München: Malerei rebelliert leise, Musik laut

Polnisches Festkonzert zur Ausstellung „Stille Rebellen. Polnischer Symbolismus um 1900“  Herkulessaal, München, 1. Juni 2022 

Hansjörg Albrecht, der Karol Szymanowski zu seinen Lieblingskomponisten zählt, dirigierte dieses Werk mit Sensibilität und Präzision, wobei er die dynamischen Proportionen zwischen Chor, Orchester und Solisten richtig verteilte. Das polnisch-deutsch-ukrainische Publikum belohnte die Künstler mit einem warmen Applaus.

Foto: Tomasz Filiks/IAM@IAM

Herkulessaal, München, 1. Juni 2022

Polnisches Festkonzert zur Ausstellung „Stille Rebellen. Polnischer Symbolismus um 1900“

Hansjörg Albrecht, Dirigent
Münchner Symphoniker

European Festival Chor & Münchener Bachchor

Solisten:

Szymon Nehring, Klavier
Evelin Novak, Sopran
Christa Mayer, Alt
Tomasz Konieczny, Bassbariton

von Jolanta Łada-Zielke

„Stille Rebellen“ sind die Helden der am 25. März in der Kunsthalle München eröffneten Ausstellung, die rund 130 Werke polnischer Maler von 1890-1918 präsentiert. Dazu gehören historische Gemälde von Jan Matejko, Allegorien von Jacek Malczewski, Porträts von Olga Boznańska und Władysław Ślewiński und Landschaften von Ferdynand Ruszczyc. Zum ersten Mal in Deutschland ist eine so umfangreiche Sammlung polnischer Kunst aus der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zu sehen.

Polnische Maler brachten ihren Widerstand gegen die Teilung ihres Landes, das 1795-1918 unter der Herrschaft von Russland, Preußen und Österreich stand, und ihre Sehnsucht nach einer freien, geeinten Heimat mit Hilfe von Gemälden zum Ausdruck. Einige von ihnen agierten im Ausland, in Berlin, München, Paris, Sankt Petersburg und Wien und holten sich die Inspiration aus den lokalen künstlerischen Kreisen. Die Botschaft dieses Kulturevents bezieht sich außerdem auf den Krieg in der Ukraine, gegen den wiederum zeitgenössische Künstler rebellieren. Die Ausstellung hat die Kunsthalle München in Zusammenarbeit mit dem polnischen Adam-Mickiewicz-Institut und Filialen des Nationalmuseums in Warschau, Krakau und Poznań vorbereitet.

Das den Event begleitende Festkonzert „Stabat Mater“, das am 1. Juni im Herkulessaal in München stattfand, organisierte die Gesellschaft Arte-Musica-Poetica mit. Das Programm des Konzerts harmonierte perfekt mit dem Thema der Ausstellung, weil es polnische Werke zum Thema Krieg, Tod und nationaler Befreiungskampf sowie ein klassisches ukrainisches Stück enthielt. Auf der Bühne traten Künstler aus Deutschland und slawischen Ländern auf, begleitet von den Münchner Symphonikern unter der Leitung von Hansjörg Albrecht.

Der Star des ersten Teils des Abends war der Pianist Szymon Nehring aus Krakau. Zunächst spielte er die Elegie op. 41 Nr. 3 von Mykola Lysenko (1898-1976), einem Vertreter des ukrainischen Modernismus in der Musik. Mit diesem kurzen, slawisch-impressionistischen Stück versetzte der Pianist das Publikum in eine nachdenkliche Stimmung, die durch das Konzert Nr. 1 e-Moll op. II von Frédéric Chopin noch vertieft wurde. Die Uraufführung dieses Werks fand am Vorabend des Novemberaufstands von 1830 gegen die russischen Besatzer statt. Nehring, der Sieger des legendären Arthur-Rubinstein-Klavierwettbewerbs, spielte mal subtil mit sanfter Berührung der Tastatur, dann wieder leidenschaftlich und dramatisch.

Tomasz Filiks/IAM@IAM

Es war schön zu sehen, wie der Dirigent dem Spiel des Pianisten lauschte, den Klang aufgriff und sein letzter Ton nahtlos mit dem Orchesterklang verschmolz. Hansjörg Albrecht, voller Temperament und Charisma, hat ein ausgezeichnetes Gespür für slawische Musik. Es reicht nämlich nicht, nur aus der Partitur zu spielen; man muss ihre „Seele“ begreifen und fühlen. Albrecht erfüllt diese Bedingung perfekt: Er widmet sich ganz der Musik, hält gleichzeitig das Orchester in Zaum und führt es nicht nur mit den Händen, sondern mit dem ganzen Körper, manchmal fast tanzend.

Mit seiner Interpretation von Chopins Musik verzauberte Szymon Nehring sogar die Musiker des Orchesters, die mit Begeisterung seinen Soli zuhörten. Dann stimmten sie dezent in den Applaus des Publikums ein. Als Zugabe spielte der Pianist eine von Karol Szymanowskis Mazurkas aus dem op. 50.

Nach der Pause erklang zuerst die Symphonie Nr. 4, op. 61 von Mieczysław Weinberg (1919–1976), deren Uraufführung 1961 in Moskau stattgefunden hatte. Das Werk enthält typische Merkmale einer Suite und eines Solokonzerts. David Fanning, Autor der Weinberg-Biografie, vergleicht den ersten Teil – Allegro – mit dem „Marsch der Zinnsoldaten[1]. Dieser Satz hat einen militärischen Charakter, man hört viel Pauken und Pizzicato von Streichern. Die Partien der Blasinstrumente sind „kleine, freche Militärfanfaren“. Im zweiten Satz – Allegretto – zieht das Solo des Konzertmeisters die Aufmerksamkeit auf sich; er spielt nämlich auf gedämpften Geigensaiten. Im Adagio, Andantino greift die Klarinette jüdische Melodien auf, wie aus der Klezmer-Musik entnommen, jedoch zwölftönig bearbeitet. Dieser Teil endet unerwartet in einer extrem tiefen Lage, als hätte jemand den Klang des Orchesters erstickt; dies ist eine klare Anspielung auf den Holocaust. Das Leitmotiv des letzten Satzes der Symphonie – Vivace – ist das russische Volkslied „Perepelotschka“.

Die Krönung des Abends war Karol Szymanowskis Oratorium „Stabat Mater“ op. 53. Die Chorpartien sangen der European Festival Choir und ausgewählte Mitglieder des Münchener Bachchors, die die polnische Aussprache des Textes von Józef Jankowski zufriedenstellend beherrschten.

Die kroatische Solistin der Staatsoper Berlin Evelin Novak, führte das Publikum mit einem zartweichen und zugleich bewegenden Klang ihres Soprans in die Atmosphäre von Golgatha ein. Ihre deutsche Kollegin, die Mezzosopranistin Christa Mayer, vertiefte diesen Eindruck. Sie verdient eine große Verbeugung, denn sie sprach die polnischen Wörter sorgfältig aus, ohne dass etwas von der Musikalität verloren ging. Als Tomasz Konieczny den Satz „I któż widział tak cierpiącą…” (Und wer hat sie so leidend gesehen)anfing, erfüllte sein dramatischer Bassbariton den ganzen Raum und begeisterte das Publikum.

Tomasz Filiks/IAM@IAM

Mayer und Konieczny sind Wagnersänger, die schon seit Jahren in Bayreuth auftreten. Früher habe ich mich gefragt, ob solch „riesige“ Stimmen zu diesem Oratorium passen, das von der polnischen Renaissance- und Folkmusik der Tatra inspiriert ist. Szymanowski mochte Wagner grundsätzlich nicht und betrachtete sein Werk als „Triumph des deutschen Imperialismus“, aber er schätzte und liebte die Oper „Tristan und Isolde“[2].

(c) JLadaZielke

Die Münchner Aufführung von „Stabat Mater“ erinnerte mich an den dritten Akt, in dem der sterbende Tristan die Erinnerung an seine Mutter aufruft.

Jetzt bin ich restlos überzeugt, dass Wagnerstimmen auf einem so asketischen Hintergrund perfekt den Schmerz über einen Kindesverlust und die Bereitschaft, mit der Mutter Christi zu leiden, vermitteln. Die Zuhörer dachten dabei sicherlich an ukrainische und russische Mütter, die ihre Kinder in diesem sinnlosen Krieg heute verlieren.

Auch Hansjörg Albrecht, der Karol Szymanowski zu seinen Lieblingskomponisten zählt, dirigierte dieses Werk mit Sensibilität und Präzision, wobei er die dynamischen Proportionen zwischen Chor, Orchester und Solisten richtig verteilte. Das polnisch-deutsch-ukrainische Publikum belohnte die Künstler mit einem warmen Applaus.

Die Ausstellung „Stille Rebellen. Polnischer Symbolismus um 1900“ ist noch bis zum 7. August in der Kunsthalle München zu sehen, aber ihr Begleitkonzert ist auf jeden Fall wiederholungswert.

Jolanta Łada-Zielke, 7. Juni 2022, für
klassik-begeistert.de und Klassik-begeistert.at

[1] [1] David Fanning, Mieczysław Weinberg – Auf der Suche nach Freiheit, Wolke Verlag Hofheim 2010, S. 111-112

[2] Karol Musioł, Wagner und Polen, Mühl‘scher Universität Bayreuth, S.39-40

Buchbesprechung „Mieczysław Weinberg. Auf der Suche nach Freiheit“ klassik-begeistert.de

Konzert zu „Stille Rebellen“ – Polnischer Symbolismus um 1900 München, Herkulessaal, 1. Juni 2022

Ladas Klassikwelt 65: Eine musikalische Amerikareise – das Album „From the New World“ von Hansjörg Albrecht

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