"Tristan und Isolde" in Berlin: Zwischen Andreas Schager und Anja Kampe mangelt es an Spannung und Chemie

Richard Wagner, Tristan und Isolde,  Staatsoper Unter den Linden, Berlin

Staatsoper Unter den Linden, Berlin, 11. Februar 2018
Richard Wagner, Tristan und Isolde
Daniel Barenboim, Dirigent
Dmitri Tcherniakov, Inszenierung/Bühne
Elena Zaytseva, Kostüme
Andreas Schager, Tristan
Anja Kampe, Isolde
Stephen Milling, König Marke
Ekaterina Gubanova, Brangäne

von Yehya Alazem

„Da ich nun aber doch im Leben nie das eigentliche Glück der Liebe genossen habe, so will ich diesem schönsten aller Träume noch ein Denkmal setzen“, schrieb Richard Wagner in seinem Exil in Zürich 1854 in einem Brief über „Tristan und Isolde“ an Franz Liszt.

Wo ist diese Liebe? Wer sind Tristan und Isolde? Was ist der eine dem anderen? Die Neuinszenierung von Wagners epischem Musikdrama „Tristan und Isolde“ von Dmitri Tcherniakov an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin ist jugendlich und enthusiastisch, aber komplett lieblos.

Im ersten Aufzug befinden wir uns in einem Zimmer einer Yacht – Tristan und andere Politiker/Geschäftsmänner feiern. Wenn die Männer das Zimmer verlassen, um hinaufzugehen und das Meer zu genießen, tritt Isolde mit ihrer Vertrauten Brangäne auf. Im ersten Akt sind die Rollen von Tristan und Isolde so, wie man sie sich normalerweise vorstellt – bis sie den Trank trinken. Hier ist es weder ein Liebes- noch ein Todestrank; es ist eine Droge, von der man lachen wird. Die beiden fallen auf den Boden und brechen in Lachen aus, bis König Marke auftaucht.

Im zweiten Aufzug gibt es eine Cocktailparty vor dem langen Duett zwischen Tristan und Isolde. Dies ist aber kein Liebesduett! Dies ist keine Liebesnacht. Es gibt keine Liebe, keine Leidenschaft und keine Erotik. Tristan und Isolde springen herum wie kleine Kinder – so unschuldsvoll kann es nicht sein, wenn wir die Musik dieser Szene hören. Wagner beschreibt die Liebe, die Leidenschaft und die Erotik in seiner Partitur in den äußersten Grenzen, davon erleben wir aber nichts im szenischen Geschehen.

Der letzte Aufzug spielt im Kinderzimmer des Tristan, in dem er seine Kindheit verarbeitet, als seine Eltern als Geister auftauchen. Am Ende wird klar, dass er in Isolde eine mütterliche Figur gesehen hat. Nachdem Isolde den Liebestod gesungen hat, setzt sie sich neben den toten Tristan, als würde sie als seine Mutter ein kleines Märchen zum Einschlafen lesen.

Anja Kampe, die 2015 die Isolde unter Christian Thielemann in Bayreuth singen sollte und vier Wochen vor der Premiere die Titelrolle zurückgab, gastiert nun unter Daniel Barenboim an der Staatsoper Unter den Linden. Ihre goldfarbige, warme Mittellage gibt der Rolle der Isolde etwas besonderes, aber trotzdem ist die Rolle zu groß für sie. In der Mittellage klingt sie kontrolliert und total angenehm, aber sobald sie ins höhere Register kommt, klingt sie schrill und zu anstrengt. Die Spitzentöne gelingen ihr leider nicht so gut an diesem Abend.

Andreas Schager, der gerade einen riesigen Erfolg mit seinem Siegfried an der Semperoper in Dresden feierte, erreicht leider im ersten und zweiten Aufzug nicht sein eigentliches Niveau. Er hat zwar die ganze Oper hindurch die Kraft und Eleganz, aber in den ersten zwei Akten muss der Tristan mehr Selbstbeherrschung haben, die Schager an diesem Abend fehlt. Erst im dritten Akt überzeugt er vollends mit starkem Ausdruck und jugendlicher Spontaneität.

Weder für Schager noch für Kampe ist es einfach, sich in dieser Inszenierung zurechtzufinden. Die beiden scheinen sich nicht richtig wohl in ihren Rollen zu fühlen – zwischen ihnen mangelt es an Spannung und Chemie.

Ekaterina Gubanova liefert eine Weltklasseleistung als Brangäne. Sie bewältigt sowohl die gesangliche als auch darstellerische Aufgabe mit Bravour. Ihre dunkle, dramatische Stimme brilliert im tiefen wie im hohen Register.

Stephen Milling bietet trotz einer Erkältung eine sehr gute Leistung als König Marke. Sein solider Bass ist kräftig und warm, er singt äußerst klar und textverständlich.

Daniel Barenboim dirigiert seine siebte Tristan-Produktion. Er zeigt zwar seine Wagner-Routine, hat aber nicht die Kontrolle über das ganze Orchester, und seine Tempi sind manchmal allzu schnellwechselnd, vor allem im Liebesduett im zweiten Akt. Die Streicher klingen fabelhaft schön, werden jedoch oft von den Blechbläsern übertönt, die auch die Sänger übertönen. Die Balance im Orchestergraben ist an diesem Abend nicht in Ordnung.

Viele Zuschauer hatten das Haus vor dem dritten Akt verlassen, an den Seiten im dritten Rang blieben viele Plätze leer. Die Sänger und Barenboim mit seiner Staatskapelle Berlin wurden mit großem Beifall gefeiert, für den Regisseur gab es teilweise Buhrufe.

Yehya Alazem, 12. Februar 2018, für
klassik-begeistert.de

Foto: Monika Rittershaus

3 Gedanken zu „Richard Wagner, Tristan und Isolde,
Staatsoper Unter den Linden, Berlin“

  1. Das Kommando haben in der Oper die Regisseure übernommen. Wieso Barenboim sich nicht wehrt gegen so einen Blödsinn, ist mir schleierhaft. Mit Carlos Kleiber wäre das nicht gegangen. Die Sänger haben sowieso nichts mehr zu plaudern. Die Direktoren würden eher auf einen Sänger von der Qualtät Schagers verzichten als auf den Regisseur. Piotr Bezcala hat in einem Interview gesagt: Wir Sänger wurden entmachtet. Diese Entwicklung ist meiner Meinung nach ein absoluter Irrweg.

    Anton Reischer

    1. Der von Ihnen angesprochene Piotr Bezcala genießt zumindest die Sonderstellung oder beweist den Mut, wie immer man das sehen möchte, die Arbeit mit ihm unliebsamen Regisseuren prinzipiell abzulehnen.

      Jürgen Pathy

  2. Beide Kommentare sind richtig und wichtig. Wie lange lässt sich das Publikum eigentlich noch gefallen, dass Musik, Dirigenten und Sänger Höhepunkte schaffen und bejubelt werden – zu Recht! – und dann aber die Regie alles zerstört. Das geht nun schon seit mindestens zehn Jahren so, alle wissen es, fast alle beklagen es, und das Metier leidet darunter. Will man die Oper abschaffen – dann soll man es sagen, zu teuer ist sie ohnehin längst geworden, was nicht an Sänger- und Dirigentengagen liegt, sondern an dem Regie-Schwachsinn, der für fünf bis acht Vorstellungen mehr Geld vergeudet, als früher ein ganzer Ausstattungs-Etat für ein Jahr kostete. Ich kann und will nicht verstehen, wofür das gut sein soll – es sei denn: man arbeitet auf den Untergang hin!
    Offensichtlich erfolgreich.
    Werner P. Seiferth

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