktisch jeder Ballettkompanie auf dem Spielplan steht und dort teilweise bis zu 50 Prozent der Jahreseinnahmen ausmacht.

Das Märchen ist beliebt bei Alt und Jung. Auch hier in Baden-Baden bei einem vorwiegend älteren Publikum in der Abendvorstellung ertönt beim Heben des Vorhangs und dem Auftauchen des großen Weihnachtsbaumes und der adretten Familienszenerie aus dem Saal ein staunendes und entzücktes kollektives „Ah“ und „Oh“.

Die aufwändigen Kostüme der jüngeren und älteren Menschen rund um den Baum sind sehr liebevoll gestaltet. Alles sieht einfach unwahrscheinlich hübsch aus! Eine friedliche Szenerie, die einen wunderbar aus dem Alltag heben kann. Es sieht aus wie in einer prächtigen Puppenstube. Der Zuschauer wird in eine Märchenwelt entführt.

Im zweiten Akt kommt es zu einer Schlacht zwischen Zinnsoldaten und Mäusen. Die Kostüme sind überzeugend märchenhaft. Die Handlung ist einfach. Das ist der Punkt, der das Publikum spalten wird. Viele lieben diese märchenhafte und unkomplizierte Reise in die Märchenwelt. Manch‘ einem wird das vermutlich zu simpel und veraltet erscheinen. Für Freunde moderneren Balletts ist der Tanz vielleicht nicht raffiniert genug in die Handlung integriert.

Im ersten Akt werden die Geschichte erzählt und dem Auge schöne Bilder präsentiert. Tänzerische Köstlichkeiten gibt es hier noch wenig. Im zweiten Akt gewinnt das Tänzerische an Gewicht. Und im dritten Akt wird nur noch getanzt. Es ist ein einziges großes Tanzfest mit einem langen Pas de deux der beiden Hauptfiguren.

Das Orchester unter der Leitung von Gavriel Heine präsentiert eine schöne Ouvertüre, herrliche dramatisch-dynamische Passagen im zweiten Akt und Leidenschaft und Schönheit im dritten Akt. Aber sonst ist das Orchester nicht immer tadellos. Während die Streicher sich immer herrlich schön und zart, die Blechbläser meist edel röhrend zeigen, geraten die Flöten gelegentlich zu schrill, kommt die Perkussion oft zu spät und insgesamt stimmt in manchen Momenten das Timing nicht.

Gavriel Heine gelingt nicht die Spritzigkeit, die Klasse und Tiefe der musikalischen Ausgestaltung wie seinem Dirigenten-Kollegen Alexei Repnikov (Romeo und Julia), doch wenn der Ballettabend im dritten Akt beim Pas de deux seinen Höhepunkt erreicht, ist auch das Orchester unter Heines Führung voll da – auf seinem Zenit und berührt mit seiner Kunst.

Mariinsky Ballett, Sergei Prokofjew, Romeo und Julia, Festspielhaus Baden-Baden

Viktoria Tereshkina als Mascha und Prinzessin und Timur Askerov als der Nussknacker und Prinz zeigen hohe Sprünge, Athletik und überzeugen durch eine schöne Darstellung. Viktoria Tereshkina begeistert mit herrlicher Leichtfüßigkeit und schönen Drehungen, ist höchst grazil in den Bewegungen der Arme und Hände. Beide schenken dem Publikum ein wunderbares Dauerlächeln und entzücken mit ihrem Charme.

Es ist schade, dass man diese rosa-violette Welt nach dieser schönen Märchenreise wieder verlassen muss. Danke Mariinsky-Ballett und danke Festspielhaus Baden-Baden für diesen Ausflug in märchenhaftes Kindsein.

Sebastian Koik, 27. Dezember 2017, für
klassik-begeistert.de

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