„Traumfrau“ erzeugt Soggefühl

Rigoletto, Giuseppe Verdi
Deutsche Oper Berlin, Freitag, 24. Juni 2016

Göteborg liebt die Deutsche Oper Berlin. Wer an diesem mit 35 Grad sehr heißen Freitag den „Rigoletto“ des italienischen Jahrtausend-Komponisten Giuseppe Verdi im Haus an der Bismarckstraße verfolgte, der konnte in der Pause allein mit drei Gästen aus der zweitgrößten schwedischen Stadt plaudern. Yehya Alazem, 26, sowie das Ehepaar Alice, 41, und Robert Orbelin, 47, kennen sich nicht – aber sie sind alle einer Meinung: Dieser „Rigoletto“ ist musikalisch sehr beglückend, von der Inszenierung her nicht sonderlich einfallsreich und vor allem dank des Auftritts der russischen Koloratursopranistin Olga Peretyatko ein Genuss.

„Olga ist wirklich fabelhaft, absolut erste Klasse“, sagt Robert Orbelin, der ein Liebhaber von Verdi- und Wagner-Opern ist, „weil die so dramatisch sind und von ihnen ein großartiger Impuls ausgeht“. „Sie spricht mich direkt an, wenn sie singt und unterstreicht ihren wunderbaren Gesang auch durch ihre Darstellung auf der Bühne.“ Seine Ehefrau Alice Orbelin sagt: „Olga Peretyatko hat die wunderbare Gabe, mit dem Publikum zu kommunizieren. Sie gibt wirklich alles, das spüren die Zuschauer.“

Kein Wunder, dass auch Berliner Kritiker hin und weg sind, wenn sie die Russin in der Hauptstadt hören: „Eine wahre Traumfrau, die Olga Peretyatko“, schreibt die Berliner Morgenpost. „Sie erzeugt dieses eigenartige Soggefühl – ein Gefühl, das alle anderen Dinge in den Hintergrund geraten lässt, wenn die Sängerin den Raum betritt. An Schönheit und Ausstrahlung reicht sie mühelos an die Netrebko heran. An Stimme sowieso.“

Auch der Berliner Michael Korinth, 59, ist von Olga Peretyatko angetan: „Sie hat einen butterweichen Sopran, der sehr samtig ist. Ihr Gesang rührt mich.“ Der Göteborger Yehya Alazem sagt, „die Peretyatko singt technisch superb. Bei ihr sitzt jeder Ton, die Stimme perlt. Aber sie berührt mich noch nicht ganz so stark wie die Sopranistin Anja Harteros, etwa als Elisabeth in Don Carlo an der Wiener Staatsoper im Mai dieses Jahres.“

Den Nimbus ihrer russischen Landsfrau Anna Netrebko, 44, indes hat die 36 Jahre alte Olga Peretyatko, die dank eines Studiums an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin fast perfekt Deutsch spricht und noch immer ihre Studentenbude in Prenzlauer Berg hat, noch nicht ganz. So haben die Berlinerin Marlis Edle von Leveling-Stolzenburg, 69, und Natalia Lakottka, 42, aus dem weißrussischen Minsk ihren Namen noch nie gehört.

Der Opernenthusiast Yehya Alazem hat trotz seiner jungen Jahre schon mehr als 1000 Stunden in Opern- und Konzerthäusern verbracht. Der Nuklear-Ingenieur, der als Consultant für zwei schwedische Atomkraftwerke arbeitet, reist seit vielen Jahren regelmäßig zu großen Aufführungen in Europa. „I am a opera lover“, sagt der Schwede mit syrischen Wurzeln. „Ich investiere meine Zeit und mein Geld für die Oper und klassische Konzerte. Die Zeit in der Oper macht mich glücklich. Die besten Momente meines Lebens erlebe ich, wenn ich eine gute Aufführung sehe und höre. Mein Lieblingskomponist ist Verdi.“

Yehya Alazem ist extra für vier Monate nach Berlin gekommen, um Opern und klassische Konzerte zu hören. Tagsüber lernt er Deutsch. Abends geht er in eines der drei Berliner Opernhäuser. „Am Donnerstag war ich in der Deutschen Oper Berlin in Elektra von Richard Strauss, heute im ‚Rigoletto’ und am Samstag beginnt für mich an der Staatsoper mit dem ‚Rheingold“ der ‚Ring’-Zyklus von Richard Wagner.“

Ich selbst bin zufrieden aus dem „Rigoletto“ gegangen – wenn ich nur den zweiten Teil betrachte, sogar glücklich. Bis zur Pause schien es, als sängen die Darsteller nur mit angezogener Bremse. Dies war auch dem spartanischen Bühnenaufbau geschuldet, der einiges an Stimmvolumen schluckt. Schade. Vor allem der Tenor Yosep Kang als Herzog von Mantua war nicht eingesungen und kam nicht richtig in Fahrt.

Ganz anders nach der Pause. Betörend singt der Koreaner die Arie des Herzogs. Vor allem die Mittellage ist bei Kang wundervoll kraftvoll und warm, sie hat ein herrliches, volles Volumen – da sieht man gerne über mitunter etwas angestrengt wirkende hohe Töne hinweg.

Der Bariton George Gadnidze singt die Rigoletto-Arie im zweiten Akt („Cortigiani, vil razza dannata“) wunderschön ausdrucksstark. Gagnidze ist ein echter Verdi-Bariton mit subtiler Pianokultur und sicher geführten Ausbrüchen. Das toppt er dann noch im Finale: Mit den Worten „la maledizione / der Fluch“ endet eine hervorragende Vorstellung.

Über die kostengünstige Inszenierung von Jan Bosse mit ihren billigen Plastiksitzen und einfallslosen Baugerüsten decken wir lieber den Mantel des Schweigens. Aber sie stört auch nicht sonderlich; die Sänger kommen in den Arien und Duetten gut zur Geltung – das ist im Gegensatz zu manch anderer moderner Inszenierung schon ein großes Plus. Leider schluckt der Bühnenaufbau viel Stimmkapazität, vor allem das stupide Gittergestellhaus.

Einziger Wermutstropfen an diesem Abend: Chor, Orchester und Solisten folgen nicht immer der Zeichensprache des Dirigenten Giampaolo Bisanti. Der Chor fällt bisweilen auseinander, das kann er besser. Viel geprobt dürften Orchester und Chor für diese Aufführung nicht haben.

Andreas Schmidt, 25. Juni 2016
klassik-begeistert.de

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