Ein ätherischer Lohengrin, der schwebt

Richard Wagner, Lohengrin, Klaus Florian Vogt, Elena Pankratova, Manuela Uhl, Donald Runnicles,  Deutsche Oper Berlin

Richard Wagner, Lohengrin
Deutsche Oper Berlin, 5. Februar 2017

Einen der Höhepunkte der Saison 2016/17 an der Deutschen Oper Berlin durften Klassik-Begeisterte in diesen Tagen verfolgen: Lohengrin, diese gigantische Oper Richard Wagners, in dessen Vorspiel der deutsche Literaturnobelpreisträger Thomas Mann („Buddenbrooks“) bildhaft das Wunder einer „blau-silbernen Schönheit“ erblickte.

Und ja, das Orchester der Deutschen Oper Berlin unter der feinfühligen musikalischen Leitung von Donald Runnicles arbeitete die kostbaren Feinheiten des am 28. August 1850 am Hoftheater Weimar uraufgeführten Meisterwerks – es dirigierte der Klaviervirtuose und Komponist Franz Liszt, der spätere Schwiegervater Richard Wagners – sehr filigran heraus.

In schimmerndem A-Dur enthüllten die Geigen die Welt des Grals, die Lohengrin wie einen Schein umhüllt. Crescendo und Decrescendo schafften eine Stimmung zauberischer Verklärung, die sich zu höchster Intensität verdichtete und den mystischen Hintergrund des Geschehens umschrieb.

Dieses Orchester spielte am Sonntagabend wie aus einem Guss. Jeder im Saal – außer jene Dutzend mit Bonbons und anderen Niedrigkeiten Beschäftigten – spürte, dass Mr. Runnicles und seiner Berliner Formation Wagner einfach liegt. Der Schotte hatte die Solisten und den – phantastischen Chor – gut in der Hand, die Tempi stimmten und die Klangwelt zwischen leisem Piano und Wagnerischer Forte-Wucht passte.

Der Musikkritiker Rolf Fath fasst hervorragend zusammen, was Runnicles und die Musiker wunderbar zelebrierten an diesem Abend: „Aus der romantisch-verklärten Atmosphäre (des Lohengrin-Motivs) entwickelt sich Elsas Traum-Erzählung, ihr Gesang auf dem Söller, Lohengrins Erscheinung, seine Ansprachen an den Schwan, die Brautgemach-Szene. Dagegen steht die Musik Ortruds und Telramunds, die zu Beginn des 2. Aufzugs in der düsteren Beschwörungsformel ‚Du wilde Seherin’ avancierteste Formen annimmt und auf die musikalische Sprache des ‚Rings’ verweist.“

Die Potsdamerin Agnita Breuer, eine charmante Dame aus der Schweiz, wie sie selbst sagt „reiferen Semesters“, brachte das Geschehen wunderbar auf den Punkt: „Ich fühle mich bei dieser Aufführung emotional hin- und hergerissen von der Musik und von der Kraft der Stimmen.“

Kommen wir, bei dieser einfachen, auf Sperenzchen verzichtenden Inszenierung mit historisierenden Kostümen zu den Sängern: Alles wurde überstrahlt durch den phantastischen, überragenden Tenor Klaus Florian Vogt als Lohengrin. Der 46-Jährige aus Heide in Holstein singt in der Form seines Lebens! Ihm nimmt man die Figur des Ritters Lohengrin voll ab. Kein Sänger auf dieser Welt kann diese Partie derzeit besser singen als der sympathische Vogt.

Der vierfache Vater singt den Lohengrin im höheren Register engelsgleich. Und er hat im Verlauf der letzten Jahre auch im tieferen Register nachlegen können. Herr Vogt, es verschlägt einem den Atem, wenn Sie, zum sicher hundertsten Male, „Im fernen Land“, singen, und der Zuhörer im Gefühl schwelgt, sie sängen dieses vollkommene Stück, in dem Lohengrin Herkunft und Namen nennt, zum ersten Mal.

Ihr zartes „alljährlich naht vom Himmel eine Taube“, die schwerste Stelle der Gralserzählung, macht Ihnen wirklich niemand nach. Und wie Sie „fühl ich zu Dir so süß mein Herz entbrennen“ in der Brautgemachszene zu Anfang des dritten Aufzuges hinhauchen – das ist ohne Worte. Die Steigerung danach zum Heldischen ebenso!

Wie Sie das Piano darbieten: mit einer Ruhe, Gestütztheit und Gelassenheit; wie Sie „Erhebe Dich, Elsa!“ hauchen, und mit welcher Strahlkraft Sie in den Höhen im Forte agieren, sucht seinesgleichen. Der Musikenthusiast Hans-Georg Mertens aus Minden, Nordrhein-Westfalen, maß Ihnen nach der Aufführung eine „schwebende, ätherische Stimme“ zu – und drückte schon die leise Befürchtung aus, diese Stimme könne jenes unverwechselbare Timbre verlieren, wenn Sie anfangen, Partien wie Wagners Tannhäuser zu singen.

Die Bravo-Rufe für Klaus Florian Vogt wollten kein Ende nehmen an diesem Abend – schon nach dem ersten und zweiten Aufzug und dann vollends nach der Aufführung. Da ist es vollkommen unverständlich, dass in der etwas übersättigten Musik-Stadt Berlin noch ein paar Plätze im Parkett leer blieben in der Deutschen Oper.

Liebe Berliner: Für so einen Weltklasseauftritt reisen viele Menschen wie Herr Mertens mit dem Zug durch ganz Deutschland – und zehntausende Wagner-Fans beneiden die Deutsche Oper Berlin und die Staatsoper Berlin für die guten Beziehungen zu Klaus Florian Vogt.

Geradezu rührend verhielt sich Klaus Florian Vogt nach der Aufführung. Am Künstlerausgang erfüllte er – wie immer – jeden Autogrammwunsch. Viele Frauen drängten sich um ihn – ja, er ist ein „Womanizer“. Unvergesslich aber blieb, wie der Team-Player Vogt die schwer angezählte Sopranistin Manuela Uhl stützte: Die war von etwa 20 Wagner-Liebhabern nach der Aufführung ausgebuht worden, hatte aber gleichzeitig auch Beifall bekommen.

Beim zweiten Vorhang kam die Uhl dann nicht auf die Bühne. Und was machte Klaus Florian Vogt? Er hakte sie ein und kam mit ihr gemeinsam auf die Bühne. Großer Applaus und Bravo-Rufe waren dem Bühnenpaar gewiss.

Die Leistung von Manuela Uhl war in der Tat schwankend an diesem Abend: Es gibt zweifelsohne viele Sopranistinnen, die die Elsa besser singen können. Aber Manuela Uhl hatte weite Phasen, da spielte sie die Gattin Lohengrins so unbekümmert naiv und sang mit großer Leidenschaft und Strahlkraft.

Und dann waren da wieder Phasen, da saßen sogar Töne nicht, da lag sie ein paar Mal einen halben Ton daneben oder sang den richtigen Ton von unten an. Manuela Uhl wird ab März an der Sächsischen Staatsoper in Dresden unter der Leitung von Tomas Netopil die Herzogin von Parma in der deutschsprachigen Oper Doktor Faust von Ferrucio Busoni singen. Dann kann sie vor allem ihr größtes Manko ausbügeln: Wagner klar und deutlich auf Deutsch zu singen.

Ganz großartig an diesem Abend sang Elena Pankratova als Ortrud. Ja, so hört sich auf stimmlich höchstem Niveau ein „Falscher Fuffziger“ an. Herrlich! Zum Erschaudern schön. Dafür gab es zurecht den zweitmeisten Applaus an diesem Abend. Die Bühnenpräsenz, das Verschlagene, das Teuflische: Formidabel, Frau Pankratova! Die Höhe umwerfend klar, die Tiefe berauschend düster. „So eine bösartige Ortrud habe ich zuletzt 1963 mit Astrid Varnay in der Inszenierung von Wieland Wagner an der Deutschen Oper Berlin gehört“, sagte der Klassik-Begeisterte Hans-Georg Mertens.

Einen sehr guten Abend legte auch der hinterhältige Friedrich von Telramund, gesungen von John Lundgren, hin. Klar und heldisch in der Höhe, profund in der Tiefe – Bravo!

Gut war der Ersatz des öfters absagenden Albert Pesenforfer als König Heinrich der Vogler: Sung Ha, Ensemblemitglied des Nationaltheaters Mannheim. Da sind die Berliner natürlich väterlichere, männlichere Könige im „Lohengrin“ gewohnt. Herr Ha muss als Bass noch reifen wie ein guter Rotwein. Ein sehr guter König singt und gibt sich royaler.

Einen nicht ganz so langen Reifungsprozess dürfte Dong-Hwan Lee, der den Heerrufer des Königs sang, noch vor sich haben. Eine sehr schöne, volle virile Stimme mit ganz viel Potenzial hat dieses Ensemblemitglied der Deutschen Oper Berlin.

Ja, und dann der Chor und der Extra-Chor der Deutschen Oper Berlin, einstudiert von Raymon Hughes: Das war eine phantastische, frische, hingebungsvolle Stimm- und Spielleistung. Die Sänger trafen fast alle Spitzentöne; vor allem die Tenöre, darunter zwei besonders begabte, geben wirklich alles. Das macht Freude – behalten Sie ihres Sangesfreude, liebe Sängerinnen und Sänger.

Andreas Schmidt, 6. Februar 2017
Klassik-begeistert.de

2 Gedanken zu „Richard Wagner, Lohengrin, Klaus Florian Vogt, Elena Pankratova, Manuela Uhl, Donald Runnicles,
Deutsche Oper Berlin“

  1. Vielen Dank für den schönen Bericht und die kurzweilige Zugfahrt von Berlin nach Hamburg. Vogt war eine Offenbarung.
    Dr. Cord Arkenau

  2. Zu Manuela Uhl im „Lohengrin“, Deutsche Oper Berlin.
    Ich bin im Mai 2016 zu der „Lohengrin“-Aufführung mit Klaus Florian Vogt und Manuela Uhl nach Berlin gereist. Frau Uhl wurde auch in der Vorstellung (ich glaube es war der 8.5.16) der Rolle der Elsa nicht gerecht.
    Wenn Manuela Uhl ihre Unfähigkeit die Elsa zu singen nicht selbst bemerkt, gibt es da keine engen Freunde, die sie darauf hinweisen? Die hier beschriebenen Schwächen waren auch schon 2016 deutlich, insofern verstehe ich nicht, dass sie in 2017 durch die Reaktion des Publikums „angeschlagen“ ist. Es ist unfair, dem Publikum derartiges wiederholt anzubieten. Und ich kann auch die Entscheidung der Deutschen Oper Berlin für diese Besetzung nicht nachvollziehen.
    Karola Lemke

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