Eine Walküre der Superlative in München

Richard Wagner, Die Walküre,  Bayerische Staatsoper

Bayerische Staatsoper, München, 19. Januar 2018
Richard Wagner, Die Walküre

von Tim Theo Tinn

Musiktheaterbesuche sind vitale Erlebnisse – da wollen auditive und visuelle Sinne angesprochen, angeregt werden – mit wachsendem Verständnis der Quantenphysik erlaubt man einen weiteren menschlichen Sinn: Körperempfindung, Tiefensensibilität, metaphysisches Erfühlen. Was löst Hören und Sehen aus? Münden diese formalen Wahrnehmungen in Empfinden – in unbewusst tiefem Empfinden?

Das war riesengroß – großartig – einzigartig!

Dieser Abend im Nationaltheater bot ein übervolles Füllhorn tiefen Empfindens, weckt Begeisterung aus intellektueller, kulinarischer, optisch-akustischer Ansprache. Tiefes Erleben und Genießen kann wunderbares Essen, pralle Erotik und so ein Musiktheater bieten.

Machthaber Gott Wotan lebt in eigener kruder Moral, hat außerehelich Zwillinge (Siegmund und Sieglinde) gezeugt, die getrennt aufwachsen. Der erwachsene Siegmund schleppt sich verletzt durch Dunkelheit und wird von Sieglinde (unerkannt) aufgenommen, die in Zwangsehe mit Hunding lebt. Der erkennt in Siegmund seinen Feind und verlangt am nächsten Morgen den Zweikampf bis zum Tode. Sieglinde betäubt ihren Zwangsgatten, dann erkennen sich die Zwillinge Sieglinde und Siegmund und haben Geschlechtsverkehr.

Im nächsten Akt tobt Fricka, legale Ehefrau Wotans, über diese ihr bekannten Umstände und verlangt von Wotan seinen leiblichen Sohn zu töten. Wotan unterwirft sich. Tatsächlich verlangt er die Tötung Siegmunds nun von seiner Lieblingstochter Brünnhilde. Als sie Siegmunds tiefe Liebe zu Sieglinde kennenlernt, ändert sie diesen Plan und will helfen. Stocksauer erscheint Wotan, tötet Siegmund und nebenbei auch Hunding. Brünnhilde und Sieglinde fliehen.

Sieglinde, geschwängert von ihrem Bruder, kann endgültig fliehen. Brünnhilde muss sich ihrem Vater stellen – zunächst will er sie entehren, dann erfolgt Verbannung im Feuerkreis.

Zur visuellen Inszenierung: Kriterien sind dramatische Durchleuchtung, Personenregie, Bühne, Kostüme, intellektuelle Ansprache, Kulinarik. Im Ergebnis hat alles begeistert – großer Jubel, nichts Kopflastiges. Sieglindes Kostüm erschien wohl etwas zu trivial.

Zunächst war ich verblüfft. Der Zugriff des ambitionierten Regisseurs Andreas Kriegenburg erschien zu lapidar. Im ersten Akt fanden sich noch ein gegenständliches Bühnenbild, eine riesige Esche, ein Tisch, gefallene Krieger im Baum – Interpretationsansätze. Schon hier wurden den Akteuren große Freiräume zur Entfaltung ihrer außerordentlichen sängerischen Aufgaben eingeräumt. In den folgenden Bildern abstrahierte sich das dann in einfachen leeren Räumen, Podien fuhren auf und nieder – die Geschichte wurde schnörkellos werkimmanent erzählt, vielfach erfüllten Statisten stimmungsbildende Aufgaben. Immer wurden Möglichkeiten gefunden, dass nach vorn mit gutem Kontakt zum Dirigenten gesungen werden konnte.

Da kam die Erleuchtung: dieser großartige Regisseur hat die Deutungshoheit seiner Inszenierung an Richard Wagner, seinen kongenialen irdischen Vertretern, den Dirigenten Kirill Petrenko und die Sänger, abgegeben – mit großer Sensibilität hat er feine optische Räume einrichten lassen. Es gab keine kopflastigen konstruierten Botschaften, nichts war aufgesetztes Regietheater – pure Walküre. Und trotzdem lockere unangestrengte Personenführung, präzise publikumswirksame Aktionen – es gab keine Langeweile. Das stimmte alles…

… und ob dieser optimalen Einrichtung zu sängerischen Großtaten war es ein Wunder an Diktion und Ausdrucksfähigkeit der Sängerschauspieler. So kann die Geschichte der Walküren auch aufgrund überragender Textverständlichkeit wundervoll überbracht werden.

Das Dirigat Kirill Petrenkos: da können Welten verglichen werden. Es gibt die mutige Pinselei, aber auch einen souverän-beherrschenden analytischen Dirigenten, der feinste musikalische Strukturen aufdeckt und betonen kann, permanent Kontakt mit den Sängern hat, bei ihnen ist, niemanden zudeckt, Dynamisches und Dezibel immer im Griff hat und so auch detailliert mit den Instrumentalisten musiziert. Das Ergebnis ist ein filigranes Erleben strukturierter dramatischer Musik, niemals in kühlem Formalismus fortschreitend, sondern permanent emphatisch. Das ist einfach schön – schön für die Seele und durchaus auch für das kulinarische Genießen. Alle Musiker schaffen diese durchdringende, berührende Wagnersche Atmosphäre, die in uns dringt.

Ein wenig Beckmesserei: der Walkürenritt entsprach weder szenisch noch musikalisch der Qualität des Abends. Einige Statistenauftritte schienen unnötig. Alle stilisierten Schwertkämpfe wirkten improvisiert, ungenau.

Siegmund: Simon O’Neill – ein sympathischer Akteur, auf sehr hohem Niveau, aber doch nicht ganz auf dem Standard seiner Kollegen. Wunderschöne virile Höhe, etwas geschoben – er hat bombensicheren Platz dafür in seinen Resonanzräumen, das klingt wunderschön. Diesen Platz verlässt er leider, wenn er in die Mittellage geht, da wird es gaumig, fahl – schade. Der einzige Darsteller, der unbeholfene Körpersprache benutzt: er stolpert mehr, verkrampft gehetzt, das wirkt outriert, unfertig. Die „Winterstürme“ verblüfften, wirkten markiert, unterartikuliert und gehetzt – danach hat er sich wieder erholt.

Hunding: Ain Anger: ein sehr angenehmer Bass, wunderbares Fundament, vitaler Darsteller, klare Intonation in allen Lagen.

Wotan: John Lundgren – ein Bassbariton mit Wucht, Sensibilität und gestählter Stimme. Sängerisches Vermögen ermöglicht große darstellerische Beweglichkeit – gleitende Registerwechsel ohne abzusetzen, Pianokultur und übermächtiges Fortissimo, er schreit und bellt nicht. Woher kommt so ein sängerisches Vermögen?

Brünnhilde, Fricka, Sieglinde:   Nina Stemme, Ekaterina Gubanova, Anja Kampe: Pure Faszination – solche Stimmen gab es lange Zeit nicht. Stattdessen wurde geprustet, gespuckt, geschrien mit dem Alibi, es sei ja schließlich Wagner. Hier der Beweis, dass auch dies mit ungeheurer sängerischer Qualität präsentiert werden kann. Alle Damen singen – auch in exponiertesten Lagen – immer ihre Linie ,weil sie es halt können. Die Fortissimi dieser Damen sind himmeleröffnend. Sie singen wunderbar und gepaart mit exzellentem darstellerischem Talent.

Die Walküren: tolle Töne, aber für Puristen dann doch szenisch, musikalisch und sängerisch mit Luft nach oben.

Gratulation dem Intendanten Nikolaus Bachler – ein Wagner durchgängig spannend, kurzweilig, monumental. Allumfassend begeisternd – tausend Dank.

Tim Theo Tinn, 21. Januar 2018, für
klassik-begeistert.de

Foto: Wilfried Hösl

Musikalische Leitung     Kirill Petrenko
Inszenierung                     Andreas Kriegenburg
Bühne                                   Harald B. Thor
Kostüme                              Andrea Schraad
Licht                                      Stefan Bolliger
Choreographie                   Zenta Haerter
Dramaturgie                       Marion Tiedtke
Dramaturgie                       Miron Hakenbeck
Siegmund                            Simon O’Neill
Hunding                               Ain Anger
Wotan                                   John Lundgren
Sieglinde                              Anja Kampe
Brünnhilde                          Nina Stemme
Fricka                                    Ekaterina Gubanova
Helmwige                            Daniela Köhler
Gerhilde                               Karen Foster
Ortlinde                                Anna Gabler
Waltraute                             Michaela Selinger
Siegrune                               Helena Zubanovich
Roßweiße                             Jennifer Johnston
Grimgerde                           Okka von der Damerau
Schwertleite                       Rachael Wilson

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