Ein Vormittag voller Vitalität und Machismus, Heimweh, Nostalgie und unbändiger jugendlicher Kraft

Richard Strauss, Don Juan / Tondichtung nach Nikolaus Lenau op. 20
Antonín Dvořák, Konzert für Violoncello und Orchester h-Moll op. 104
Erich Wolfgang Korngold, Sinfonietta H-Dur op. 5
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Julian Steckel Violoncello
Lorenzo Viotti Dirigent
Elbphilharmonie, 26. März 2017

von Ricarda Ott

Das war ein hochromantischer Konzertvormittag und wieder einmal eine fabelhafte Leistung des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg unter der Leitung des Gastdirigenten aus der Schweiz Lorenzo Viotti und dem Solisten Julian Steckel.

Dabei wurde einmal mehr deutlich, dass Musik wohl der ästhetischste Ausdrucksträger menschlicher Empfindung ist. Es geht um Vitalität und Machismus, um Heimweh und Nostalgie und unbändige jugendliche Kraft. Hier wird eine ganze Bandbreite der Gefühle zu einem musikalischen Genuss für den Konzertbesucher.

Mit den ersten wilden Takten der kraftstrotzenden Don Juan-Tondichtung (1888) von Richard Strauss hatte das Orchester die Aufmerksamkeit des Publikums direkt gebündelt. Was Igor Strawinsky als einen „Überfall“ bezeichnete, sind tatsächlich überfallartig viele Noten auf einmal: Sieben Sekunden dauern die ersten sieben Takte, das sind es etwa 16 Noten pro Sekunde!

Don Juan ist wieder auf der Jagd nach Frauen. Markant und energisch eröffnen Paukenschläge das Hauptthema, die Musik schraubt sich dem Pulsschlag und den Emotionen des Frauenhelden gleich gen Himmel, fällt dann wieder in rasantem Tempo ab und wirbelt durch die Tonarten in einzigartigen und fast unendlichen Phrasen.

Dazwischen klingen immer wieder die Stimmen seiner weiblichen Eroberungen durch – ein zerbrechliches Solo der 1. Geige, zarte Klänge der Flöte, dann eine kleine verliebte Melodie der Oboe. Doch die Musik gehört ganz alleine dem größten Macho der Musikgeschichte, der letztendlich feststellen muss, dass auch seine Jugend vergeht: ein großes letztes Crescendo, eine irre lange Generalpause, und der Spuk ist vorbei.

Die Musiksprache Strauss‘ ist faszinierend, die Art und Weise, wie er Ausschnitte der textlichen Vorlage von Nikolaus Lenau mit in die Musik einwebt, verblüffend. Dabei soll jedoch der programmatische Inhalt keineswegs dominieren. Strauss selbst sagte: „Wer wirklich Musik zu hören versteht, braucht es wahrscheinlich gar nicht.“ Und so bietet die Strauss’sche Komposition zwar auf faszinierende Weise einen inhaltlichen Assoziationspunkt, bleibt aber gleichzeitig auch immer ein frei interpretierbarer Ausdrucksträger.

Die Uraufführung in Weimar 1889 brachte damals einen Riesenerfolg für den damals 25 Jahre alten Strauss, und auch an diesem Vormittag ist das Publikum begeistert: Bravo-Rufe für diese mitreißende Interpretation.

Eine kurze Umbaupause – die 1. Geigen machen Platz für den Solisten – und es geht weiter: das Cellokonzert h-moll (1894-95) von Antonin Dvorák, gespielt von Julian Steckel. Was für ein musikalischer Genuss, was für ein wunderschönes Instrument, das an diesem Vormittag zum dahinschmelzen schön von Steckel gespielt wurde.

In seinem Cellokonzert ging es dem kurz zuvor nach Amerika ausgewanderten Dvorák um die verlorene böhmische Heimat, um die zurückgelassenen Kinder und den Tod seiner Jugendliebe: tiefste Gefühle der menschlichen Seele, die er hier in Musik zu setzen vermochte. Und dafür scheint kaum ein Instrument besser prädestiniert zu sein, als das Violoncello!

Weich umspült von den Klängen des Orchesters drückt Steckels Spiel die reinste Nostalgie und Sehnsucht aus. Egal ob sich die Töne eng aneinander aus dem Griffbrett drängen oder wie Seidenbänder aus dem Corpus fliegen – das ist bittersüße und wunderbare Celloliteratur.

Ja, das Orchester umspült den Solisten wirklich. Die Übergänge laufen so harmonisch, so nahtlos als würden die Töne identisch intoniert einfach weitergegeben werden. Und auch sonst sitzt die Rolle beim Orchester, das der junge Viotti zurückhaltend aber überzeugend führt.

Und nach langanhaltendem Applaus für den Solisten, machte der den Zuhörern noch ein kleines Geschenk: er spielte wunderbar frisch den allseits bekannten Marsch von Sergei Prokofjew. Bravo für diesen Auftritt!

Zu guter Letzt dann Musik des österreichischen Ausnahmetalents Erich Wolfgang Korngold. Gespielt wurde die Sinfonietta op. 5 (1912-1913) für (riesen-)großes Orchester, die Korngold im zarten Alter von nur 14 Jahren komponiert hatte. Schon als Kind beeindruckte er die großen Komponisten Engelbert Humperdinck, Gustav Mahler und Richard Strauss und wurde schon früh als großes Talent am Komponistenhimmel gehandelt.

Korngolds Musik ist voll ansteckender Begeisterung, jugendlicher Heiterkeit und Zuversicht. Dabei beherrscht er die Parameter verblüffend gut, kombiniert die Instrumentengruppen formal und klanglich absolut originell. Spannend auch, wie seine Musik zu changieren vermag zwischen tief romantischer, verträumter Symphonik und teils bizarren, deutlich vorwärtsweisenden Elementen.

Auffallend ist dabei, wie dominierend die Empfindungen der heiteren Sorglosigkeit und naiven Zuversicht die Musik in ihrem Ausdruck prägen. Die Sinfonietta wird zu einer Bestandsaufnahme der jugendlichen Psyche, der differenzierte und komplexe Gefühlsgegenden noch fremd waren. Und vermutlich ist es neben dem rein technischen Talent Korngolds genau das, was so begeistert: Musik wird auch hier zum komplexesten und ästhetischsten Ausdrucksträger, zum wortlosen Vermittler zwischen Komponist und Publikum.

War die Leistung des Orchesters bis zuletzt einwandfrei gewesen, mangelte es bei der Sinfonietta mehrmals an der genauen Absprache zwischen Dirigent und Musikern. Und auch im 4. Satz trübten die unsauber intonierten Flöten eine ansonsten erneut großartige Leistung des Orchesters. Trotzdem – ein symphonischer Genuss mit ergreifender Musik an diesem Sonntagvormittag.

Ricarda Ott, 27. März 2017
für klassik-begeistert.de

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