Dieser Tannhäuser in Berlin bleibt in Erinnerung

Richard Wagner, Tannhäuser, Andreas Schager, Emma Bell,  Deutsche Oper Berlin

Foto © Leo Seidel
Richard Wagner, Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg
Deutsche Oper Berlin
, 19. November 2017
Michael Boder Dirigent
Kirsten Harms Inszenierung
Bernd Damovsky Bühne/Kostüme/Licht
Eva-Maria Abelein Spielleitung
Andreas Schager Tannhäuser
Emma Bell Venus/Elisabeth
Christoph Pohl Wolfram

von Yehya Alazem

„Im Venusberg drangen wir ein!“ Wer will aus dem Venusreich ziehen, wenn man so viel Lust, Rausch und Ekstase erleben kann? Was für eine Musik, was für eine Szene und was für eine musikalische Leistung! Was an diesem Abend an der Deutschen Oper Berlin zu erleben ist, ist die absolute Spitze des Wagnergesangs. Andreas Schager und Emma Bell sorgen für unvergessliche Momente.

Richard Wagners Tannhäuser ist eine der schwierigsten Rollen der Tenorstimmlage. Seit René Kollo und Peter Seiffert hat die Welt kaum einen so guten Tannhäuser erlebt wie an diesem Abend den österreichischen Tenor Andreas Schager, den Heldentenor unserer Zeit! Was diese Partie an Kraft, Eleganz und Geschmeidigkeit in der Stimme fordert, macht die Sache kompliziert – Andreas Schager hat ALLES.

Seine Strahlkraft erfüllt den Saal. Sobald er auf der Bühne steht und den ersten Tonansatz nimmt, wissen die Zuhörer: Hier wird etwas Großes geschaffen. Schager besitzt eine große, mächtige Stimme, die auch in allen Lagen wunderschön klingt. Er meistert alle technischen Schwierigkeiten mit Bravour. In der Romerzählung zeigt er auch eine hervorragende Ausdruckskraft. Ja, dieser Andreas Schager ist als Tannhäuser vollkommen, sowohl stimmlich als auch darstellerisch!

Als seine Liebesgöttin und Erlöserin kann Schager kaum eine bessere finden als die britische Sopranistin Emma Bell, die an diesem Abend die Venus und die Elisabeth singt und spielt. Wie sie die beiden Rollen gestaltet und auch zwischen ihnen gut differenziert, ist unfassbar. Als Venus ist sie explosiv, erotisch und vulgär – als Elisabeth kann sie das Unschuldsvolle, das Reine und das Engelhafte hervorbringen.

Emma Bell hat eine weiche, aber große Stimme mit einem wunderschönen dunklen Klang, der voller Nuancen ist. Jeder Ton erfüllt den Raum und bezaubert. Ihre Phrasen schweben wie Wölkchen über das Publikum. Wenn sie in der Venusszene „Geliebter komm, sieh dort die Grotte, von rosigen Düften mild durchwallt“ singt, ist dies der größte Gänsehautmoment des Abends.

Markus Brück sollte den Wolfram singen, musste aber wegen einer Erkrankung absagen. Binnen fünf Stunden ist der deutsche Bariton Christoph Pohl, Ensemblemitglied der Semperoper Dresden, eingesprungen. Trotz dieses kurzfristigen Einspringens bewältigt er seine Rolle sehr gut. Auf der Bühne hat er keine Probleme mit der szenischen Darstellung, er scheint die Inszenierung gut zu kennen. Seine Stimme hat ein dunkles Timbre, das immer angenehm klingt. Pohl singt sehr ausdrucksstark, aber auch kontrolliert, und er zeigt eine hervorragende Textbehandlung.

Alle anderen Sänger überzeugen in ihren Partien, und der Chor der Deutschen Oper Berlin klingt traumhaft schön und kompakt. Die Chorsänger singen mit perfektem Timing und Ausdruck und halten das Gleichgewicht die ganze Oper hindurch. Das Orchester der Deutschen Oper Berlin unter dem deutschen Dirigenten Michael Boder spielt bezaubernd und transparent und harmoniert superb mit den Stimmen der Sänger. Boder hält ein gutes Tempo durch und lässt das Orchester nie die Stimmen der Sänger übertönen.

Die Inszenierung der vorherigen Hausherrin der Deutschen Oper, Kirsten Harms, hat leider gar keine Überzeugungskraft. Die Identität der männlichen Sänger und der Sängerkrieg auf Wartburg im zweiten Aufzug könnten dem Libretto entsprechen. Die Tatsache aber, dass Venus und Elisabeth in dieser Inszenierung die gleiche Person sind, ist nicht wahrzunehmen. Wovon handelt diese Oper? Existiert überhaupt eine Erlösung? Der Kern der Handlung ist vollständig verlorengegangen. Dies ist eine szenische Interpretation des Werks, die völlig unglaubwürdig ist.

Glücklicherweise sind die musikalischen Leistungen so phantastisch, dass sie den Abend trotz der dürftigen Inszenierung retten können. Dank dem Dirigenten und den Sängern, die ihren Wagner gut können und ihre Rollen mit ausgezeichnetem Gesang und überzeugender Gestaltungskraft verkörpern, wird dieser Abend für immer in Erinnerung bleiben, insbesondere die Venusszene im ersten Aufzug.

Yehya Alazem, 25. November 2017, für
klassik-begeistert.de

2 Gedanken zu „Richard Wagner, Tannhäuser, Andreas Schager, Emma Bell,
Deutsche Oper Berlin“

  1. Also, mit Verlaub, aber dass der Schager „alles“ hat, das kann man nicht glauben. Wenn er den Tamino anstimmt in der Staatsoper, dann denkt man: Zu Hilfe, zu Hilfe – kein Tristan! Also, ich weiß ja nicht, welche guten Tannhäuser es heutzutage gibt, aber ich habe noch immer Spas Wenkoff in Ohr und Auge.
    W. Eck

    1. Schager sollte keinen Tamino mehr singen. Stimmt.
      Und Wenkoff war vor Kollo und Seifert.
      Schager ist endlich wieder ein Tannhäuser, der nicht mit den Anforderungen kämpft, sondern sie beherrscht und darüber hinaus gestalten kann.
      Negatives Gegenbeispiel Lance Ryan in Wiesbaden.
      „Klingsor“

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