"Vivat Götz!" Der Ring des Nibelungen sagt nach 33 Jahren Adieu in Berlin

Richard Wagner, Der Ring des Nibelungen, Götterdämmerung,  Deutsche Oper Berlin

Richard Wagner, Der Ring des Nibelungen – Götterdämmerung
Deutsche Oper Berlin, 9. April 2017
Musikalische Leitung Donald Runnicles
Inszenierung Götz Friedrich
Bühne, Kostüme Peter Sykora
Siegfried Stefan Vinke
Gunther Seth Carico
Alberich Werner Van Mechelen
Hagen Ain Anger
Brünnhilde Evelyn Herlitzius
Gutrune Ricarda Merbeth
Waltraute Daniela Sindram

Von Sebastian Koik

Die Götterdämmerung, der letzte der vier Teile des Ring-Zyklus‘ von Richard Wagner, schildert einen teuflischen Komplott, den Tod Siegfrieds, den Untergang der Götter und letztendlich die Erlösung der Welt vom Ring und seinem Fluch.

Die Götterdämmerung-Inszenierung wirkt nicht so angestaubt wie die etwas in die Jahre gekommene Siegfried-Inszenierung, die sich in den ersten beiden Aufzügen nicht ausreichend zu dem Element des Zeittunnels bekannte und sich damit dessen archaischer, zeitloser Wirkung beraubte.

Im Palast der Gibichungen haben die Bühnenarbeiter mehrere Linsen-Elemente aufgebaut, Orwell’sche Big Brother is watching you-Zitate. Durch diese Linsen beobachten die Figuren oft das Bühnengeschehen und sind dabei aus der Perspektive des Publikums selbst verzerrt vergrößert zu sehen. Obwohl die real existierenden Überwachungsmöglichkeiten und -wirklichkeiten inzwischen weit über Orwell’sche Dimensionen hinaus gehen, wirkt das auf der Bühne dennoch ganz gut.

Weniger überzeugend und etwas arg billig ist die Umsetzung der Rheintöchter-Szenen mit Siegfried und ganz zum Schluss mit dem von den Rheinfluten verschluckten Hagen. Auch das große Weltenfeuer und das Ende Brünnhildes werden nicht wirklich kraftvoll genug umgesetzt. Da freut man sich dann doch auf eine neue Version.

Durchweg sehr stark ist die Besetzung! Als Stefan Vinke erstmals in der Götterdämmerung als Siegfried auf die Bühne kommt, sehe ich das zunächst mit gemischten Gefühlen. Eine neue Besetzung wäre mir fast lieber gewesen. Am zweiten Tag des Bühnenfestspiels Siegfried lieferte er im ersten Akt einen stimmschwachen und wenig überzeugenden Titelhelden ab, steigerte sich dann gesanglich gewaltig bis zur vollen Zufriedenheit im zweiten und dritten Aufzug –gefiel aber gemeinsam mit seiner Brünnhilde-Partnerin Ricarda Merbeth darstellerisch wenig in einem hölzern und unglaubhaft wirkenden Liebesfinale.

In der Götterdämmerung ist Stefan Vinke von Anfang bis Ende ein bärenstarker Siegfried! Mit jederzeit kraftvoll-voluminöser Heldenstimme und herrlich unschuldig-naiver Ausstrahlung taugt Vinke mit der dieser Leistung als beispielhafte Verkörperung des Siegfried. Souverän. Großartig. Wunderbar. Auch hat er heute eine phantastische Cremigkeit in seiner Stimme. Und er beweist Variabilität: Als er in Gunthers Gestalt die Braut raubt und hier überzeugend als Bariton singt, ist seine Stimme nicht wiederzuerkennen – kaum zu glauben, dass wirklich der Siegfried-Darsteller Stefan Vinke mit dunklen Haaren in Gunthers an Dracula erinnerndem Spitzkragenkostüm steckt. Er meistert auch die fremden tieferen Lagen bravourös und sehr klangschön.

Evelyn Herlitzius als Brünnhilde begeistert mit in den Höhen glockenheller und prächtig strahlender Stimme: mächtig, in Momenten leicht markerschütternd. Darunter, in mittleren und tiefen Lagen, wirkt die Stimme allerdings ab und zu etwas zu dünn und fragil. Das Publikum begeistert sie offensichtlich von allen am Ende gefeierten Gesangskünstlern am meisten: Sie erhält den größten Applaus.

Ricarda Merbeth verkörpert solide die Gutrune, in den Höhen gelegentlich etwas ins Kreischende gehend, in mittleren und tieferen Lagen hin und wieder etwas dünn.

Daniela Sindram singt die Walküre Waltraud stark! Glockenhell, kraftvoll strahlend. Nur wenn es mal sehr schnell wird zeigt ihre Stimme kleinere Schwächen. Sehr schön singen die drei Nornen, bei denen Daniela Sindram an diesem Abend einer von ihnen vom Bühnenrand aus ihre Stimme schenkt.

Die Rheintöchter betören ganz wundervoll in ihrem ersten Gesang, können das makellose Niveau im weiteren Verlauf allerdings nicht halten, verlieren an Stimmeskraft und Klangschönheit.

Nun zu den absoluten Highlights der Aufführung, den Großartigsten innerhalb einer sehr starken Besetzung: Eine wunderbare Überraschung und Offenbarung ist Seth Carico als Gunther. Er liefert eine Weltklasse-Leistung ab! Besser kann man diese Rolle des Gunther nicht spielen und singen. Seine Stimme ist unglaublich voluminös, herrlich warm und sonor in den Tiefen und ohne Schwächen in seinem gesamten großen Spektrum. Das Überraschende: Diese mächtige Stimme traut man seiner sehr schlanken und relativ zierlichen Figur nicht zu. Er ist Teil des Ensembles der Deutschen Oper Berlin – und dürfte noch für viele unvergessliche Abende gut sein.

Neben Seth Carico begeistert Ain Anger als Hagen. Seine Stimme ist gewaltig! Sein tiefer Bass ist herrlich schön sonor, wunderbar geerdet und natürlich. Auch in gelegentlichen höheren Lagen ist seine voluminöse Stimme klangschön und extrem souverän. Anger ist für den krankheitsbedingt ausgefallenen Albert Pesendorfer sehr kurzfristig eingesprungen, und es ist wunderbar, wie er sich ohne gemeinsame Bühnenproben auch darstellerisch nahtlos in das Ensemble einfügt und uneingeschränkt überzeugt.

Das Orchester unter Donald Runnicles spielt im ersten Aufzug gelegentlich etwas holprig und unrund, bietet im weiteren Verlauf aber eine schöne klangliche Umsetzung der sehr fordernden Partitur Richard Wagners. In den perfekten und absolut mitreißenden Fluss wie noch bei der Walküre eine Woche zuvor kamen die Musiker.

„Vivat Götz!“ ruft ein Zuschauer aus dem Parkett, nachdem der letzte Ton der Götterdämmerung verklungen ist und der gewaltige, 33 Jahre lang unsterbliche Zyklus zum vorletzten Mal sein Ende gefunden hat.

Nur noch einmal wird Brünnhilde in den Himmel blicken und die Götter anklagen:

„O ihr, der Eide ewige Hüter!
Lenkt euren Blick auf mein blühendes Leid:
erschaut eure ewige Schuld!
Meine Klage hör‘, du hehrster Gott!
Durch seine tapferste Tat,
dir so tauglich erwünscht,
weihtest du den, der sie gewirkt,
dem Fluche, dem du verfielest:
mich mußte der Reinste verraten,
dass wissend würde ein Weib!

Ruhe, ruhe, du Gott!“

Dreißig Sattelschlepper wurden benötigt, um den Zeittunnel für jeden Ring-Zyklus zum Opernhaus an der Bismarckstraße zu transportieren und in mehreren Tagen aufzubauen. Nach der allerletzten Götterdämmerung am Ostermontag wird der Tunnel ein letztes Mal abgebaut, um dann schließlich zur Entsorgung abgeholt zu werden. Nur noch einmal Götz Friedrichs ewiges Spiel der Götter – dann ist der legendäre Ringtunnel Geschichte. Er hat viel Freude bereitet und zahlreichen Menschen unvergessliche Momente beschert. Vivat Götz!

Sebastian Koik, 11. April 2017 für
klassik-begeistert.de

 

 

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Deutsche Oper Berlin“

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