Castorfs Krokodile – Oder das größte Ablenkungsmanöver der Operngeschichte

Richard Wagner, Siegfried, Bayreuther Festspiele, 11. August 2017

Richard Wagner, Siegfried, Bayreuther Festspiele, 11. August 2017

Musikalische Leitung: Marek Janowski
Regie: Frank Castorf
Bühne: Aleksandar Denić
Kostüm: Adriana Braga Peretzki
Licht: Rainer Casper
Video: Andreas Deinert, Jens Crull
Technische Einrichtung 2013-2014: Karl-Heinz Matitschka
Siegfried: Stefan Vinke
Mime: Andreas Conrad
Der Wanderer: Thomas J. Mayer
Alberich: Albert Dohmen
Fafner: Karl-Heinz Lehner
Erda: Nadine Weissmann
Brünnhilde: Catherine Foster
Waldvogel: Ana Durlovski

von Sebastian Koik

Der Bühnenbildner Aleksandar Denić ist genial! Jedes einzelne seiner bisherigen Werke in Bayreuth bleibt unvergessen. Das drehbare Bühnenbild mit verschiedenen Räumen und Welten auf der Vorder- und Rückseite ist einfach wunderbar. Nach dem sensationellen Tankstellen-Bar-Motel im Rheingold nun das nächste Meisterwerk.

Diesmal legt der sich öffnende Vorhang den Blick frei auf einen Alu-Wohnanhänger vor spezieller Mount-Rushmore Felsfassade. In diesen schönen Berg sind nicht die Köpfe der vier US-Präsidenten Washington, Jefferson, Roosevelt und Lincoln eingemeißelt, sondern die der kommunistischen Größen Marx, Lenin, Stalin und Mao.

In diesem kleinen Campinganhänger leben unter sehr ärmlichen Bedingungen Siegfried und sein Ziehvater Mime, umgeben von Müll und vielen Büchern, einsam und abgeschieden. Das funktioniert wunderbar und ist wieder herrlich detailliert und stimmig arrangiert. Die kommunistische Mount-Rushmore-Version beeindruckt durch raumfüllende Größe und gelungene handwerkliche Ausführung.

Im zweiten Aufzug offenbart die Drehbühne auf der Rückseite des Berges einen fantastisch stimmungsvollen Alexanderplatz vergangener Zeiten: Mit Leuchtreklamen, U- und S-Bahnstation, Postamt, Schaufenster-Fronten, Restaurant, Kachel-Fassaden und einem wunderschönen und sich drehenden kleinen Nachbau der berühmten Weltzeituhr.

Hier spielt auch die schönste und zauberhafteste Bühnenszene dieses Stückes: das Turteln von Siegfried und dem Waldvogel. Der Waldvogel ist mit seinem ausladenden Federkleid herrlich schön und erinnert an eine Revue- oder Sambatänzerin. Dieser märchenhafte Vogel und das kecke Spiel mit Siegfried wirken vor dieser kommunistischen Szenerie der Tristesse zwar deplatziert, doch gerade durch diesen surrealen Kontrast wirken die Bilder sehr poetisch und kraftvoll.

Im Siegfried präsentiert der Regisseur Frank Castorf wieder eine Vielzahl von Ideen und Gags. Wie bereits in seiner Inszenierung der Walküre gehen sie leider zu oft nicht auf. Zum Teil sind sie unnötig oder verärgern sogar. So wirkt es dem Stück und der Musik gegenüber respektlos, wenn der Wanderer im wichtigen Gespräch mit Erda ihr gar nicht wirklich zuhört, sondern hauptsächlich mit der Krokodilfütterung beschäftigt ist.

Ja, es sind tatsächlich sieben Krokodile auf dem Alexanderplatz. In der Premierensaison waren es nur zwei, über die Jahre haben sie sich offenbar vermehrt. Dem Bühnenbildner Denić ist es zu verdanken, dass sie sehr ansehnlich sind und durchaus ein wenig echt anmuten und sich auch ganz hübsch über die Bühne bewegen.

Klar, Theater darf auch Spaß machen. Wenn Siegfried allerdings den verschlungenen Waldvogel aus einem Krokodil ziehen muss – und das im letzten großen und finalen Liebesduett mit Brünnhilde – dann ist das schon ziemlich daneben. Als ob die Musik nichts wert wäre.

Nach den letzten beiden Aufführungen aus dem Ring-Zyklus hörte man Leute erzählen, dass sie teilweise nur auf die Bildschirme geachtet hätten, anstatt die Szenen auf der Bühne zu verfolgen. Diesmal sagen einige Besucher, dass sie nur den Krokodilen zugesehen hätten, sie hätten nicht anders gekonnt. Damit ist Frank Castorf vermutlich das größte Ablenkungsmanöver der Operngeschichte gelungen.

Den Titelhelden gab an diesem Abend Stefan Vinke. Der Tenor scheint als Sänger ein Überraschungspaket zu sein. Man kann ihn ganz großartig erleben wie im April dieses Jahres an der Deutschen Oper Berlin. Bei dieser Aufführung allerdings bleibt er bis kurz vor Ende des ersten Aufzuges recht blass. Seine Stimme hat nur äußerlich Volumen, wirkt etwas hohl und dünn. Es fehlt an Dichte und Intensität. Vinke singt leider ohne Gefühl und mit zu wenig Ausdruck. Auch darstellerisch vermag er nicht zu überzeugen. Er verkörpert den Siegfried nicht glaubwürdig.

Allerdings: Sobald er sich daran macht, das Schwert zu schmieden, kommt er auf der Bühne an. Während er mit dem Blasebalg Feuer und Glut schürt, erwacht er zu Kraft. Jetzt hat er das Selbstbewusstsein und die Bühnenpräsenz eines Siegfrieds. Seine Stimme gefällt nun, ist nicht nur kraftvoll und intensiv, sondern auch herrlich cremig und weich. Vinkes Gesang erfüllt den Raum. Jetzt macht es Spaß, ihm zuzuhören. Das ist sehr souverän.

Auch im Schmiedelied weiß er zu gefallen, singt nun aber nicht mehr ganz so schön wie zuvor. Wenn er die langen Töne aushält, brilliert Vinke. Er überzeugt vor allem in den Tiefen. In den Höhen fehlt ihm ein wenig, er kommt manchmal nicht so hoch wie er sollte. Sobald das Tempo stärker zunimmt, wird seine Stimme dünner und verliert an Schönheit. Obwohl er ab dem Ende des zweiten Aktes auf deutlich höherem Niveau singt als an dem schwachen Start, vermisst man über den ganzen Abend hinweg doch ein wenig Nuancierung und Ausdruck.

Sehr ausdrucksstark, akzentuiert und extrem textverständlich singt Andreas Conrad den Mime. Sein Sprechgesang ist große Klasse. Auch darstellerisch macht er das wunderbar. Er verkörpert die Rolle sehr glaubhaft – eine gelungene Besetzung!

Thomas J. Mayer als Wanderer ist an diesem Abend nicht ganz so überzeugend. Sein tiefer Bass wirkt ein wenig hohl und blass. Auch er hat zu wenig Ausdruck in der Stimme. Dazu kommt, dass er kaum Präsenz und Ausstrahlung zeigt. Zwar steigert er sich im Verlauf des Abends etwas, doch man nimmt ihm seine Rolle nicht wirklich ab – allerdings ist das Kritik auf hohem Niveau! Auf dem Bayreuther Parkett, inmitten von hervorragenden Sängerinnen und Sängern ist er im Vergleich einer der Schwächeren. Schlecht macht er seine Sache aber nicht und auch er bekommt am Ende großen Applaus.

Der Bass Albert Dohmen singt einen guten Alberich. Karl-Heinz Lehner bleibt als Fafner etwas blass und Nadine Weissmann verkörpert eine gute Erda. Ana Durlovski sieht als Waldvogel sensationell aus und bewegt sich in ihrem schweren Kostüm herrlich über die Bühne. Ihre Stimme klingt allerdings etwas unangenehm künstlich.

Und dann kommt Catherine Foster als Brünnhilde! Die Aufführung wird durch ihren Auftritt zu einer ganz anderen! Ihre Stimme bringt Licht in den großen Saal und verzaubert sofort das ganze Publikum. Man könnte wohl ohne Risiko wetten: Kein einziges Ohr oder Herz ist nicht entzückt von ihrem Gesang. Der Klang ihrer Stimme ist glockenklar, von großer Dichte und strahlt hell in den Raum. Diese Catherine Foster ist der Höhepunkt des Abends! Auch darstellerisch verkörpert sie die Brünnhilde ganz wunderbar.

Das Bayreuther Festspielorchester unter Marek Janowski macht seine Sache gut. Es präsentiert sich noch mal etwas besser als bei den ersten beiden Aufführungen und kann sich im Laufe des Abends noch steigern. Vor allem im ersten Akt hätte man sich ein wenig mehr Spritzigkeit und Esprit gewünscht. Das Timing ist manchmal nicht ganz optimal. Im letzten Aufzug sind die Musiker dann gut im Fluss. Insgesamt ist der Auftritt unter Janowski solide.

Erstmals in diesem Ring-Zyklus gibt es für die Inszenierung ein paar einzelne Buh-Rufe. Bei den ersten Aufführungen im Jahr 2013 war es noch fast das gesamte Festspielhaus. Im fünften Jahr des Castorfschen Rings empört sich das Bayreuther Publikum nicht mehr – Wahrscheinlich auch ein Zeichen dafür, dass die Zeit dieser Inszenierung abgelaufen ist.

Sebastian Koik, 12. August 2017, für klassik-begeistert.de

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