Bayreuther Festspiele: Phantastische Stimmen brillieren auf dem Grünen Hügel

Richard Wagner, Die Meistersinger von Nürnberg,  Bayreuther Festspiele

Richard Wagner, Die Meistersinger von Nürnberg
Bayreuther Festspiele, 25. Juli 2017

Die Wagner-Festspiele 2017 sind in Bayreuth eröffnet worden, zum Auftakt waren „Die Meistersinger von Nürnberg“ in einer Inszenierung von Barrie Kosky zu erleben – Kosky ist der Intendant der Komischen Oper Berlin. Er thematisiert in Richard Wagners einziger komischen Oper, uraufgeführt am 21. Juni 1868 in München, Antisemitismus und Fremdenhass, beschäftigt sich auch mit dem Leben des Komponisten und der Verherrlichung seiner Werke durch die Nationalsozialisten.

Solisten wie Chor vermochten zur Premiere durch ein packendes Spiel zu glänzen. Da war nie statische Langeweile auf der Bühne, sondern pure, lebendige Spielfreude mit Mimik und Gestik, mit Bewegung und Kommunikation.

Die „Meistersinger“ überzeugten mit fast durch die Bank weg brillanten Hauptdarstellern. Das Bayreuther Publikum bedachte die Darsteller schon nach dem ersten Aufzug mit einem Riesenbeifall und Getrampel – noch größer war der Applaus dann nach dem Schlusstakt der 4,5 Stunden langen Oper. Zahlreich waren die Bravorufe, besonders stark für den Bariton Michael Volle als Schuster Hans Sachs. Einige Buhs gab es – neben überwiegenden Bravorufen – für die Regie (was in Bayreuth üblich ist), für den Schweizer Dirigenten Philippe Jordan und für die an diesem Abend im Vergleich mit den anderen Sängern deutlich abfallende Sopranistin Anne Schwanewilms als Eva.

Zum Inhalt: Regeln sind den Nürnberger Meistern heilig, mindestens so heilig, wie Veit Pogner die Tochter Eva. Diese hat der Goldschmiedemeister als Preis eines Wettbewerbs ausgelobt, bei dem Nürnbergs Handwerksmeister singend um das Mädchen ringen sollen. Doch gilt es in diesem Kampf die guten alten Regeln ihrer Kunst zu wahren, denn Verse und Lieder gelten nur, wenn sie dem klassischen Reglement entsprechen. Pech für den verarmten Ritter Walther von Stolzing: auch er hat sich in Eva verliebt und sie hat ihm – zum Glück – sein Herz geschenkt. Lenken lässt sich Liebe nicht: Nun will auch Stolzing sich dem Wettstreit stellen. Ums Ganze – Liebe, Ehre, Regeln, Kunst – singt er in diesem Wettbewerb. Sehr schlecht sind seine Karten, doch am Ende siegt er auf der Festwiese und mit ihm die Überraschung, die Zauberkraft der Liebe und die lebensbejahende Selbsterkenntnis der Handwerksmeister: Erneuerung ist ihre Tradition.

Die Solisten und der Chor waren die Stars des Abends. Der Chor war von Eberhard Friedrich, dem Chordirektor der Oper Hamburg, ganz hervorragend vorbereitet worden. Stimmlich und schauspielerisch war das eine Top-Leistung! Das Orchester der Bayreuther Festspiele musizierte unter Philippe Jordan auf höchstem Niveau in flüssigen, zügigen Tempi mit sehr viel Spielfreude.

Solo-Star war mit Abstand der Bariton Michael Volle, 1960 in Freudenstadt im Schwarzwald geboren. 1999 bis 2007 gehörte er dem Ensemble des Opernhauses Zürich an. 2007 gab er sein Debüt bei den Bayreuther Festspielen als Sixtus Beckmesser in den „Meistersingern“. Seine schier unerschöpflichen Reserven und der Facettenreichtum seiner Stimme waren zutiefst beeindruckend. Macht- und kraftvoll, souverän und mit phantastischen Zwischentönen. Besser kann man den Schuster Hans Sachs nicht singen – Note eins mit Sternchen! Weltklasse! Mailand, London, New York, Berlin, München und Bayreuth: Michael Volle ist zur Zeit nur an den besten Opernhäusern der Welt zu hören.

Auch der Bass Günther Groissböck als Goldschmied Veit Pogner lieferte eine Weltklasseleistung ab. Er zieht die Zuhörer und Zuschauer mit seiner väterlichen Stimme in den Bann. Amazing! Auch im höheren Register überzeugte er mit einem tollen Timbre. Kernig und volltönend! Groissböck ist bei den Bayreuther Festspielen auch noch als Riese Fasolt in „Das Rheingold“ zu hören.

Der Tenor Klaus Florian Vogt überzeugte als junger Ritter Walther von Stolzing mit einer sehr guten, aber nicht herausragenden Leistung. Im ersten und zweiten Aufzug sang er noch auf Weltklasse-Niveau. Mit schmelzender Stimme. Im dritten Aufzug verließen den sympathischen 47-Jährigen aus Heide (Schleswig-Holstein) in den Höhen bisweilen die Kräfte, deutlich zu hören bei „Morgenlich leuchtend“. Vor zehn Jahren hatte er in der gleichen Rolle sein Bayreuth-Debüt gegeben.

Einen sehr guten David gab der Tenor Daniel Behle. Sehr präsent und sehr präzise sang er als Lehrbube von Hans Sachs. Der gebürtige Hamburger (Jahrgang 1974) gibt in Bayreuth auch noch den Froh in „Das Rheingold“. Grandios und mit viel Spielwitz und Stimmenreichtum agierte auch der Bariton Johannes Martin Kränzle als Stadtschreiber Sixtus Beckmesser. Gewaltig aufhorchen lies vom ersten Ton an die Mezzosopranistin Wiebke Lehmkuhl, Evas Amme: in der Höhe brillant und mit sehr angenehmem Timbre auch in der Tiefe.

Die einzige Fehlbesetzung des Abends war die Sopranistin Anne Schwanewilms als Eva, Pogners Tochter. Ihr fehlte jeglicher jugendlicher Glanz und jegliche Frische in der Stimme. Sie erntete zahlreiche Buhs. Auch ihre Artikulation war mitunter sehr undeutlich und schwammig. Teilweise war ihr Text gar nicht zu verstehen.

Andreas Schmidt, 26. Juli 2017,
klassik-begeistert.de

 

Es folgen Pressestimmen über „Die Meistersinger von Nürnberg“ im Festspielhaus in Bayreuth vom 25. und 26. Juli 2017:

Der Tagesspiegel: „Zu den Gästen der Premiere gehören neben Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihrem Ehemann Joachim Sauer auch Schwedens Königspaar Carl Gustaf und Silvia. Barrie Kosky, Regisseur der ‚Meistersinger von Nürnberg’, hatte sich kurz vor Beginn her aus der Festspiel-Kantine per Twitter an die Wagner-Freunde im Land gewandt – und sie angesichts des miesen Wetters zum Gang ins Kino eingeladen. Auf 140 Leinwänden wurden die „Meistersinger“ leicht zeitversetzt gezeigt (Anmerkung: klassik-begeistert.de verfolgte die Premiere im UCI-Kino Mundsburg in Hamburg). Popcorn dürfe dabei nicht fehlen, empfiehlt Kosky. Der Intendant der Komischen Oper meint es ernst damit, Wagners Oper als musikalische Komödie zu sehen.

BR-Klassik: „Barrie Kosky inszeniert eine Reise durch den Wahn. Der Wahn wohnt in einem Charakterkopf, auf dem ein schwarzes Samtbarett sitzt. Wagner liebte solche Kappen. Damit sah er fast wie Rembrandt aus. Nicht weit vom Festspielhaus, in der Villa Wahnfried, kann man heute in den rekonstruierten Räumen die originalen Mützen des Meisters bewundern. Dort, bei Wagners zuhause, beginnt auch Koskys Meistersingerinszenierung. Schon während der Ouvertüre bevölkert sich der Raum. Schwiegervater Franz Liszt greift in die Tasten. Gattin Cosima hat Migräne. Und dann kommt auch noch Dirigent Hermann Levi zu Besuch, den Wagner als Künstler achtet und als Menschen quält, weil er Jude ist. Man spricht ein neues Werk durch, singt und spielt: die Meistersinger.

Wagner, der solche Privataufführungen liebte, verteilt die Rollen. Liszt verwandelt sich in Pogner, Cosima in Eva. Wagner selbst steht mehrfach auf der Bühne. Als junger Mann ist er Stolzing, als alter Sachs. Diese ersten Minuten sind grandios. Temporeich, treffsicher und bitterböse – etwa, wenn alle niederknien, um die deutsche Kunst anzubeten. Nur der Jude Levi wird ausgeschlossen, fremd gemacht, ins Abseits gestellt. Klar, dass ihm die Buhmann-Rolle des Beckmesser zufällt.“

Spiegel-Online: „Richard Wagners Antisemitismus, muss man sich damit wirklich noch auseinandersetzen? Meistersinger, die mit verstaubter Kunst und Borniertheit einen jungen Wilden loswerden wollen, stehen die noch für irgendetwas? Wenn jemand wie Regisseur Barrie Kosky mit Wagner eigentlich wenig am Hut hat, wie er einmal sagte, dann ist das offenbar eine gute Voraussetzung, um eine Antwort auf diese Fragen zu geben. Mit Distanz hat sich der Chef der stets hochgelobten Berliner Komischen Oper an seine Bayreuther Neuinszenierung der ‚Meistersinger von Nürnberg’ gemacht. Die gelang ihm erstaunlich unterhaltsam und überzeugend.“

Die Welt: „Als sich der Vorhang auftut, fällt der Blick auf eine Nachbildung des großen Saales von Haus Wahnfried, Wagners Bayreuther Wohnsitz. Im herrschaftlichen Ambiente – schwere Holzregale, Gemäldegalerie mit Schiller, Ludwig II., Beethoven usw. – tummeln sich Richard und Cosima Wagner mit Familie und Freunden, alle so kostümiert, wie es die Besucher von den historischen Fotos in ihren Wagner-Festspielwandkalendern kennen.

Richard wird seine ‚Meistersinger’-Oper innerhalb dieser kleinen Wahnfried-Gesellschaft zur Aufführung bringen, so ist die Rahmenhandlung. Wagner übernimmt gleich selbst die beiden männlichen Hauptrollen, mit denen sich auch der historische Wagner besonders identifizierte: die des jugendlichen Draufgängers und kühnen Liebhabers Walther von Stolzing sowie die des gütigen (und natürlich auch im Alter top-attraktiven) Großkünstlers Hans Sachs.

Ob der böse Stadtschreiber Sixtus Beckmesser, der beim Sangeswettbewerb um die schöne Eva buhlt und dafür seinen Konkurrenten Walther von Stolzing aus der Gilde der Meistersinger herauszuhalten versucht, eine antisemitische Karikatur ist, ist eine Frage, die seit der Uraufführung der „Meistersinger“ diskutiert wird. Barrie Kosky hat es nun einfach mal ausprobiert und die armselige, gedemütigte Beckmesser-Figur bis zur Unkenntlichkeit entstellt. In dieser Perspektive erscheint die ganze ‚Meistersinger’-Handlung einzig darauf zu gründen, dass Beckmesser den anderen – den anderen Meistersingern, den Nürnbergern, den Deutschen – zuwider ist und entfernt werden muss. Hier wird, Fliederduft hin, Fliederduft her, kein buntes Frühlingsfest gefeiert, keine junge Liebe gestiftet und erst recht keine Kunsttheorie gewälzt. Es geht nur darum, einen rauszumobben. Entsprechend lässt Kosky den dritten Akt im Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse spielen, als Erinnerung daran, wozu solche Ausgrenzungsmechanismen führen können.“

Zeit.de: „Ein australisch-jüdischer Regisseur mit leichter Hand für die leichte Muse widmet sich Bayreuths einziger komisch-ironischer Oper: Was ist verkehrt an dieser Konstellation, fragt man sich? Fühlt sich Kosky seiner Identität doch stärker verpflichtet, als er meint? Wir leben im Jahr 2017, da lockt es niemanden mehr hinter dem Ofen hervor, Wagner als Antisemiten zu entlarven oder die Musik des Stadtschreibers Sixtus Beckmesser in den Meistersingern der Verballhornung synagogaler Gesänge zu bezichtigen. Im Beackern seiner braunen Vergangenheit mag der Grüne Hügel nicht der schnellste (gewesen) sein. Insofern zeigt das neu installierte Rahmenprogramm ‚Diskurs Bayreuth’ zweierlei: Wie sehr man das Nachdenken nicht mehr anderen überlassen möchte und wie wenig es hier ums Eigentliche geht, die Kunst. ‚Wagner und der Nationalsozialismus’ lautet prompt das Thema des ersten ‚Diskurses’, als wolle man Barrie Kosky den letzten Wind aus den Segeln nehmen.“

Klassiker.welt.de: „Eine ideales Nürnberg aus Geschichte und Zeithistorie im vielfach aufgespaltenen Kopf des monströsen Richard W., der hier im Zeugenstand steht. Barrie Kosky hat hoch gepokert, hat sich viele kluge Gedanken gemacht, ‚ein bisschen Lubitsch, ein bisschen Überraschung’ versprochen, Ebenen eingezogen, Erzählstränge ausgelegt. Und findet, trotz schöner Einzelmomente im Verlauf, letztlich zu wenig Originellem, Erhellendem und zu einem enttäuschenden, sich seltsam verläppernden Schluss. Während in der Wahnfried-Halle immerhin noch ‚Comedy tonight’ herrscht, spielt er mit der bedeutungsschwer aufgebauten Gerichtskulisse nicht wirklich. Sie bleibt ein nachgebautes Theaterzimmer. Natürlich ist es ihm anzurechnen, das es nazi- wie hakenkreuzfrei bleibt.“

Abendzeitung: „Theodor W. Adorno hat in seinem ‚Versuch über Wagner’ behauptet, alle die Zurückgewiesenen im Werk des Komponisten wie Mime, Klingsor und Beckmesser seien eigentlich Judenkarikaturen. Dann schlägt der Philosoph einen psychologischen Haken: Letztlich seien es heimliche Selbstporträts, wie Wagner sich ‚selbst mit Schrecken inneward’.

Barrie Koskys Neuinszenierung der ‚Meistersinger von Nürnberg’ bringt diese These zur Bayreuther Eröffnung auf die Bühne des Festspielhauses. Am Ende des zweiten Akts, wenn es in der Prügelszene spukt, wird ein riesiger Komponisten-Kopf mit Hakennase, Schläfenlocken und Davidstern-Kippa aufgeblasen. Dazu laufen kleinere Ausgaben der Figur über die Bühne, während Beckmesser hinter einem Wagner-Porträt verprügelt wird.

Was bringt das? Nicht viel. Der ‚Versuch über Wagner’ erschien 1952. Über die Frage, ob Wagners Antisemitismus auch sein Werk betreffe, wurde noch vor 20 Jahren heftig gestritten. Heute ist das Thema auf dem Grünen Hügel gepflegte Pausenkonversation. Es gibt Antisemitismus in Deutschland, aber nicht mehr auf dem Grünen Hügel. Ein australischer Jude als Regisseur ist da mehr ein Sahnehäubchen. Die Wirkungsgeschichte wurde im Festspielhaus schon in Katharina Wagners ‚Meistersingern’ und 2008 in Stefan Herheims ‚Parsifal’ mitinszeniert – mit mehr Mut zum persönlichen und ästhetischen Risiko.“

Rheinische Post: „Es braucht dann nicht lange, bis sich Levis Beckmesser als schlimmer Finger erweist, als Hochpotenz einer Judenkarikatur, wie Wagner sie ebenso liebte wie hasste. Dieser Beckmesser ist aber auch ein Kritikaster, ein Schleimer, ein Denunziant. An solchen Figuren entzündete sich Wagners Antisemitismus; im völkischen Klima, das in diesem Nürnberg auf dem Grünen Hügel herrscht, fand er die Glut, die später, im ‚Dritten Reich’, die Krematorien benötigen sollten. Zwar tragen die Nürnberger hier Renaissancekluft im Stile Dürers, doch der Schoß war fruchtbar schon, und Hitler würde genau hier, in der Lieblingstrutzburg seiner monströsen Fantasien, irgendwann die ‚Rassengesetze’ verkünden lassen.

Kosky macht keine Anklageschrift aus seiner Inszenierung, die politisch-weltanschauliche Botschaft läuft im Hintergrund ab, wie ein stummes Menetekel. Die Regie begibt sich als Holocaust-Mahnmal in Bildern, abstrakt, doch eindeutig. Den Rest fügt unser Restwissen aus dem Geschichtsunterricht hinzu.

Kosky zeigt uns somit großartig eine Oper als Kessel, unter dessen Deckel es mächtig gärt. Das Klima ist jenseits aller Butzenscheibenromantik aufgeladen, und wenn wir über diverse Gags der Inszenierung auch lachen, so bleibt doch ein würgendes Gefühl. Irgendwann wird an diesem Abend zwischen ehrbaren Zünften und reaktionären Seilschaften nicht mehr zu unterscheiden sein.“

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