Elbphilharmonie: So ein Strauss darf schon mal überkandidelt sein

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Michaela Kaune, Wilhelm Schwinghammer, Marek Janowski, Richard Strauss  Elbphilharmonie, Hamburg

Richard Strauss
Schlussszene aus Capriccio op. 85
Eine Alpensinfonie op. 64
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Michaela Kaune, Sopran
Wilhelm Schwinghammer, Bass
Marek Janowski, Dirigent
Elbphilharmonie Hamburg
, 5. November 2017

von Leon Battran
Foto: Felix Broede

Gleich zwei Höhenflüge des 20. Jahrhunderts präsentierten Marek Janowski und das Philharmonische Staatsorchester Hamburg im zweiten Philharmonischen Konzert dieser Saison in der Elbphilharmonie. Einmal Musiktheater, einmal Sinfonie – zweimal Richard Strauss mit zwei finalen Werken: seiner letzten Oper Capriccio und der eindrucksvolle Tondichtung Alpensymphonie.

Das Konzert startet in reduzierter Besetzung mit der Introduktion zu Strauss‘ letzter Oper Capriccio. Auch wenn zunächst nur ein Streichsextett spielt – das romantische Odeur stimmt und fasziniert von der ersten Note an, wenn Ideen, Melodien, Seufzer scheinbar ohne Atempause immer höher wirbeln und in immer wieder neue tonale Gefilde vordringen. Dieses Sextett erklingt mit ganz viel Gefühl, geführt vom weichen, aber energischen Strich des Konzertmeisters. Eine duftige Wolke aus Klang und Glückseligkeit.

In der kammermusikalischen Akkuratesse des Sextetts ist gewissermaßen auch schon die epische Breite des gewaltigen Klangapparates spürbar, der um die sechs Spieler herum auf der Bühne schweigend positioniert ist und sich schließlich auf Janowskis Wink hin erhebt und entfaltet. Die Stimmung, die Farben, das Schimmern, die Faszination – das alles ist da, endlich auch die orchestrale Wucht.

Die Hamburger Sopranistin Michaela Kaune gab die Hauptpartie der Gräfin Madeleine. Die Basspartie des Haushofmeisters sang Wilhelm Schwinghammer, der viele Jahre lang im Ensemble der Staatsoper Hamburg gesungen hat.

Großes Exklusiv-Interview mit dem Bass Wilhelm Schwinghammer, Hamburg, Berlin, Wien

Meckern möchte man nicht nach der Darbietung dieser Szene, Luftsprünge vollführen aber auch nicht. Die übersichtliche Partie des Haushofmeisters gibt Wilhelm Schwinghammer sehr solide, mit gewohnt edel-sonorem Bass-Timbre.

Michaela Kaunes Gräfin strotzt vor Dramatik. So ein Strauss darf auch schon mal etwas überkandidelt daherkommen. Vor allem die zahlreichen ausgedehnten Höhen machen diese Partie anspruchsvoll und kraftaufwendig. Ein bisschen Kämpfen scheint dazuzugehören. Die Spitzentöne nimmt die Sopranistin mit dick aufgetragenem Vibrato. Letztendlich treibt einem dieser Auftritt aber weniger die Tränen in die Augen als das dick aufgetragene Parfüm der Sitznachbarin. Das Publikum ist zufrieden: Respektvoller Applaus, besonders für Michaela Kaune.

Zum Glück gibt es nach der Pause reichlich Sauerstoff zu atmen, wenn es die Zuhörer mit Strauss‘ Alpensymphonie wiederum in luftige Höhen verschlägt. Einigen scheint die Bergluft jedoch nicht so gut zu bekommen. So kommt es, dass sich zu Beginn über den dunklen Orchester-Klangteppich und die herabsinkende b-Moll-Skala zunächst ein Hustenschauer ergießt, bis man die Sonne über dem Gipfel zu erspähen vermeint und das majestätische Berg-Thema in bester Hollywood-Filmmusikmanier aufblüht und erstrahlt.

Bis hierher bietet das Philharmonische Staatsorchester reine Perfektion und puren Genuss. Das ist Musik; ist Kraft, Licht und Energie – zudem packender als jeder alpiner Abenteuerspielfilm. Erst gegen Ende des Stücks fällt die eine oder andere klangliche Unschärfe ins Gewicht.

Diese sinfonische Dichtung spart an programmatischen Effekten nicht: Die Windmaschine läuft auf Hochtouren, zudem rüttelt der Schlagwerker manisch am Donnerblech und lässt Kuhglocken in pastoraler Seligkeit bimmeln.

Man möchte sich im warmen Glanz der mächtigen Melodiebögen am liebsten aalen wie im Sonnenschein. Musik, süß und klarflüssig wie Nektar, mit dem uns der Imker Janowski und sein fleißiges Philharmonisches Staatsorchester Hamburg beschenken. Stellenweise überrascht der Komponist auch mit einem merklich dissonanten Tonsatz, der den Orchestermusikern ein Höchstmaß an spielerischer Genauigkeit abverlangt.

Kent Naganos MusikerInnen vom Philharmonischen Staatsorchester befinden sich bei Marek Janowski in den besten Händen. Der gebürtige Warschauer stellte unter Beweis, dass er zurecht als Experte des deutschen Repertoires gilt. Nicht umsonst leitet der 78-Jährige immer wieder renommierte Aufführungen wie Richard Wagners Ring des Nibelungen bei den diesjährigen Bayreuther Festspielen.

Kein allzu ausgelassener, aber sehr respektvoller und langanhaltender Applaus krönte diese spannungsreiche musikalische Darbietung. Das waren sehr viele farbenfrohe Eindrücke zur Kaffeezeit an so einem trüben Sonntagmittag.

Das Konzert wird am Montag, 6. November um 20 Uhr in der Elbphilharmonie wiederholt. Mit Glück gibt es Restkarten an der Abendkasse.

Leon Battran, 5. November 2017, für
klassik-begeistert.de

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