Diese Barrie-Kosky-Inszenierung sollte im oft viel zu braven München keine Seltenheit bleiben

Richard Strauss, Die Schweigsame Frau, Barrie Kosky  Bayerische Staatsoper

Richard Strauss, Die Schweigsame Frau
Bayerische Staatsoper, München, 12. November 2017
Musikalische Leitung, Stefan Soltesz
Inszenierung, Barrie Kosky
Sir Morosus, Lars Woldt
Henry Morosus, Pavol Breslik
Aminta, Branda Rae
Bayerisches Staatsorchester
Chor der Bayerischen Staatsoper

von Raphael Eckhardt

Mit seiner einzigen komischen Oper hat Richard Strauss der Musikwelt nicht nur ein „geistvolles Intrigenstück“, sondern auch eine Musikkomödie von meisterhafter Qualität hinterlassen. Der heiratswillige, aber geräuschempfindliche Sir Morosus, der durch eine Intrige seines Neffen Henry zunächst verehelicht und dann vom Heiratswunsch kuriert wird, verkörpert immerwährende Gesellschaftskritik auf beinahe karikaturistische Weise.

Freilich, die „Schweigsame Frau“ darf man als Gesamtkonzept durchaus als künstlerische Parodie auf aktuelle Gesellschaftsthemen bezeichnen, wie man sie zur Klatsch- und Tratschzeit in Münchner U-Bahnen nur all zu oft vernehmen kann. Das Paradoxe daran? So komisch das Werk auf den ersten Blick auch wirken mag, so ernst und verstörend ist es auf den zweiten.

An der Bayerischen Staatsoper wird Richard Strauss seit vielen Jahren als Heimspiel zelebriert. Selten aber in einer historischen Feinfühligkeit wie an diesem Abend. Dem australischen Regisseur Barrie Kosky sei dank!

Komödie wird zum Ernstfall, turbulente musikalische Elemente verschmelzen zu einem riesigen, hochsensiblen Komplex aus feinen Zahnrädern. Schon die Umstände ihrer Entstehung und Uraufführung sind alles andere als komisch: Nach dem unerwarteten Tod Hugo von Hoffmannsthals 1929 hegte der damals 65 Jahre alte Strauss ernste Zweifel, ob es nach „Arabella“ noch eine Fortsetzung für sein Bühnenwerk geben könne. Da war es dann ein unverhoffter Glücksfall für die Musikwelt, dass Strauss 1931 den Librettisten Stefan Zweig traf, dem er schließlich sogar bescheinigte, er habe „das beste Libretto für eine opera comique seit dem Figaro“ geliefert.

Die Freude über die neue Künstlerpartnerschaft wurde durch die Nationalsozialisten rasch getrübt: Der „Propagandaminister“ und „Präsident der Reichskulturkammer“ Joseph Goebbels wollte das späte Bühnenwerk von Strauss als kulturpolitisches Propagandamaterial nutzen. Einzig der Name des Librettisten, eines, so Goebbels Unworte, „unangenehm talentierten Juden“, sollte von den Programmzetteln verschwinden. Strauss stellte sich quer, setzte sich durch und musste dafür die baldige Absetzung seiner „Schweigsamen Frau“ an den Opernhäusern in ganz Deutschland in Kauf nehmen. Ein künstlerisch-politisches Dilemma, das man in Bayerns Landeshauptstadt nun musikalisch zu lösen versucht.

Dass der sonst oft zum Extrem neigende Jude Barrie Kosky in seiner Inszenierung auf nahezu alle zeitgeschichtlichen Anspielungen verzichtet, zeigt einmal mehr den Ernst der Thematik, der hinter der „Schweigsamen Frau“ steckt: Keine Braunhemden, keine Hakenkreuze, stattdessen eine filigran gearbeitete Lustspielatmosphäre von exzellentem Buffo-Handwerk. Eine Mischung aus kabarettähnlichen Elementen des 20. Jahrhunderts und antiker, kaiserlicher Atmosphäre macht sich da auf der Bühne breit.

Die verschiedenen Elemente harmonieren glänzend: Während Aminta Sir Morosus eine modern dekorierte Hochzeitstorte ins Gesicht wirft, steht im Hintergrund ein antikes Bett auf der Bühne, auf dem einst auch ein römischer Kaiser wie Cäsar gelegen haben könnte. Ja, das hat stellenweise gar Zeitoperncharakter! Es sind die feinen Nuancen, die Koskys Inszenierung an diesem Abend so einzigartig machen. Und da bringt auch eine detaillierte Beschreibung nichts! Wer Sinn für humoristischen und satirischen Geist von außerordentlich intellektueller Klasse hat, sollte sich diese „Seltsame Frau“ auf keinen Fall entgehen lassen.

Bei komischen Inszenierungen stößt man schnell an die Grenzen des Primitiven und Proletenhaften. An diesem Abend war man von beiden, dem künstlerischen Niveau eher schadenden Extremen, weit entfernt. Chapeau, Herr Kosky, an gesellschaftlichem und künstlerischem Feingefühl scheint es Ihnen wahrlich nicht zu mangeln!

Im feinsinnigen Einklang mit Stefan Solteszs Dirigat werden vor allem die nachdenklichen Seiten der Protagonisten herausgestellt. Ein wohl durchdachter Schachzug, wenn man bedenkt, wie schnell bei Strauss versehentlich das Vulgär-Populäre im Vordergrund steht. Und überhaupt muss man Soltesz an dieser Stelle loben: Musikalisch ist dieser Abend ein wahrer Hochgenuss. Melodiefragmente verschmelzen zu einem riesigen Feuerball, der jeden Moment in totaler Ekstase zu explodieren scheint. Hier und da sprudelt heiße Lava in Richtung Publikum. Alles ist spannungsgeladen, alles ist hochdramatisch, aber alles ist von unfassbar guter musikalischer Klasse. Der Feuerball explodiert nicht, Soltesz gibt sich als Architekt eines scheinbar fragilen Gebildes. Alles kommt aus einem Guss, auch während diverser Chorpassagen bleibt eine Einheit bestehen, die unaufbrechbar erscheint. Das ist Strauss auf musikalischem Weltniveau! Fabelhaft!

Sängerisch kann vor allem Lars Woldt, geboren in Herfurth, als Sir Morosus überzeugen. Mit abgerissener, stählerner Bassstimme wäre sein Auftreten sicherlich in vielen anderen Rollen ein großes Ärgernis gewesen – bei der „Schweigsamen Frau“ passen seine herben Farbtöne phänomenal. Wenn er als übel gequälter Sir Morosus die Leiden seiner empfindlichen Ohren beklagt, klingt das nicht nur bewegender, als sänge jemand mit zarter Engelsstimme, sondern auch weitaus authentischer. Hier ein scharfer Akzent, dort ein tapetenraues Glissando. Woldts stählerne Klangarmee formiert sich über dem Publikum wie ein metallenes Spinnennetz, das niemand aufzubrechen vermag. Mein lieber Freund, das ist tief beeindruckend, wie man als Darsteller in einer abendfüllenden Oper fast pausenlos die Bühne beherrschen kann!

Die US-amerikanische Sopranistin Brenda Rae als Aminta erfüllt Woldts klangliche Stahlwolle dann mit warmen Farbtönen: Beinahe engelsgleich schwingt sie sich mit fein phrasierten Koloraturen in musikalische Stratosphären auf. Goldene Wolken legen sich über die Dächer des Münchner Opernhauses. Alles wirkt unglaublich warm, unglaublich lieblich, aber dennoch in keinster Weise kitschig. Ein Kosmos aus sternklaren Harmonien legt sich über Woldts metallenes Spinnennetz. Auf Hochglanz poliert reflektiert es Raes sommerliche Stimmfarben zu einem gigantischen himmlischen Farbschauspiel.

In dieses fügt sich auch die Hamburger Mezzosopranistin Okka von der Damerau als Haushälterin ein. Mit wohlüberlegten Weichzeichnungen und stellenweise dennoch scharfem Konturenschnitt verleiht sie diesem atemberaubenden Farbspiel an diesem Abend eine Reihe an einzigartigen Stilelementen. Ein Armreif aus bunten Fäden wird hier und da mit feinen Perlen verziert. Ja, sängerisch ist dieser Abend an Glanz nur schwer zu übertreffen!

Ähnlich souverän gestaltet der slowakische Tenor Pavol Breslik die Rolle ihres Geliebten Henry, der seinen grantlerhaften Onkel mit Hilfe einer munter krakeelenden Operntruppe endlich für die höheren Musentöne erwärmen will. In rosafarbenen Kostümen erinnern sie beinahe ein wenig an die am Samstag begonnene Karnevalszeit. Hier eine pinkgefärbte Straußenfeder auf den Haaren, dort ein fliederfarbener Anzug. Vor allem im dritten Akt wirkt Koskys Inszenierung in Kombination mit den farbenfrohen Kostümen stellenweise beinahe grotesk. Mit der richtigen Portion Wahnsinn und jeder Menge Charme wird dem Publikum eine eigentlich stets aktuelle Thematik an diesem Abend auf stilvolle, kabarettistische Weise näher gebracht. Herrlich!

Man darf nur hoffen, dass Inszenierungen wie diese im oft viel zu braven München keine Seltenheit bleiben. Komödien von dieser Klasse sollten und müssen im oft sehr ernsten Opernspielplan eine größere Rolle einnehmen. Denn bei all den ernsten Themen, mit denen wir uns derzeit auf der Welt auseinandersetzen müssen, ist ein wenig Klamauk wahrer Balsam für die Seele. Von der fabelhaften musikalischen Qualität dieses Abends ganz zu schweigen! Bravo!

Raphael Eckardt, 13. November 2017, für
klassik-begeistert.de

„2014 konnte Katharina Wagner Barrie Kosky für die Inszenierung von Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ bei den Bayreuther Festspielen 2017 gewinnen. Das kam überraschend: In Bayreuth hatten zwar bereits zahlreiche jüdische Künstler gewirkt, aber Kosky, der für seine Auseinandersetzungen mit Judentum und mit Wagners Antisemitismus bekannt war, wurde der erste jüdische Regisseur. Er verstand die Figur des Beckmesser aus den Meistersingern als Verkörperung der Angst vor den assimilierten Juden: ‚Es war die Angst davor, dass im deutschen Gewand versteckt eine Giftbombe lauert, die das Deutsche vernichten will: Die Juden sehen aus wie wir, sie reden wie wir, aber im Innersten sind sie nicht wie wir, sondern sie wollen unsere Kultur vergiften.'“(Quelle: Wikipedia)

Weitere Akteure:

Bühne und Kostüme, Esther Bialas
Licht, Benedikt Zehm
Dramaturgie, Olaf A. Schmitt
Chor, Sören Eckhaus
Haushälterin, Okka von der Damerau
Carlotta, Tara Erraught
Morbio, Christian Rieger
Vanuzzi, Peter Lobert
Farfallo, Callum Thorpe
Isotta, Lavinia Dames
Der Barbier, Nikolay Borchev

 

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