Messerscharf bis butterweich: Der Pianist Piotr Anderszewski glänzt in der Elbphilharmonie

Piotr Anderszewski, Bach, Chopin, Janáček,  Elbphilharmonie, Hamburg

Piotr Anderszewski, Klavier
Elbphilharmonie, Großer Saal, 17. September 2017
Johann Sebastian Bach – Englische Suite Nr. 3, g-Moll (BWV 808)
Frédéric Chopin – Drei Mazurken, op. 56
Frédéric Chopin – Polonaise-Fantaisie, As-Dur, op. 61
Leoš Janáček – Po zarostlém chodníčku (Auf verwachsenem Pfade)/Reihe II
Johann Sebastian Bach – Englische Suite Nr. 6, d-Moll (BWV 811)

von Ricarda Ott

Unaufgeregt und zielstrebig betrat Piotr Anderszewski die Bühne. Eine kurze Verbeugung, noch halb im Gehen, dann setzte er sich an den weit geöffneten Konzertflügel und begann ohne gekünsteltes Innehalten mit dem Konzert.

Dieser scharfe Start im Großen Saal der Elbphilharmonie machte deutlich, wie ausschließlich sich der polnisch-ungarische Pianist an diesem Abend der Musik widmen wollte, den Klängen großer Komponisten. Klänge, die von seiner ehrlichen, feinfühligen und präzisen Spielweise von abstrakter Notation zu etwas physikalisch Erfahrbarem wurden. Unmittelbar breiteten sich herrliche Klänge im Saal aus, und wer die Augen schloss, konnte sich zeitweise ganz darin verlieren.

Wieso Johann Sebastian Bach (1685-1750) seinen (insgesamt sechs) Englischen Suiten diesen Titel gab, ist den Musikforschern bis heute ein Rätsel. Wollte er mit ihnen auf dem englischen Musikmarkt punkten oder waren sie Ausdruck und Anlehnung englischer Komponisten-Vorbilder? Und wieso eigentlich „Suite“? Zugegeben: die typische Abfolge französischer Tanzsätze ist gegeben. Jedoch klingen Allemande, Sarabande, Gigue und Co. viel mehr nach wunderbar kunstvoll virtuosem Soloprogramm, denn nach unterhaltsamer Tanzmusik barocker Herrschaftssäle. Nun, es bleibt ein Rätsel und nicht zuletzt auch Auslegungssache.

„Kunstvoll virtuoses Soloprogramm“ war jedoch bei diesem Solisten genau das richtige. Anderszewski spielte durchgehend auswendig, wirkte dabei konzentriert und auch ein bisschen in sich gekehrt. Trotzdem – oder vielleicht schöpft er gerade daher die Kraft? – richtet sich sein Spiel demonstrativ an das Publikum. Klar konturiert kommen seine Anschläge von messerscharf bis butterweich. Der 48-Jährige spielt die zahnradartigen Läufe, die kantablen Phrasen mit Pathos, schlägt die Tasten mit insistierender Vehemenz und beeindruckt nicht nur mit erwartbarer technischer Fähigkeit, sondern vor allem mit seiner sensiblen, musikalisch schlüssigen Interpretation.

Dabei kostet er die weitläufige Akustik des Saals genussvoll aus, er spielt mit ihr: ausgiebige rubati, eine spannende Dramaturgie der Dynamiken, Zäsuren oder pausenlose Übergänge wechseln sich stimmig ab.

Zwischen der „Bach-Klammer“, bestehend aus den beiden jeweils über 20-minütigen Suiten Nr. 3 und Nr. 6 am Anfang und am Schluss des Programms, stehen zwei Werke Frédéric Chopins (1810-1849) und eines von Leoš Janáček (1854-1928). Herrliche Kontraste sind das, die zum Schluss vom musikalischen „Übervater“ Bach wieder eingefangen und zusammengeführt werden.

Melancholisch und nostalgisch verträumt erklingen die Drei Mazurken Chopins. Nichts Neues, ist das Werk Chopins doch mindestens so eng mit dem Begriff instrumentaler Romantik verbunden wie die Finger Anderszewskis mit der Tastatur. „Chopins Werke sind unter Blumen eingesenkte Kanonen“, sagte einst Robert Schumann über die Werke des polnischen Komponisten, und so sind auch die Mazurken typisch polnische Musikstücke, berührend schön und doch tiefgründig, nie trivial. Anderszewski formt den Verlauf der Komposition in seinen Händen, er schwelgt in der teils avancierten Harmonik, realisiert organisch die rhythmischen, teils aufschrecken lassenden Ausbrüche.

Bei der Polonaise-Fantaisie ist der Pianist ganz Meister dieser musikalischen Gattung. Kein Wunder: auf seiner jüngsten CD-Veröffentlichung hatte sich der renommierte Pianist den Fantasien Mozarts und Schumanns gewidmet und dafür großes Lob geerntet. Ganz taucht er ein in diese, nach der Fertigstellung im Jahr 1846 zunächst ob ihrer formellen und harmonischen Komplexität als sperrig empfundenen Komposition. Energiegeladen spannt er die unterschiedlichen Phrasen auf, Phrasen zwischen freiem Fantasieren und energischen Polonaise-Elementen.

Leoš Janáčeks selten gespielter Zyklus „Auf verwachsenem Pfade“ (ursprünglich für das Harmonium komponiert) kann als „pianistisches Tagebuch“ angesehen werden. Schmerzliche Erlebnisse, unter anderem den Tod seiner erst 20-jährigen Tochter im Jahr 1903, verarbeitete der teils schwer depressive Komponist musikalisch. Es entstanden eine Reihe kurzer Stücke, quasi musikalisch gewordene Erinnerungen.

Auch hier erreicht der in Warschau geborene Pianist durch sein feinfühliges Interpretieren pure Emotionalität aus der Partitur heraus. Janáčeks Erinnerungen und Gedanken gleich erklingt die Musik melancholisch, von zerstörerischer Traurigkeit durchsetzt, in Reminiszenzen verharrend.

Dass Anderszewski in den größten Hallen, mit den besten internationalen Orchestern zusammenspielt, CDs aufgenommen und zahlreiche renommierte Preise erhalten hat, verdeutlicht die weltweite und doch auch immer noch zurückhaltende Anerkennung dieses Künstlers. An diesem Abend zeigte sich aber auch, wie angenehm zurückhaltend er selbst dabei auftritt. Wenn nun solch überzeugend präsentierte Musik den Abend füllt, dann kann es nur ein gelungenes Konzert gewesen sein!

Ricarda Ott, 18. September 2017, für
klassik-begeistert.de

2 Gedanken zu „Piotr Anderszewski, Bach, Chopin, Janáček,
Elbphilharmonie, Hamburg“

  1. Vielen Dank für diesen sehr treffenden Bericht und auch die Beschreibung der Persönlichkeit Anderszewskis, die mich ebenfalls beeindruckt hat: unprätentiös, fast schüchtern, konzentriert, der Musik verschrieben.

    Seine Interpretationen waren durchaus eigenwillig. Weniger, aber auch, bei Bach, umso mehr bei Chopin und Janacek. Die düstere und tief melancholische Stimmung des Zyklus unterbrach Anderszewski deutlicher als andere Interpreten, beispielsweise in dem kindlich-freudigen 3. Satz („Kommt mit!“). Auch die Polonaise-Fantasie habe ich so zart interpretiert vorher noch nicht gehört.

    Es war ein phantastischer Abend und ein weiterer Beweis für die überragende Akustik des Großen Saals, die auch in 80 Metern Entfernung zum Instrument jede Nuance erfahren ließ.

    Torsten Behle
    1. Vorsitzender des Symphonischen Chores Hamburg

  2. Die Bezeichnungen der einzelnen Bach’schen Suiten-Sätze mit Tanznamen sind mir auch schon immer ein Rätsel gewesen. Mir will sich bei dieser Musik einfach nicht das Gefühl des Tanzens offenbaren. Nicht nur bei den virtuoseren englischen Suiten, sondern bei einigen französischen, obgleich diese schon viel eher zum Tanzen animieren dürften.

    Bis jetzt dachte ich immer ich sei mit dieser Meinung alleine auf weiter Flur – so kann man sich täuschen!
    Jürgen Pathy, klassikpunk.de

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.